Ein “Angel” und die Pressefreiheit
Heute in eigener Sache nicht der FR, sondern der Medien insgesamt: Es mag “nur” um ein gefallenes Musiksternchen gehen, aber es geht auch um die Rechte der Presse und Versuche, diese einzuschränken.
Praktisch alle Meiden – auch die FR – haben in den vergangenen Tagen über “No Angels”-Mitglied Nadja Benaissa berichtet, die wegen des Verdachts schwerer Körperverletzung inhaftiert wurde. Viele haben dies sehr differenziert getan und auch die Frage gestellt, ob die Staatsanwaltschaft den richtigen Weg gegangen ist, als sie die Festnahme vor einem Konzert in Frankfurt an die große Glocke hängte.
Ich denke: Ja, das kann man kritisieren. Aber man kann daraus nicht den Schluss ziehen, den Benaissas Anwälte ziehen: Sie haben – bisher “nur” gegen “Bild” – eine Verfügung erwirkt, und das mag man auf den ersten Blick – bei der Art, wie dort mit solchen Themen verfahren wird – begrüßen. Aber doch steckt da eine Gefahr drin: Nicht, weil die Welt alles über Frau Benaissa wissen müsste. Sondern weil a) an ihr Fall auf bisher nicht beleuchtete, exemplarische Weise ein gesellschaftlich relevantes und interessantes Thema (Prävention kontra Repression in Sachen HIV) betrifft und weil b) Einschränkungen auch die Berichterstattung über andere Personen treffen könnten, die wie Benaissa aus meiner Sicht eindeutig und aus eigenem Antrieb öffentliche Personen geworden sind.
Beides zusammen – öffentliche Person und relevantes Thema – muss der freien Presse das eindeutige Recht geben, zu berichten (vorausgesetzt, sie tut es seriös). Dass auch Promis eine Privatsphäre haben müssen und dass die geschützt werden muss, bestreite ich keineswegs. Dass sie aber Berichterstattung ertragen müssen, wenn sie – beispielsweise – verhaftet werden, halte ich für absolut notwendig. Nicht wegen eines gestolperten Starlets, sondern aus Prinzip.


57 Kommentare, Kommentieren oder Ping
1. Werner Thiele-Schlesier
Ich muss zugeben, dass ich den Bericht nicht gelesen habe. Was ich allerdings nicht als rechtmässig erachte, ist die Tatsache, dass bei schweren Körperverletzungen, die von besoffenen Männern hier regelmässig vor ner Diskothek begangen werden, so getan wird, als seien das Wirtshausraufereien. Da wird, wie ich von meinem Neffen weiss, nachdem der Gegner zu Boden gegangen ist, dieser mehrfach mit dem Fuss malträtiert. Sind denn Knochenbrüche keine Verletzungen, deren Ursache Richter suchen müssen? Oder ist inzwischen die Gewalt aus den Schulen in der Gesellschaft soweit angekommen, dass alle darunter leiden, die sich mal am Wochenende nur in der Disko ein wenig ablenken wollen vom Stress des Alltags?
Wer sich in dieser Gesellschaft ungeschütztem Verkehr hingibt, den muss der Staatsanwalt ebenso verfolgen, wie in diesem Fall, begibt er sich doch wissentlich in eine Gefahr, die jeder vernünftige Mensch miedet, ausser er ist vom Papst beeinflusst.
16.04.09 - 15:21
2. Abraham
Lieber Stephan Hebel,
wenn Sie zugestehen, dass auch ein “gefallenes Musiksternchen” Recht auf Privatleben haben muss, dann können Sie doch weder die ungewöhnliche Auskunftsbereitschaft der Staatsanwaltschaft noch die Berichterstattung der Medien in dem “Fall” Nadja Benaissa billigen.
Sicher muss es möglich sein, in den Medien über die “Prävention kontra Repression in Sachen HIV” zu diskutieren. Dazu ist es aber nicht nötig, die Beschuldigte namentlich zu nennen. Ihre scheinbare oder tatsächliche Prominenz hat doch mit der Rechtsfrage überhaupt nichts zu tun. Der Verzicht auf die Namensnennung bedeutet keine Einschränkung der Pressefreiheit, dieser ist meines Wissens sogar nach den Regeln des Presserats geboten, zumal in einem Stadium der beginnenden Ermittlung.
“Öffentliche Personen”, zu der sich die NoAngels zweifelsohne selber gemacht haben, müssen sicherlich hinnehmen, dass Medien über eine Verhaftung berichten. Aber auch Promis haben, wie Sie, lieber Hebel, selber feststellen, das Recht auf Privatsphäre. Die Offenlegung der Beschuldigung, die hier den Intimbereich berührt, erscheint mir überhaupt nicht gerechtfertigt, zumal in dem frühen Stadium der Ermittlung. Das Vorgehen des Anwalts der Sängerin ist für mich deshalb nachvollziehbar.
16.04.09 - 21:05
3. Fairy
Hallo,
ich muss doch sehr bitten: Diese Musiksternchen tun schlichtweg alles, um im Rampenlicht zu stehen. Dann müssen sie auch die Folgen tragen. Und wenn doch die Kollegin der Dame sogar selber Werbung für die Anti-Aids-Kampagne mit vollem Namen und Gesicht macht – dann sollte das Negativbeispiel eben auch genannt werden. Vor allem deshalb, weil dann ein paar Menschen vielleicht mal aufwachen und merken: huch – es trifft ja nicht nur Homosexuelle oder Drogendealer – es könnte auch mir passieren – genauso wie meinem Star.
Und die Abgründe des Menschlichen aufzutun scheint mir auch wichtig: Das Sternchen ist ja – guckt man sich die Zahlen an – offenbar nicht die einzige, die wissentlich die Seuche weiter trägt. Will heißen: Trau, schau wem!
Und die Staatsanwaltschaft kritisieren kann man ja nur, wenn man weiß wer sie ist. Y wurde vor einem Konzert festgenommen – ja und? Erst der Name sagt doch, dass das ein wichtiger Event gewesen sein dürfte für sie.
Viel trauriger finde ich, dass es eine Frau ist, die hier erstmals so an den Pranger gestellt wird – und nicht die vielen Männer, die das gleiche tun.
17.04.09 - 08:22
4. maat
Ich möchte euch folgenden Beitrag ans Herz legen:
http://www.stefan-niggemeier.de/blog/
Stefan Niggemeier hat dieses Thema hervorragend kommentiert. Besser kann man das Ganze nicht auf den Punkt bringen.
17.04.09 - 10:47
5. wolf
@Maat,
ja, einer guter Beitrag mal wieder von stefan niggermeier.
@Stephan hebel
Ich denke im Prinzip ist die Berichterstattung, solange es sich lediglich um ein Ermittlungsverfahren handelt, schlicht üble Nachrede. Am Arbeitsplatz hieße das Mobbing und wird zu recht hart bestraft. Der Fall Tauss hat bisher noch immer ohne Anklage gezeigt, dass eine solche Berichterstattung regelmäßig dem öffentlich Hinrichten gleichkommt. Vielleicht ist dieses öffentliche Vernichten von Personen unser zivilisatorischer virtueller Ersatz der öffentlichen Steinigungen, Pranger und Hinrichtungen. Es befriedigt scheinbar den inneren Sadisten in vielen von uns, solche “Neuigkeiten” zu lesen. Die Unschuldsvermutung jedoch ist aufgehoben, wenn eine solche Berichterstattung stattgefunden hat. Den gerade für Personen des öffentlichen Lebens ist ihr Leben und Wirken regelmäßig beendet, ob sie dann eingesperrt werden oder frei rumlaufen dürfen ist da vollkommen irrelevant. Ich fand damals auch die vorauseilende Bericherstattung bei Zumwinkel abartig.
Ich empfehle hierzu auch den Artikel von Heribert Brandel heute in der SZ: “Star, Sex und Stigma — Die Unschuldsvermutung gehört zu den Grundsätzen des Rechtsstaats – sie wird immer öfter verletzt”
http://www.sueddeutsche.de/panorama/732/465324/text/
und der Artikel von Hans Leyendecker in der SZ “Intimes, inszeniert und vorgeführt”.
Und lieber Stephan, wie oft lehnte die FR schon Berichte über Themen ab, wegen Platzmangels und dann wird Platz in der Berichterstattung zur Befriedigung zumindest zweifelhafter Neugierde geschaffen.
17.04.09 - 17:20
6. Uwe Theel
Kleine Frage an (nicht nur) die FR-Zeitungsmacher:
Warum muß allem Anschein nach heute fast jeder Zeitungsartikel, mindestens aufgemacht, wenn nicht durchgestaltet (durchgestylt) werden mit dem Faktor, dem Stil- und Inhaltsmerkmal “human touch”, bzw. eine “emotive Anmutung” haben?
Abgesehen davon, dass man hier in, ich sage einmal, mindestens 80% aller Fälle dabei unvermeidlich im Boulevardjournalismus landet und heutzutage bei einem “bildungsfernen” Publikum aus allen Schichten “Quote” machen kann fände ich kein “Argument” und dieses überzeugt mich nicht.
Will ich an einem Thema, einem Ereignis die das Human bedrohende oder befördernde Komponente herausarbeiten, so mag auch das “Persönliche”, das “Private” des Opfers, des Täters im Einzelfall des Berichtens notwendig sein. Dann aber hat der Autor dies selbst herauszuarbeiten, nicht die Versatzstücke aus diversen Mitteilungen für die Presse oder primitivsten Presseerzeugnissen selbst immer nur wieder zu kolportieren, zu collagieren und mit wohlfeilen, moraltriefenden oder populistischen Sprüchen – von Thesen dürfte hier nicht gesprochen werden – aufzupeppen, die er weder selbst abgeleitet oder wirklich in einen vernünftigen Zusammenhang eingeordnet hätte. Zeitungsautoren, die verstehen dies nicht zu tun, ihr Handwerk also verstehen sind heute rar geworden.
Ich fürchte, Sie sind rar geworden, weil Zeitungseigner, genau wie andere Medienpublizisten auf die o.a. angeführte falsche Marketingstrategie des falschemotionalen Einschleichens beim Leser/Zuschauer abgefahren sind, anstelle einem vernünftigen und wirklich sensiblen, was immer auch heiß kerativen Journalismus zu praktizieren. Daß das Publikum dafür selbst ebenso selten geworden ist, liegt wohl daran, daß in einer angebotsorientiert gestalteten Gesellschaft kurzerhand das gute Angebot ausgeblieben ist, abgeschafft worden ist. Der Mensch ist unter anderem auch vergeßlich. Erhält er keine wirkliche Bildung des Geistes und der Gefühle, so vergißt er der Vernunft und der Empathie, man nennt das Abstumpfung, Verrohung. Das Ende mag dann Barbarei sein.
Irgendwann sagt jeder nur noch: Es war doch nie anders, nie besser
17.04.09 - 18:09
7. Abraham
@ Wolf
Sie sind mir mit den Verweisen auf die beiden SZ-Artikeln zuvorgekommen (der Autor des verlinkten Beitrag heißt allerdings Heribert Prantl). Was noch nachzutragen ist: Die SZ hat beschlossen, auf die Nennung des Namens der verhafteten Sängerin zu verzichten, auch wenn dieser bereits in alle Medien veröffentlicht wurde.
Hingegen hält die FR, lieber Stephan Hebel, trotz kritischer Kommentierung (siehe http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/meinung/kommentare/1722157_Leitartikel-Vorverurteilt.html), an der namentlichen “aktuellen” Berichterstattung fest (siehe z.B. http://www.fr-online.de/in_und_ausland/panorama/1722888_No-Angels-Saengerin-Benaissa-kann-auf-Freilassung-hoffen.html). Auch wenn dies “seriös” geschieht, wir damit die Vorverurteilung zementiert.
17.04.09 - 19:27
8. Abraham
Damit mein Kommentar, der zwei Links enthält, übers Wochenende nicht in der Moderationsschleife verschwindet, hier die – aufgeteilte – Wiederholung:
@ Wolf
Sie sind mir mit den Verweisen auf die beiden SZ-Artikeln zuvorgekommen (der Autor des verlinkten Beitrag heißt allerdings Heribert Prantl). Was noch nachzutragen ist: Die SZ hat beschlossen, auf die Nennung des Namens der verhafteten Sängerin zu verzichten, auch wenn dieser bereits in alle Medien veröffentlicht wurde.
Hingegen hält die FR, lieber Stephan Hebel, trotz kritischer Kommentierung (siehe nächstes Posting), an der namentlichen “aktuellen” Berichterstattung fest (siehe z.B.übernächstes Posting). Auch wenn dies “seriös” geschieht, wir damit die Vorverurteilung zementiert.
17.04.09 - 22:30
9. Abraham
Fortsetzung:
hier der Link zum Kommentar: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/meinung/kommentare/1722157_Leitartikel-Vorverurteilt.html
17.04.09 - 22:31
10. Abraham
2. Fortsetzung:
hier der Link zum Bericht: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/panorama/1722888_No-Angels-Saengerin-Benaissa-kann-auf-Freilassung-hoffen.html
17.04.09 - 22:32
11. BvG
Grippetote in Deutschland: 16.000 in 2003 (Quelle: Stern)
Aidstote in Deutschland: 461 in 2007 (Quelle :Stern)
Öffentlicher Nahverkehr ist jedenfalls gefährlicher (und medienrelevanter) als privater Sexualverkehr.
17.04.09 - 22:52
12. Anna
@ BVG
Was soll denn Ihre Gegenüberstellung (Grippe– versus AIDS-Todesrate) sagen? Wohl doch nichts anderes als dass die Wahrscheinlichkeit an einer Grippe zu sterben höher ist als sich mit dem AIDS-Virus zu infizieren? Würden Sie das auch Ihrem 18-jährigen Sohn oder Tochter in der Art verklickern?
Liberalität in Ehren, aber so ein Ansatz zu diesem Thema ist im besten Fall lächerlich – im schlimmsten Fall tödlich. Scheinbar fehlt Ihnen der persönliche Bezug zu diesem Thema, d.h. Sie kennen wohl keinen, der HIV-positiv geworden ist?
18.04.09 - 07:43
13. BvG
@Anna
Es geht um die Berichterstattung!
Man stelle sich die folgende Schlagzeile vor:
“Grippekranker in Haft
Dingsstadt Trotz einer ihm bekannten Grippeinfektion setzte sich der Angestellte John Doe zu ungezählten Menschen in die U-Bahn, ohne diese über seine Krankheit zu informieren und ohne die einfachsten Schutzmaßnahmen zu ergreifen.” (Mit Bild und Name)
“Mein” Ansatz ist der öffentlich praktizierte – umso lächerlicher ist er.
18.04.09 - 10:57
14. wolf
@abraham,
danke für die Namenskorrektur… peinlich, peinlich.
Zur Namensnennung: Die SZ belegt jedoch welch fatale Folgen das Outsourcing und aufteilen der Aufgabe hat. Bei den von mir verlinkten Artikel wird zu oberst ein Bild der Pop-Gruppe abgebildet. da es sich lediglich um vier Damen handelt, ist dies quasi schon fast die Namensnennung… Da muss die SZ wohl an ihrem Qualitätsmanagement arbeiten und die Vorstellung der annonymität auch ihren Webgestaltern mitteilen….
Ansonsten kann ich ihnen natürlich nur recht geben…
18.04.09 - 11:06
15. wolf
und sorry, ich glaube wir waren beim du, oder irre ich da jetzt?
18.04.09 - 11:07
16. Werner Thiele-Schlesier
@ fairy # 3
Warum wird denn nur diese eine Frau angeprangert? Da war doch auch die Ansteckung dieser Frau vorher. Warum wird nicht nach diesem geforscht? Warum haben sich die drei nicht geschützt? Diese Fragen werden in dem Artikel nur in Fragmenten angesprochen.
Dass im menschlichen Miteinander der Sexualität auch schon mal das Gehirn ausgeschaltet wird, ist nicht erst seit diesen Tagen erkannt worden. Darum lese ich solche Artikel nicht. Die Staatsanwaltschaft aber hätte niemals eine Verhaftung vornehmen dürfen. Oder sind wir schon wieder auf dem Weg in einen Staat, in dem niemand das recht auf Unschuld beanspruchen kann, ehe seine Schuld bewiesen wurde?
18.04.09 - 11:10
17. Werner Thiele-Schlesier
@ Anna # 12 und BVG # 13
Ich kenne jede Menge HIV-Geld-Bezieher. HIV-Infizierte jedoch nicht einen. In unserer aufgeklärten Gesellschaft sollte es üblich sein, keinen ungeschützten GV mit einem neuen Partner zu betreiben. Die Staatsanwaltschaft ist mit der Veröffentlichung des Namens der Frau und der angeblichen Straftat in Vorverurteilung getreten. Kein Richter darf diese Frau noch verurteilen. Ob der Staatsanwalt da in seinem männlichen Vorurteil verfangen ist, muss ich da fragen? Ich kann wirklich nur den Kopf schütteln über diese Berichterstattung und die Starfverfolgung.
18.04.09 - 11:22
18. Abraham
@ Wolf
Dein bleiben wir bei dem du.
18.04.09 - 11:46
19. Uwe Theel
@ Alle
Wie ich merke, laufen hier zwei Diskussionsstränge in einer wilden Mischung durcheinander:
1. Die Diskussion um die Geltung, bzw. Aushöhlung der Unschuldsvermutung im deutschen Recht.
2. Die Diskussion um die Stellung der HIV-Kranken in unserer Gesellschaft, bzw. dem Umgang der “Mehrheit der Gesunden” in Bevölkerung und veröffentlichter Meinung mit dieser Minderheit.
Für den ersten Strang böten sich schon seit der Einführung der Rasterfahnung durch Horst Herold, dem Bekanntwerden der etablierten Vorratsdatenspeicherung in Staat und Wirtschaft und den gerade wieder ruchbar gewordenenen Bürgerüberwachungsaktionen bei Bahn, LIDL usw. genügend längst im System verankerte und kritikwürdige Problemfelder an.
Dort aber wirkt die Debatte, wenn sie geführt wird seltsamm sachlich, akademisch, vergleicht man sie mit der Art im vorliegenden Fall. HIer spielt der von mir als zweiter genannte Debattenstrang eine Rolle: Das Thema AIDS ist zusätzlich ein emotional aufgeladenes und immer noch weiter aufladbares Thema. Wie ich in meinem Kommentar #6 versuchte anzudeuten, ist es diese Komponente, die für “modernen” Journalismus gegeben sein muß, um Grund zu haben, nachdrücklich zu publizieren. Da es solchem Journalismus leider meißtens nicht um Information, Bewußseinsbildung oder gar Aufklärung, sondern um Quote und ideologisch arbeitende Ruhigstellung durch populistische Befriedigung der in der Bevölkerung herrschenden Vorurteile geht, wird die Leser- und Zuschauerschaft auf der Ebene der Vorurteile, der ach so menschlichen Gefühle angesprochen und dort nicht zum Besseren hin abgeholt sondern weiter in unpolitischer Dummheit und echter Gefühlsarmut verankert.
BVG braucht sich seine “Grippemeldung” nicht vorzustellen, sie wird so nie erscheinen: Grippe ist nicht “sexy”, an ihr sterben allenfalls die unattraktiven Alten, AIDS gagen hat hat den “Kick” und die Mehrheit eine sie vom eigenen, und sei es nur das eigene sexuelle Elend ablenkende Minderheit, der es (selbstverschuldet) noch schlechter zu gehen scheint als einem selbst – welch herrlich kitzlige Entlastung.
Beide Diskussionstränge eigneten sich zur Diskussion, wie bürgerliche Herrschaft je arbeitet. Die eine wäre eine politisch-rechtliche, die andere einen psychosoziale Diskussion. Mann sollte beide Stränge, soweit es geht, in der Diskussion sauber trennen.
18.04.09 - 12:37
20. BvG
@theel
Schöne Differenzierung
Beim AIDS- Virus schwingt jedoch noch die unhaltbare “Schuldvermutung” mit, die den Virus zum verdienten Schicksal der Unmoralischen macht. Diese mittelalterliche Auffassung galt einmal für alle Krankheiten, bevor sie verstanden wurden. (“Gottesfügung” etc)
Im vorliegenden Fall wird sie wieder aufgekocht, zwar mit ernsthaftem Hintergrund, da ein Bekenntnis zur eigenen Krankheit zur Prävention sehr wohl zu verlangen ist, jedoch mit unverhältnismäßigem moralischen Getöse, wie das Grippebeispiel zeigt.
18.04.09 - 13:22
21. rudi
Laut Statistischem Bundesamt sterben pro Jahr 16.000 Menschen in Deutschland an den Folgen des Alkoholkonsums, und das bei steigender Tendenz. 10 Liter reinen Alkohols werden pro Bundesbürger verkostet. Kaum jemand regt sich auf, wenn in Kochsendungen im Fernsehen indirekte Weinwerbung betrieben wird, wenn einmal pro Jahr die deutsche Weinkönigin und unzählige Weinprinzessinnen gewählt werden. Wer findet es schädlich, wenn bekannte Fußballerpersönlichkeiten, die doch teilweise Vorbildfunktion haben, mit Bierwerbung Geld verdienen?
Besonders werden derzeit Jugendliche in der Alkoholwerbung angesprochen, weil Alkoholmixgetränke und das Lebensgefühl junger Menschen versucht wird, in Einklang zu bringen. Beispiel von Beck’s: „Energy 7 – Der frisch-herbe Ernergy-Mix mit Koffein-Kick“. Ein Alkohol-Koffein-Getränk, das nachts die Wachmacherfunktion erfüllen soll. Verstärkt werden im Umfeld von TV-Sendungen, die vornehmlich Jugendliche sehen, in den Werbepausen Alkoholspots geschaltet.
Die moralische Entrüstung über dieses Gebaren müsste doch um einiges dramatischer ausfallen, da die Folgen weitaus gravierender sind, als der oben beschriebene Fall, der wohl nur deshalb so spektakulär in der Presse behandelt wird, weil er einerseits von einer etwas bekannteren Schlagersängerin handelt und andererseits in seiner Struktur einfach zu vermitteln ist.
Ist es nicht kritisierenswert, dass TV-Sendungen mit dem Ziel kreiert werden, Drogenwerbung an Kinder und Jugendliche heranzutragen? Statt die Verursacher zur Rechenschaft zu ziehen, werden die Opfer zu den Schuldigen, weil deren Familien und die Schulen versagt hätten.
18.04.09 - 15:09
22. Anna
@ BVG
Ich habe vor Jahren im südlichen Afrika in einer Beratungsstelle für HIV-Infizierte mitgearbeitet. Die meisten haben sich dazu bekannt, selbst zu „careless“ beim Sex gewesen sein zu sein, weil sie die Gefahr einfach unterschätzt hatten. Sie machten sich selbst große Vorwürfe und wünschten sich, vorsichtiger gewesen zu sein. Bei jenen aber, die von einem Partner infiziert wurden, der ihnen bewusst die eigene HIV-Infektion verschwiegen hatte, war das persönliche Leiden um ein vielfaches größer, weil die Enttäuschung über den Betrug und den Missbrauch des Vertrauens noch hinzukam.
Ich findes es grundsätzlich IMMER unverantworlich mit ansteckenden Krankheiten in die Öffentlichkeit zu gehen (wobei man meiner Erfahrung nach schon von Seiten der Ärzte darauf hingeweisen wird, dies nicht zu tun), trotzdem geht es nochmal um eine ganz andere Dimension, wenn ich mit jemanden intim werde und bewusst verschweige, dass er sich sich bei mir mit einem tödlichen Virus anstecken kann und es obendrein noch keine Heilungsmöglichkeit gibt.
Hierzulande haben die Leute allgemein wenig persönlichen Bezug zu HIV-Infizierten und wissen folglich nicht welche psychischen und physischen Leiden damit verbunden sind. Man kann eine HIV-Infektion nicht mit einer Grippe vergleichen, weil der Tod längst nicht das schlimmste an HIV/AIDS ist.
Vor diesem Grund finde ich eine sachliche Berichterstattung von solchen Fällen durchaus angebracht – aber natürlich nicht im Bildzeitungsstil…
18.04.09 - 17:44
23. BvG
@Anna
Ok, und das bringt die Sache auch auf den Punkt: Nicht die Erkrankung selbst ist das Schlimme, sondern die Lüge, bzw. das Verschweigen und der Vertrauensbruch.Dieser wird zu Recht öffentlich diskutiert.
Warum aber, und das bringt meine Frage auf den Punkt, wird er gerade bei dieser Krankheit so hochgespielt und bei einer weit gefährlicheren und ansteckenderen Krankheit so verdrängt?
Warum muß man sich mehr fürchten, sich zu AIDS zu bekennen, als sich zur INFLUENZA zu bekennen?
Weil die sozialen Folgen gravierender sind und die Berichterstattung aufgeregter ist?
18.04.09 - 21:31
24. Anna
@BVG
Kann schon sein, dass der HIV-Infektion mehr Beachtung geschenkt wird als der Influenza – bezeichnenderweisser weiss ich ziemlich wenig über diese…
Was ich selbst an HIV/AIDS aber so beunruhigend finde ist, wie leicht die Gefahr von Jugendlichen unterschätzt wird und wie grausam die Erfahrung dann ist, wenn das Leben mit HIV so radikal und tiefgreifend verändert und einschränkt wird – gerade auch in Bezug auf „normale“ Partnerschaft.
Schön, dass wenigstens bei uns im Lande die Infektionsrate so niedrig ist und somit die Gefahr für unsere Jugendlichen relativ gering ist – und ich hoffe sehr, dass das so bleibt…
18.04.09 - 23:26
25. Uwe Theel
@Alle
Ich habe mit dem Verlauf dieses Threads immer noch ein Problem:
Herr Hebel hat in seiner Threaderöffnung die Frage nach der Berechtigung, der Verantwortlichkeit der Presse und der Seriosität und Professionalität der Presseberichterstattung am Beispiel des No-Angel-Sternchens gestellt.
Mehrheitlich wird im Thread aber die Aidsproblematik als solche, die damit verbundenen Nöte der Betroffenen, wie die Vorurteile bei den Medienkonsumenten, d.h. in der Bevölkerung diskuiert (An sich kein unwichtiges Thema, aber nicht Thema des Threads).
Nicht wirklich geführt wird aber die von Herrn Hebel versucht angestoßene Diskussion des Problems medialen Umgangs damit.
Wie Hebel sehr richtig schrieb, öffentliche, gesellschaftlich relevante oder gesellschaftstypische Probleme sind “aus Prinzip” Gegenstand öffentlicher Presse.
Es kann hier nicht um das “Ob” oder “Daß” der Berichterstattung gehen, – die Rechtmäßigkeit der Entscheidung der Darmstädter Staatsanwaltschaft wird sich einer “rechtlichen” Beurteilung durch den Laien eh weitgehend entziehen – sondern um das “Wie” einer Behandlung dieser Dinge durch die die Presse.
19.04.09 - 13:56
26. Stephan Hebel
Ich gehe aus Zeitgründen nicht auf die sehr spannende Debatte über die gesellschaftliche Behandlung des Themas Aids/HIV ein, sondern möchte “nur” zu den Argumenten gegen die Nemensnennung im vorliegenden Fall etwas sagen, die mir – auch wenn wir in diesem Fall anders entschieden haben – sehr wichtig sind.
Sie beziehen sich insgesamt ja einerseits auf die Frage der Veröffentlichung und Namensnennung überhaupt, zum anderen auf die Form, in der das geschieht (“Bildzeitungsstil”?).
Ich habe große Hochachtung vor der Haltung der SZ und den Argumenten Niggemeiers. Er stellt wie Prantl, wenn auch mit etwas anderem Blickwinkel, die besten und durchschlagendsten Argumente für einen zurückhaltenden Umgang der Medien mit dem Persönlichkeitsrecht dar. Ich behaupte: Man kann diese Argumente teilen und dennoch im konkreten Fall zur Entscheidung für offene Berichterstattung kommen. Diese Entscheidung ist bei uns – dieses Mal – so gefallen, und sie ist wie immer in solchen Fällen nicht leichtgefallen. Eine Rolle spielte – das haben wir auch in der FR so dargestellt – unter anderem die Tatsache, dass diese Person ihr gesamtes bisheriges Erwachsenenleben damit verbracht hat, die Öffentlichkeit zu suchen.
Auch solche Leute sind ggf. zu schützen, notfalls auch gegen sich selbst. Aber – und hier komme ich zu Punkt zwei – kann es nicht auch den Persönlichkeitsrechten einer öffentlichen Person angemessen sein, sie zwar zu nennen, wenn man zugleich der Berichterstattung einen differenzierten, nicht diffamierenden und schon gar nicht vorverurteilenden Charakter gibt? Weil wir genau dies versucht haben – meiner Meinung nach erfolgreich, wenn ich das mal sagen darf -, besteht auch zwischen der Namensnennung und unserer kritischen Kommentierung für mich kein Widerspruch.
Dazu passt übrigens auch der interessante Hinweis von Anna (#22). Sie, liebe Anna, deuten an, was wir tatsächlich im Fall Benaissa auch im Auge haben: Kann es nicht sein, dass die Berichterstattung im besten Fall das Thema so aufgreift, dass der eine oder andere sich Gedanken über seine Sorglosigkeit macht? Und könnte das nicht sogar besser funktionieren, wenn es eine bekannte Person ist, an der gerade jüngere Leser diese Problematik abgehandelt finden (und andere Fragen, wie etwa die straf- oder auch presserechtlichen, ebenfalls?). Viele mögen diesen Anspruch illusorisch und/oder naiv finden. Aber ohne Hoffnung, etwas zu bewegen, würde jedenfalls ich gleich einpacken mit dem Journalismus.
Es ist richtig, dass wir aufpassen müssen, allgemeine Probleme nicht auf Biegen und Brechen zu personalisieren. Aber für mich verbietet es sich deshalb noch lange nicht, Vorgänge um eine – öffentliche! – Person so abzuhandeln, dass ein sachlicher Umgang mit allgemein relevanten Fragen am konkreten Beispiel möglich wird.
Dass wir immer aufpassen müssen, all diese seriösen Argumente nicht am Ende doch für unseriöse Berichterstattung zu missbrauchen, ist richtig, und dieser Thread ist eine gute Erinnerung daran. Von meiner Auffassung abzurücken, dass der Missbrauch in diesem Fall bei uns nicht stattgefunden hat, sehe ich aber keinen Anlass.
19.04.09 - 15:30
27. maat
Leider fehlt mir die Zeit, um Ihnen, lieber Herr Hebel, zu widersprechen. Dafür habe ich heute noch einen klugen und pointierten Artikel zum Thema gelesen. Er ist von Nils Minkmar und stand in der FAS. Vielleicht interessiert sich ja jemand dafür.
http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc~EA1FA4EEB6E6748DCB84448B7801D2C4F~ATpl~Ecommon~Scontent.html
19.04.09 - 17:03
28. rudi
Abraham # 7 schrieb: „Die SZ hat beschlossen, auf die Nennung des Namens der verhafteten Sängerin zu verzichten, auch wenn dieser bereits in alle Medien veröffentlicht wurde.“ Er bezog sich auf Heribert Prantl.
Hat Heribert Prantl die Wahrheit geschrieben als er äußerte, dass sie SZ die Verhaftete nicht beim Namen nennen würde?
In Bild-Online lese ich: „In einem Teil der „Süddeutschen“ vom Mittwoch wurde mit Foto und vollem Namen über Benaissas Verhaftung berichtet. Und schon am Dienstag erschien in der Online-Ausgabe der „Süddeutschen“ ein langer Artikel, in dem ausführlich Verhaftung, Vorwürfe und Nadjas HIV-Infektion beschrieben wurden – ebenfalls unter Namensnennung!“
Dann bräuchte Stephan Hebel nicht mehr zu schreiben „Ich habe große Hochachtung vor der Haltung der SZ…“. Wenn das stimmt, was in der Springerpresse zu lesen ist, die diese Erkenntnis lustvoll ausbreitet, ist der Peinlichkeitsfaktor für die SZ nicht gering.
Quelle: http://www.bild.de/BILD/unterhaltung/leute/2009/04/17/no-angels-star-nadja-benaissa/hiv-drama-um-no-angels-star-nadja-benaissa/wie-ehrlich-ist-die-sueddeutsche-zeitung.html
19.04.09 - 18:07
29. maat
Ihr Kommentar weckt meinen Widerspruch, lieber Herr Hebel
Ich behaupte nämlich: Wenn man diese Argumente teilt, hat eine Redaktion die Pflicht, sie geronnen zu einer Haltung in der Zeitung zum Ausdruck zu bringen. Es würde sich also um eine eindeutige Zeichensetzung handeln, sogar um ein Zeichen der Pressefreiheit. Willensfreiheit (als Grundlage der Pressefreiheit) besteht ja gerade nicht darin, lediglich zwischen von außen aufgezwungenen Möglichkeiten wählen zu können, sondern sich für das zu entscheiden, was man mittels seiner Vernunft als das moralisch Richtige erkannt hat.
Warum ist ihrer Redaktion denn diese Entscheidung „wie immer in solchen Fällen nicht leichtgefallen“ ?
Offensichtlich weil es um die immer wieder neu zu justierende Festsetzung einer Schmerzgrenze geht, um die Frage also, wie man mit anderen Medien konkurrenzfähig bleibt. Das bedeutet man gibt dem Leser ein bisschen von dem, wonach ihm gelüstet, damit er es sich nicht woanders hole, aber möglichst ohne die Unschuld zu verlieren, also Ruf und Leser zu riskieren.
Aber lieber Herr Hebel, wenn sich seriöse Medien schon unter dem Druck der Boulevardpresse meinen prostituieren zu müssen, dann verkaufen Sie uns bitte nicht das Resultat als„unbefleckte Empfängnis“.
Der betreffenden Sängerin wird allein dadurch, dass intimste Details aus ihrem Privatleben in die Öffentlichkeit gebracht und diskutiert werden ein großes Unrecht zugefügt. Das Argument der kathartischen Reinigung, halte ich in diesem Zusammenhang als völlig deplaziert. Es handelt sich schließlich um einen realen Fall und nicht um eine Tragödie, die uns als bessere Menschen, will sagen kondomverwendende, das Theater verlassen lässt. Nein! Bessere Menschen werden wir vielleicht dann, wenn die Medien unmissverständlich klar machen, dass die Zeiten, in denen das Volk ein Recht auf den Körper des Angeklagten hatte, ein Recht auf Anteil an seiner Marter und Qual ohne wenn und aber vorbei sind!
19.04.09 - 21:04
30. Uwe Theel
Warum fragt sich hier niemand:
Warum ist, sei es der kritische Punkt, den Namen des Sternchens genannt zu haben?
Da bisher keine Klage gegen einen Zeitung deswegen erhoben wurde, scheint kein, zumindest kein eindeutiger Rechtsverstoß vorzuliegen.
In diesem Thread wir z.Zt. eine Diskussion geführt darum, ob dies moralisch, vielleicht presseethisch, nichts wirklich Justiziables, in Ordnung sei, oder nicht.
Diese Frage kann nur beantwortet werden, wenn benannt werden kann, was genau das Motiv wäre, den Namen zu nennen:
Ich bemerke, es ist ein öffentlichkeitswirksamer Name in der anvisierten (Leser)Zielgruppe (ich nehmem hier an: Leser unter 40 Jahren).
Es erscheint mir nicht unverständig anzunehmen, gewisse Publizisten gingen davon aus, daß erst die Namensnennung (eines Prominenten) bewirkt, daß der Text gelesen wird, weil nur dann eine – vielschichtig möglich geartete – positive oder auch negative Identifizierung des Lesers mit der Person des Textes, damit Bindung an den Text erfolgt. (Daher besonders wichtig: Der “ansprechende” Aufmacher (Titelzeile))
Nur über diese per emotioninale Anmutung gestifte Identifikation gelänge es, in der Zielgruppe Aufmerksamkeit zu erregen, d.h. Leser zu gewinnen.
Frage: Warum ist dies der Fall, ist es sinnvoll dies anzunehmen?
Antwort: Wenn davon ausgegangen wird, daß für den zeitgenössischen Menschen politische, allgemeinsoziale Zusammenhänge und linke Theorien zumal nicht mehr bewußseinsbildend oder handlungsleitend seien (was immer heißt, “das interessiert von daher keinen, das liest keiner”) sondern die als “naturhaft” individuell begriffene, aber nie weiter konkret bestimmte “Befindlichkeit” Motor der eigenen (Lese)Entscheidungen sei, so haben wir m.E. genau die Begründung die schlechtem Journalismus generell zugrundeliegt.
Kann ich also an einem Text erkennen, dass er am Beispiel einer benannten bekannten Person ein gesellschaftliches Problem kritisch und allgemein beleuchtet, so wäre dann immer noch zu prüfen. ob die Person wirklich die Allgemeinheit repräsentiert diese in ihr abgebildet wäre und sich selbst längst von sich aus, aus ihrer Privatheit heraus in die Öffentlichkeit der Allgemeinheit begeben hat.
Wenn ja, wäre die Namensnennung in der Presse wohl problemlos möglich, es wäre mit Folge des eigenen Verhaltens des Betroffenen.
Wenn nein, dh. wenn das Problem allgemeingültig ist und dem Autor als solches diskussionswürdig erscheint, so braucht seriöse Autorenschaft den Peronennamen zunächst nicht, da öffentliches Interesse und kritische Berichterstattung sich aus der Sache und dem verfassungsmäßigen Auftrag der Presse ergeben. (Der unterrnehmerische Gewinn hat keinen Verfassungsrang.) Sollte individuelle “Täterschaft” erwiesen worden sein, die Menschenwürde – immer noch – nicht verletzt werden, müßte vor Berichterstattung auch hier wieder die o.a. Prüfung erneut erfolgen.
Dies sollte ein zentrales Kriterium sein, anhand dessen dieseits formaljuristischer Fragestellungen, bzw.nur ideologischer Annahmen, in Frage stehende Texte auf ihre Seriosität und Professioionalität überprüft werden könnte.
Grenzfälle mag es immer geben, aber ob eine Presse insgesamt dieseeits oder jenseits dieser Grenzlinie (Qualitätspresse/Boulevard) agiert, läßt sich wohl schon feststellen.
19.04.09 - 22:27
31. Anna
Für mich war die ganze Story zwar auch viel zu aufgebauscht und sensationslüstern dargestellt, andererseits zeigt sich an diesem Fall doch auch wieder sehr schön, dass der Sensationsjournalismus eine ziemliche Breitenwirkung hat – er erreicht nämlich – wenn auch in unterschiedlicher Weise – sowohl die einfachsten als auch die intelektuellen Gemüter. Das Positive für mich daran bleibt, dass mal wieder öffentlich über die Gefahren und Auswirkungen von HIV/AIDS diskutiert wurde, weil ich den Eindruck habe, dass sich gerade bei den Jugendlichen eine ziemlich saloppe Umgangsweise breitgemacht hat. Möglicherweise heiligt manchmal der Zweck eben doch die Mittel…?
20.04.09 - 07:31
32. maat
Liebe Anna,
mit der Argumentation, der Zweck heilige die Mittel, kannst du mich nicht überzeugen.
Das Problem liegt darin, dass man immer Zwecke finden kann, mit denen man meint, irgendein Mittel rechtfertigen zu können. Im Kern ist diese Argumentation utilitaristisch und gefährlich. Sie rechtfertigt das Opfer des Einzelnen mit dem Glück der größten Zahl, ja fordert dieses Opfer sogar ein.
Die Instrumentalisierung von Menschen ist mit der Menschenwürde nicht vereinbar. Das ist ein Grundsatz. Dies zu erkennen und einzufordern und zwar auch dann, wenn es sich um weniger offensichtliche Fälle handelt, gehört zu den Aufgaben der Medien als Wächter und Mahner. Sie sind der Gesellschaft Seismographen, die ausschlagen müssen bevor die Erde bebt.
Es besorgt mich in diesem Zusammenhang, dass der von mir sehr geschätzte Herr Hebel, der in vergleichbaren Diskussionen eindeutiges Bekenntnis zur ethischen Selbstverpflichtung abgegeben hatte, nun auch schon so weichspülerisch argumentiert. Oder anders gefragt: Wenn schon unser Herr Hebel so anfängt, wo stehen dann die anderen?
20.04.09 - 08:55
33. BvG
Man könnte allerdings auch aufhören, mit vielen Köchen den Brei zu rühren und ganz einfach die Betroffene fragen, beteiligen oder sich selbst äussern lassen.
20.04.09 - 10:06
34. Uwe Theel
Zur “herrschenden” Annahme auf Anbieterseite über das Medienverhalten des Durchnittskonsumenten gebe ich zur Unterfütterung meiner bisherigen Beiträge hier im Thread fast unkommentiert die Branchenmeldung
Rezession: Konsumenten ändern ihr Medienverhalten
wieder:
In Zeiten der Rezession verändern die Konsumenten ihr Medienverhalten. Das Bedürfnis nach Ablenkung und Unterhaltung steigt, der Trend zum Cocooning, also zum Rückzug ins häusliche Privatleben, nimmt zu. Gleichzeitig suchen die Menschen in der Wirtschaftskrise aber auch verstärkt nach Information und Orientierung. Von dieser veränderten Bedürfnisstruktur profitieren vor allem das Fernsehen und das Internet. So ist die tägliche TV-Nutzung bei allen Zuschauern im 1. Quartal 2009 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 8 Minuten auf 235 Minuten gestiegen (siehe Grafik im Anhang). Auch bei den anderen wichtigen Zielgruppen hat die tägliche Sehdauer nach einer Sonderanalyse von SevenOne Media, der Forschungs- und Werbetochter der ProSiebenSat.1 Group, auf Basis der AGF/GfK-Zahlen zugenommen: Bei den 14- bis 49-Jährigen stieg sie um 7 Minuten auf 199 Minuten, bei den 14- bis 49-jährigen Haushaltsführenden ebenfalls um 7 Minuten auf 258 Minuten und bei den 14- bis 49-jährigen Männern sogar um neun Minuten auf 190 Minuten. Auch bei den jungen, internetaffinen 14- bis 29-Jährigen hat die Attraktivität des Fernsehens weiter zugelegt: Hier stieg die tägliche Sehdauer im 1. Quartal 2008 um 1 Minute auf 143 Minuten. Die Internetnutzung nimmt ebenfalls zu. Laut Berechnungen von SevenOne Media ist sie bei den 14- bis 49-Jährigen im 1. Quartal 2009 um rund 15 Minuten auf etwa 94 Minuten am Tag gestiegen. Um detailliertere Gründe für die steigende Fernsehnutzung herauszufinden, hat SevenOne Media ergänzend eine repräsentative Telefonbefragung zum aktuellen Medienverhalten durchgeführt. Die Kernergebnisse: Knapp ein Viertel der Deutschen (23,8%) wollen sich in wirtschaftlich sehr schwierigen Zeiten beim Fernsehen mehr als sonst vom Alltag ablenken. Weitere 18 Prozent geben aber auch an, sich aufgrund der Wirtschaftskrise verstärkt im Fernsehen informieren zu wollen.
Quelle: Eutelsat Info & Satelli-LINE (13.04.2009)
Entlarvend undiskutiert bleibt hier erneut die Frage, welche Wahlfreiheit der Zuschauer/Leser überhaupt noch hat, bei einem Angebot, dass nach der o.a. These inzwischen mehr und mehr ein bildungs- und informationsorientiertes Programm- und Medienangebot, das Unterhaltung nicht ausschließen muß, ersetzt.
P.S.: Im Übrigen kann ich mich maats Argumentation hier anschließen.
20.04.09 - 11:10
35. Werner Thiele-Schlesier
@ Rudi # 21
Was Du Dir so alles im TV anschaust?! :-)
@ Stephan
Seit wann ist der Gesundheitszustand einer öffentlichen Person der öffentlichen Zurschaustellung Recht auf Information?
Ich meine, schon die Staatsanwaltschaft ist in ihrer Vorverurteilung zu weit gegangen. Mag an dem Männlichkeitswahn der mit dieser Strafverfolgung beauftragten Person zusammenhängen.
20.04.09 - 13:06
36. Stephan Hebel
Ach, wirklich schade, dass ich heute und morgen nicht dazu komme, auf Diverses hier angemessen zu antworten. Schnell zwei (relativ heftige) Widersprüche:
1) gleich zu Werner Thiele-Schlesier: Nicht “der Gesundheitszustand” ist Gegenstand der Berichterstattung, sondern der von der Staatsanwaltschaft gehegte und geäußerte Verdacht einer Straftat. Wenn Sie alle von vornherein wissen, dass dieser Verdacht gegenstandslos, dumm, willkürlich oder was immer ist – so klingt das hier gelegentlich -, dann wissen Sie mehr als alle Medien zusammen. Ist es so abwegig, über die Festnahme einer Prominenten zu berichten? Der Streit geht doch darum, ob man das auch noch “darf”, wenn die vorgeworfene Straftet im Zusammenhang mit einer HIV-Infektion steht!
2) “weichspülend” argumentiere ich nicht, verehrte maat. Gestehen wir uns doch bitte gegenseitig zu, aus uneingeschränkt ethischen Motiven zu argumentieren, auch wenn wir nicht zu identischen Ergebnissen kommen. Wenn ich nicht in der Lage bin, deutlich zu machen, dass meine Meinung auf tiefer Überzeugung beruht, mit Weichspülen also nichts zu tun hat, dann ist das sicher mein Fehler. Aber keineswegs ist “unser Herr Hebel” mit seiner verwerflich weichspülenden Argumentation ein Gradmesser dafür, wie schlimm es erst sonstwo aussieht – dieses Kompliment ist mir doch zu vergiftet, um es unwidersprochen anzunehmen….
20.04.09 - 13:16
37. wolf
Aber worum, lieber Stephan geht es dann bei der Berichterstattung?
Von welcher Relevanz sind den Ermittlungsverfahren? Wenn es danach ginge, könnten sie jeden Tag einen neuen Aufreißer über gewaltsame Übergriffe der Polizei schreiben. Die werden ständig erhoben (ob zu Recht ist irrelevant) und natürlich gleich wieder eingestellt.
Natürlich geht die Verhaftung einen Schritt weiter, aber war sie rechtlich zulässig? Staatanwaltschaften sind in ihren Ermittlungen häufig nicht neutral oder unvoreingenommen, sondern verfolgen Straftaten mit unterschiedlicher Intensität, je nach persönliche Betroffenheit oder Entrüstung (Ausnahmen bestätigen die Regel).
Also, es bleiben die Fragen: Wieso wird die Frau überhaupt angeklagt? Hat einer der Männer vorher gefragt, bevor er sein Überhängsel ungeschützt eingesetzt hat? Wenn hier nun ein Verfahren eingeleitet wird gegen die Frau, dann wohl auch gegen die Männer wegen grob fahrlässiger Herbeiführung eines “Versicherungsschadens”. Anders kann das ja wohl nicht genannt werden.
Es gibt so viele wichtige oder schöne Themen…
20.04.09 - 14:54
38. maat
Lieber Herr Hebel,
tatsächlich kamen aus Ihrem Text für mich weder die „tiefe Überzeugung“ noch die „uneingeschränkt ethischen Motive“ rüber, ganz zu schweigen von den ethischen Argumenten. Aber Sie haben natürlich recht, jemandem ethische Motive abzusprechen, ist anmaßend. Daher möchte ich mich für die Verwendung des Wortes „weichspülend“ herzlich bei Ihnen entschuldigen.
Allerdings stehe ich dazu, dass sich Ihre Argumentation in meiner Wahrnehmung verglichen mit früheren Fällen, verändert hat. Wenn Sie das anders sehen, bin ich auf Ihre Ausführungen gespannt.
Gruß maat
20.04.09 - 15:12
39. Abraham
Lieber Stephan Hebel,
ich zweifle nicht an der Lauterkeit der Motive der FR-Redaktion. Trotzdem kann ich die in diesem Fall getroffene Entscheidung, die Persönlichkeitsrechte der betroffenen Frau hintanzustellen, nicht nachvollziehen. Nach den Grundsätzen unseren Rechtstaats ist sie unschuldig, bis sie von einem Gericht verurteilt wird. Dabei spielt es keine Rolle, wie schwerwiegend die Anschuldigung ist. Diese Unschuldsvermutung ist durch die mediale Berichterstattung schwer beschädigt, woran die (vermutlich rechtswidrige) Informationspolitik der Staatsanwaltschaft hohen Anteil der Schuld trägt. Die “Entschuldigung”, die Betroffene hat eine Berichterstattung über sich stets gefördert, kann eine Begründung dafür sein, ihre Verhaftung zu melden (das ist ein “öffentlicher” Vorgang, nicht aber die in das Intimste reichenden Deteils der Beschuldigung. Die Sängerin hat ja von sich aus die HIV-Infektion nicht bekannt gegeben und währt sich (erfolgreich) juristisch gegen die Veröffentlichung, wenn auch “nur” gegen die Bild.
Auf der anderen Seite steht das Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit. Doch dieses hätte ausreichend gedeckt werden können zum einen durch Berichte über die Verhaftung, ohne die Details der Beschuldigung zu nennen, und zu anderem – ohne Namensnennung – durch Erörterung der gesellschaftlich und juristisch höchst relevanten Frage, ob eine Aids-Prevention mit Mitteln der Strafjustiz sinnvoll ist. Genauso hätte auch die moralische Verwerflichkeit des Verschweigens einer HIV-Infektion gegenüber einem Sexualpartner kontra Verpflichtung zu Selbstschutz diskutiert werden können.
Auch bei einer kritischen Beleuchtung des Verhaltens der Staatsanwaltschaft (spektakuläre Verhaftung, Haftgrund “Widerholungsgefahr” ein Jahr nach der Strafanzeige und mehrere Jahre nach der vermuteten Straftat sowie die persönlichkeitsverletzende Informationspolitik) war eine Namensnennung nicht notwendig.
Das Argument, die Prominenz der Beschuldigten könnte der Aids-Prevention nutzen, ist sicher legitim, aber erst dann wenn sich die Beschuldigung als wahr erweist, d.h. nach einer ev. Verurteilung.
Ich habe diese Punkte, die offensichtlich nicht nur mir wichtig sind, widerholt, weil Sie, lieber Herr Hebel, darauf nicht eingegangen sind. Sie verweisen nur darauf, dass man nach reiflichen Abwägung der Argumente auch zu einer anderen Entscheidung kommen kann. Dies ist selbstverständlich legitim. Nur die überzeugenden Argumente für die abweichende Entscheidung vermisse ich in Ihren Antworten.
Ich gebe Ihnen Recht, dass man in der Berichterstattung nicht ohne Personifizierung auskommt, weil die Betroffenheit eines konkreten Menschen ein “abstraktes” Thema fassbar macht. Das kann aber auch geschehen, ohne den Betroffenen identifizierbar zu machen. So wird es auch in der FR praktiziert.
20.04.09 - 16:29
40. maat
@39 Danke Abraham !
20.04.09 - 16:49
41. Werner Thiele-Schlesier
@ Stephan,
Die Veröffentlichung der Verhaftung mit den entsprechenden Angaben der Statsanwaltschaft habe ich schon oben kommentiert. Wenn hier nur mal draufgekommen wird, dass weder der Gesundheitszustand noch der sexuelle Umgang einer Person – auch wenn es sich um eine sog. öffentliche handelt – gehört nicht zur Berichterstattung. Alles was ich weiss, ist das was hier geschrieben wurde und was in meiner Familie diskutiert wurde. Wenn jemandwie mein Schwägerin an MS erkrankt ist, schaut sie sich auch solche Sendungen an, in denen sowas gesendet wird und wir diskutieren dann am Mittagstisch darüber. Da gibt es oft gegensätzliche Auffassungen von Rechtmässigkeit. Ich meine, dass die Berichterstattung sich nicht um solche Nachrichten kümmern sollte. Es gibt so viel zu berichten, was eher in die Presse gehört.
20.04.09 - 19:07
42. Werner Thiele-Schlesier
@ Stephan
Vielleicht stellt Ihr mal Eure Uhr richtig
20.04.09 - 19:08
43. rudi
Die Diskussion fokussiert sich im Augenblick auf die Namensnennung der betroffenen Person. In der real existierenden Medienlandschaft ist doch heute davon auszugehen, dass niemand sich nur aus einer Zeitung informiert. Man kann sich gewissen Informationen gar nicht mehr entziehen. Wenn ich zur Tankstelle fahre, werde ich durch die Art der Präsentation gezwungen, die Schlagzeile der Bild-Zeitung zur Kenntnis zu nehmen. Bin ich beim Bäcker, widerfährt mir das selbe. Es nützt doch wenig, wenn sich in der einen oder anderen Redaktion darüber Gedanken gemacht wird, ob eine Namensnennung verantwortbar ist. Der Name wird mir quasi überall vor das Gesicht gehalten.
Häufig habe ich schon die ziemlich lächerliche Situation erlebt, dass in der FR der Vorname und der Anfangsbuchstabe des Nachnamens abgedruckt wird, während in der Zwischenzeit schon jeder aus nahezu allen anderen Publikationen den Vor- und den Zunamen des Betroffenen kennt. Beispiel: Josef F., F wie Fritzl. Von der Bildzeitung gerne als das Inzest-Monster vorgeführt.
Es entsteht doch dann die etwas eigenartige Situation für den Leser der FR, den Anfangsbuchstaben des Nachnamens abgedruckt zu sehen, der beim Lesen automatisiert vervollständigt wird. Da scheint der Komparativ von „päpstlich“ manchmal angebracht.
Ich frage, weshalb sollen alle anderen Medienkonsumenten den Namen wissen, nur der FR-Leser nicht? Weshalb sollen die Redakteure der FR den Namen wissen, aber ich nicht? Ein oder zwei Klicke im Internet genügen und der Name steht in Gänze vor mir, wenn ich ihn wissen will.
Deshalb neige ich der Auffassung zu, hat man es mit einer simulierten Situation zu tun. Man findet es ethisch und moralisch gut, wenn die Hauszeitung den Namen nicht ausschreibt, obwohl man diesen als Leser kennt.
20.04.09 - 20:50
44. BvG
@rudi
Das ist der Anspruch an die FR: Sie soll anders sein als andere Zeitungen. Bis jetzt schafft sie das ja auch und taugt nebenbei sehr gut dazu, die “Inzest-Monster-Zeitungen” mit einem schnellen Handgriff zu verdecken. (indem man sie sich vor die Nase hält….!)
20.04.09 - 21:48
45. Stephan Hebel
Maats „Danke, Abraham“ kann ich mich nur anschließen. Ihre Kritik, lieber Abraham, enthält nicht Unterstellungen („weichspülend“ etc.), sondern mahnt meine eigene und genauere Begründung für die Überzeugung dafür an, dass ich unsere Entscheidung für die ethisch richtige halte. Ich will es – ohne Anspruch auf Vollständigkeit und sicher verkürzt – versuchen:
Was ich hier noch gar nicht angesprochen hatte, könnte der Kern unseres Dissens’ sein. Denn ich plädiere für so etwas wie „Beweislastumkehr“: Von den ethischen und politischen Grundlagen des Journalismus her muss aus meiner Sicher vor allem derjenige sich rechtfertigen, der über etwas NICHT berichtet, und zunächst einmal nicht derjenige, der es tut. Ich weiß, dass diese Aussage das reale mediale Umfeld unserer Gegenwart – von „Bild“ bis Kerner (zu ihm nachher im neuen Thread mehr) – zunächst ausblendet. Aber es bleibt doch dabei, dass Pressefreiheit erfunden und erkämpft wurde, um Informationen und Meinungen den Weg in die Öffentlichkeit zu bahnen, die bestimmten – in der Regel den herrschenden – gesellschaftlichen Kräften nicht passen. Nun weiß ich auch, dass diese Freiheit aus vielen Gründen (u.a. angeblichen ökonomischen „Zwängen“) in doppelter Hinsicht unzureichend entwickelt ist und praktiziert wird: Zum einen – aus dem Berliner Polit-Journalismus ließe sich da einiges erzählen – werden bestimmte Positionen gar nicht oder unzureichend behandelt. Zum anderen werden „Informationen“ auf den Boulevard gezerrt (auch von „seriösen“ Medien, ja), die von relevanten Themen ablenken, statt diese zu behandeln. Aber an der Priorität im Grundsatz kann doch der vorhandene Missbrauch in der Praxis nichts ändern: Es ist zunächst nicht unsere Pflicht, uns zu fragen, was wir zu verschweigen haben. Im Gegenteil. Im Grundsatz zählt: So viel Öffentlichkeit wie möglich. Im konkreten Fall kommt hinzu: So viel Zurückhaltung wie nötig, um die Freiheit verantwortlich zu nutzen.
Alles Selbstverständlichkeiten? Na klar! Ich benenne sie nur noch einmal ausdrücklich, um deutlich zu machen: In jedem konkreten Zweifelsfall fragen wir uns auch, ob Verschweigen nicht das größere berufsethische Problem sein könnte als Veröffentlichen. Dass uns sehr bewusst ist, auch in schlechte Gesellschaft geraten zu können, verkleinert diese Aufgabe nicht. Ich hatte jedenfalls den Eindruck, dass das Thema hier noch nicht von dieser Seite, von den ethischen Gefahren des Verschweigens, noch nicht betrachtet wurde. Ich möchte dafür werben, die Sache mal aus dieser Perspektive zu betrachten.
Im konkreten Fall: Die Nachricht „Nadja Benaissa ist HIV-infiziert“ ist Privatsache und wäre als solche von uns nie und nimmer veröffentlicht worden – ich glaube, dass Sie alle das auch wissen. Aber hier geht es um den Verdacht einer Straftat (natürlich gilt jeder nicht Verurteilte als unschuldig, und ebenso natürlich ist es absolut notwendig, über Straftaten und prominente Straftäter zu berichten, auch vor einer Verurteilung. Was hätten Sie gesagt, wenn wir über Ackermann oder Zumwinkel ohne Namensnennung berichtet hätten?
Zwei Punkte bestimmen also die Entscheidung: 1) Ist Nadja Benaissa eine derart öffentliche Person, dass an ihrer Verhaftung auch öffentliches Interesse besteht? (Und obwohl Herr Minkmar in der FAS das mit der Arroganz des großbürgerlichen Feuilletonisten verneint mit der beachtlich blöden Begründung, dass sie ihn persönlich nicht interessiert?) Auf diese erste Frage: Klares Ja. Weder für mich noch für Herrn Minkmar, aber offensichtlich für eine nennenswerte Zahl jüngerer Menschen waren und sind Bands wie die „No Angels“ Idole. Diese jungen Menschen haben ein Recht darauf zu erfahren, in welche Schwierigkeiten und Abgründe eine vermeintliche und beneidete Traumkarriere führen kann. Dass es dazu einer seriösen und nicht voyeuristischen und schreierischen Berichterstattung bedarf, ist, wie Sie wissen, auch meine Meinung. Aber das spricht nicht gegen die Berichterstattung an sich.
2) Trifft das alles auch zu, wenn der Verdacht sich auf eine Straftat bezieht, die mit dem absoluten Intimbereich verbunden ist, nämlich der sexuell übertragenen HIV-Infektion? Diese Frage ist viel komplizierter. Und auf sie vor allem bezog sich meine Aussage, dass uns die Entscheidung schwergefallen ist. Ich würde die Aussage, dass „der Zweck die Mittel heiligt“, niemals pauschal unterschreiben (es hat sie ja auch so pauschal niemand ausgesprochen). Aber uns ging es in diesem Fall tatsächlich so, dass wir gerade wegen des Aids-Zusammenhangs glaubten, in dieser Sache eine Aufklärungspflicht zu besitzen. Wussten wir doch, dass die Sorgen unter Fachleuten, was wachsende Unvorsichtigkeit beim Sex betrifft, erheblich sind. Dieser Aufklärungs-Aspekt stand für uns im Fall dieser öffentlichen Person vor dem Persönlichkeitsschutz.
Ich werde – wie immer – den Teufel tun zu behaupten, dass dies die absolut richtige oder gar einzig mögliche Entscheidung war. Nicht nur, weil ich mich dann auf ein ebenso hohes Ross vermeintlicher Überlegenheit setzen würde wie mancher Kritiker (auch hier). Sondern auch deshalb, weil gesunder Zweifel mich/uns für kommende Fälle nur stärken kann. Was ich hier nur mal genauer darlegen wollte, das war die Herleitung unserer Entscheidung aus journalistischem Berufsethos, wie ich es verstehe. Vielleicht wird dadurch etwas verständlicher, warum ich weiter dazu stehe. Dass auch rechtlich keineswegs jegliche Berichterstattung verboten wurde, sondern nur bestimmte Aussagen in „Bild“, ist gemessen an den ethischen Fragen zwar nicht übermäßig wichtig, aber doch eine gewisse Bestätigung. Erst recht, da die beteiligten Anwälte – die sich so auffallend speziell für den Persönlichkeitsschutz bestimmter Prominenter interessieren – bei den entsprechenden Gerichten in der Regel durchaus nicht chancenlos sind.
Ein Randaspekt noch: Wir hätten natürlich jeden Tag und Monat über das Thema „Jugendliche und Aids-Prävention“ berichten können, und natürlich tun wir das auch immer wieder. Aber an der Tatsache, dass wir Themen auch aus bestimmten Anlässen aufgreifen, kann ich nun wirklich nichts Unseriöses finden. Nicht einmal daran, dass wir hoffen, dann für seriöse Anliegen mehr Aufmerksamkeit zu finden als sonst.
23.04.09 - 10:45
46. maat
@Stephan Hebel
Überraschend finde ich es, dass sie mit keinem Wort die Kritikpunkte ansprechen, welche die materiellen Interessen berühren, die Ihre Zeitung in diesem Zusammenhang auch verfolgt, gemeint ist das Umgarnen der Jugendlichen als Zielgruppe. Oder wurde dieser Aspekt unter dem Punkt „Unterstellungen“ abgehandelt?
Ich bedaure sehr, lieber Herr Hebel, dass Sie Minkmar großbürgerliche Arroganz sowie seiner Begründung Blödheit attestieren. In meinen Augen war der Text ausgesprochen pointiert. Minkmar hat sein persönliches Geschmacksurteil nicht zum Entscheidungskriterium erhoben. Er sieht nur einfach genauso wenig wie ich ein, dass Fans durch ihr Fansein ein Recht darauf erwerben, intime Details ihrer Stars zu erfahren. Dass mich Minkmar in seiner Argumentation überzeugt, mag an meiner Affinität zu großbürgerlich-arroganten Feuilletonisten im Allgemeinen liegen oder an meinem schlichten Gemüt, das blöden Begründungen im speziellen Fall den Vorzug gibt gegenüber den nicht weichgespülten. Wie auch immer…
Ich möchte mich für die Zeit und Mühe bedanken, die sie für Ihre Antwort aufgewendet haben. Leider überzeugen mich Ihre Argumente nicht, ich sehe aber auch keine Notwendigkeit mehr, die Abweichungen unserer Standpunkte zu vertiefen.
23.04.09 - 19:39
47. Stephan Hebel
Liebe Maat,
ich bedaure außerordentlich, dass ich Sie nicht auch nur im Ansatz überzeugen konnte. Ich hatte tatsächlich die leise Hoffnung, vielleicht nicht restlos zu überzeugen, aber doch mehr Verständnis zu wecken (nicht nur für die aufgewendete Zeit). Erst recht bedaure ich, dass Sie sich durch meine Beurteilung Minkmars persönlich getroffen fühlen – ich habe mir halt erlaubt, ihm gegenüber polemisch zuzuspitzen, wie er es all denjenigen gegenüber, die meiner Meinung sind, auch getan hat (wobei ich für mich in Anspruch nehmen würde, die Argumente der “Gegenseite” anders als er nicht ausschließlich mit Häme zu überziehen). Pointiert jedenfalls war er, da haben Sie sehr recht.
Ich möchte hier noch einmal betonen, dass ich eine Veränderung meiner Einstellungen, wie ich sie früher hier vertreten habe, anders als Sie, liebe Maat, nicht sehe. Allerdings wollte ich mich bei Ihnen ausdrücklich entschuldigen, dass (aus einer früher angefangenen Fassung) in meinem gestrigen Kommentar der widerholte Hinweis auf Ihr Wort vom “Weichspülen” stehengeblieben ist. Das hatten Sie eigentlich schon vorher glaubhaft aus der Welt geräumt.
Ein Wort noch zu den ökonomischen Interessen: Oh ja, wir werben um junge Leserinnen und Leser, aber bitte nehmen Sie mir doch endlich mal ab, dass bei mir dabei keine Profit-Fantasien durchs Hirn geistern. Ich gebe Ihnen ja recht, dass ökonomische Interessen, wenn sie die handwerklichen und ethischen Überlegungen übertrumpfen, den Qualitätsjournalismus bedrohen können. Aber es könnte doch auch sein, dass “Kunden”, auch junge, in ausreichendem Maße klug sind, um gerade Produkte mit seriösen Inhalten zu kaufen und am Markt erfolgreich zu machen.
Und jenseits davon: Lebte die Zeitung in dem paradiesischen Zustand, sich nicht an einem kapitalistisch organisierten Markt behaupten zu müssen – reichte nicht das Bedürfnis, auch bei Jüngeren Interesse an kritischer Öffentlichkeit zu wecken, vollkommen aus, um sie gewinnen zu wollen? Was ist daran schlecht, wenn es gut, also seriös, gemacht wird? Sollte allerdings das Wort “umgarnen” andeuten sollen, dass wir unsere berufsethischen Fundamente verlassen, um uns anzubiedern – dann wären wir wieder am Anfang der Debatte. Und an den zurückzukehren, sehe auch ich keinen Anlass.
24.04.09 - 11:39
48. maat
Lieber Herr Hebel,
ich danke Ihnen für die freundliche Antwort einschließlich der Entschuldigung. Dass Ihnen persönlich „keine Profit-Fantasien durchs Hirn geistern“, glaube ich Ihnen sofort. Daran hatte ich tatsächlich nie einen Zweifel und die Vorstellung bringt mich sogar zum Lachen.
Ich war übrigens immer der Meinung, man müsse über den Fall berichten. Ich stehe lediglich wie Abraham auf dem Standpunkt, dass eine Berichterstattung ohne Namensnennung vor einer Urteilsverkündung und eine mit Namen nach der Urteilsverkündung, die beste Methode gewesen wäre, da auf diese Weise weder das Recht auf Information noch das auf Privatsphäre verletzt worden wäre. Ihre Lösung beschneidet das Recht des einen (für mein Empfinden) massiv zum minimalen Vorteil des anderen (des Fans), da mögen Ihre Motive noch so edel sein.
Abschließend möchte ich Ihnen noch eine Frage hinsichtlich der Folgen stellen: Was wären konkret Ihre auf die Gesellschaft bezogenen Befürchtungen gewesen, wenn der Name der Sängerin NICHT von Ihrer und anderen Zeitungen genannt worden wäre?
Schöne Grüße
Maat
24.04.09 - 16:02
49. Anna
Liebe Maat,
wahrscheinlich wäre eine Berichterstattung ohne Namensnennung wenig beachtet worden – vor allem nicht von den Jugendlichen. Der „wake-up-call“ konnte doch nur gelingen, in dem ein persönlicher Bezug hergestellt wird… wen betrifft denn schon Anonymität?
24.04.09 - 18:25
50. maat
@Anna
Wie liest du denn diesen Artikel über HIV-Infektionen?
http://www.tagesschau.de/inland/aids4.html
Demnach verwenden „90 Prozent der Frauen und Männer mit wechselnden Sexualpartnern Kondome“- ich finde nicht, dass man daraus eine besondere Kondommüdigkeit der Deutschen ableiten kann.
Welche aufweckende Wirkung soll der von uns diskutierte Fall auf die Leser dann aber haben?
Ich habe keinen aktuellen seriösen Bericht über die Kondommüdigkeit bzw. erhöhte HIV-Infektionszahlen speziell unter Jugendlichen gefunden- davon wird aber hier ja die ganze Zeit ausgegangen. Hast du entsprechende Zahlen, liebe Anna?
Dass nämlich ausgerechnet für die Gruppe der homosexuellen Männer, unter denen die höchste Zahl der Neuinfektionen zu konstatieren ist, die „No Angels“ einen Idolcharakter haben, wage ich zu bezweifeln.
Einen weiteren Aspekt möchte ich zu bedenken geben. Anscheinend ist der Anstieg der Infektionen auch darauf zurückzuführen, dass sich schlicht mehr Menschen testen lassen. Wie wird aber die Testbereitschaft aussehen gerade vor dem Hintergrund dieses Falles? Da denkt vielleicht der ein oder andere: So lang ich von nichts weiß, kann ich schon nicht belangt werden.
Insgesamt ist doch da eher eine zielgruppenspezifische Prävention der Aids-Hilfe gefordert, als die FR.
24.04.09 - 20:44
51. Anna
Liebe Maat,
nein, mit konkreten Zahlen über die Kondommüdigkeit von deutschen Jugendlichen kann ich nicht aufwarten – da hat mir wohl lediglich der ein oder andere Artikel bestätigt, was mir meine Töchter und ihre Freunde so dazu erzählen. Aber findest du wirklich, dass die Anzahl der Fälle maßgebend ist? Ich jedenfalls nicht – ich finde ganz im Gegenteil JEDE Neuinfektion, die verhindert werden kann, soll verhindert werden.
Sicherlich gibt es auch Menschen, die sich nicht testen lassen, aber vielleicht nicht unbedingt deshalb, weil man sie dann nicht rechtlich belangen kann, sondern eher aus Angst vor der Gewissheit das Virus in sich zu tragen und den daraus folgenden Konsequenzen. Das finde ich auch völlig in Ordnung, solange sich diejenigen dann „no condom – no sex“ zum Prinzip machen.
24.04.09 - 21:54
52. Abraham
Lieber Stephan Hebel,
zwischen Ihnen und mir besteht kein Dissens darin, dass wir als Journalisten auch dafür verantwortlich sind, was wir nicht berichten. Auch die Lücken unserer Berichterstattung müssen wir ethisch rechtfertigen können. Allerdings dürfen wir den ökonomischen Druck nicht herunterspielen: Wir alle, die wir in Redaktionen Verantwortung tragen, müssen zu einem mit begrenztem Umfang der Ausgaben auskommen. Zum anderen fehlt es für schwierige Themen, die gründlicher Recherche bedürfen, an verfügbarer Personalkapazität und auch die Etats für freie Autoren sind begrenzt. Auch diese Faktoren gehören zum journalistischen Alltag.
Gegen maat kann ich Ihnen zustimmen, dass es nichts Anrüchiges ist, sich um bestimmte neue Lesergruppen – wie jüngere Leute – zu bemühen. Auch bei unseren „angestammten“ Lesern sind wir darauf angewiesen, durch Themenwahl und Art der Berichterstattung immer wieder neu ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen, schließlich verfügt jeder nur über ein begrenztes Zeitbudget, das auf unterschiedliche Medien verteilt wird. Die Frage ist, wie weit man diesen Wettbewerb durch Qualität zu entscheiden sucht. Dabei zählt zur Qualität nicht nur die gründliche Recherche, sondern auch die „gute Form“. Auch über ernste Themen muss man nicht langweilig schreiben, schließlich gehört der Journalismus zu den angewandten Künsten.
Mit maat muss ich feststellen, dass mich Ihre Argumente für die Namensnennung in dem NoAngel-Fall nicht überzeugt haben, auch wenn ich das Spannungsverhältnis zwischen Persönlichkeitsrechten und Pressefreiheit grundsätzlich wie Sie sehe. Nur bei dem konkreten Abwägungsprozess kann ich Ihnen diesmal nicht folgen. Eine aufklärerische Berichterstattung wäre ohne Namensnennung ausgekommen, da die Faktenlage ohnehin zu dünn ist: Außer dem von der Staatsanwaltschaft bekannt gegebenen Anfangsverdacht, die Sängerin hätte Sexualpartner über ihre HIV-Infektion nicht aufgeklärt und mindestens eine Person infiziert, ist nichts bekannt und ohne Verletzung von Persönlichkeitsrechten anderer Beteiligten derzeit kaum zu recherchieren.
26.04.09 - 18:23
53. Abraham
@ Anna
Wie maat möchte ich Ihnen widersprechen. Der gerechtfertigte Wunsch, junge Menschen vor leichtsinnigem Umgang mit der HIV-Gefahr zu warnen, kann nicht zu Lasten der Persönlichkeitsrechte anderer gehen, egal wie prominent sie sind. Die FR hat zu Recht den “Fall” zum Anlaß einer Berichterstattung über die Aids-Gefahr genommen, was auch ohne Namensnennung möglich gewesen wäre. Häte “bekannte Popsängerin” nicht das gleiche Interesse geweckt?
Den Artikel der FR, in dem über eine von einem Mann absichtlich mit HIV infizierte Frau berichtet wurde (der Täter wurde zu hoher Haftstrafe verurteilt), fand ich sehr gut. Er wirkt aufrüttelnd, ohne dass die Identität des Opfers und die des Täters) preisgegeben wurden.
26.04.09 - 18:34
54. Anna
@ Abraham
Stimmt, „bekannte Popsängerin“ hätte sicher auch gereicht … Allerdings fand ich dazu Rudis Argumente (s. # 43) sehr bedenkenswert: Was würde es denn bringen, wenn die FR auf die Nennung des Namens verzichtet, aber BILD posaunt diesen groß und fett heraus? Nadja Benaissas Persönlichkeitsrechten doch sicher im Endeffekt nichts…
26.04.09 - 20:32
55. Abraham
@ Anna
Nicht alle lesen BILD und nicht alle sollten sich nach den Maßstäben dieses Battes richten. Jeder ist für sein ethisches Handeln selber verantwortlich.
26.04.09 - 22:59
56. Anna
@ Abraham
ein gutes Schlusswort!
26.04.09 - 23:04
57. heinrich
Ich will ja hier den Diskutierenden und Diskutierendinnen nicht zu nahe treten, aber das gute Schlusswort hat Abraham eigentlich schon in # 2 gesprochen. Danach zieht die Diskussion sich im wesentlichen mit dem fruchtlosen Versuch hin, Stephan Hebel in dieser Frage zur Vernunft zu bringen.
Wie locker-flockig sich aber zentrale Vernunftbegriffe, wie Toleranz und Meinungs- bzw. Pressefreiheit, die Lessing und andere Aufklärer als ideelle Kampfinstrumente gegen den reaktionären Dogmatismus der herrschenden klerikalen und weltlichen Gewalten entwickelt haben, sich vom geschichtslosen Bewusstsein von Medienmachern in ihren gegenteiligen Sinn verkehren lassen, das wird in bedenkenswerter Weise in solchen Diskussionen manifest.
“No Angels”, ich wusste gar nicht, was das sein könnte. Vom Namen her dachte ich spontan an Satanisten, für welche jüngst in der Frankfurter Rundschau, dem Zentralorgan der allgemeinen Menschenrechte, theologische Fakultäten reklamiert wurden. Aber nein, es sind bloß sog. “öffentliche Personen”, d.i.: Huren, auf welche öffentlich und gemeinschaftlich mit Steinen werfen zu dürfen sich deren Konsumenten trotz Jesus offenbar immer noch einbilden.
Aber nach näherem Nachdenken ist mir doch der Satan wohl nicht zufällig und nicht bloß des Namens “No Angels” wegen in den Sinn gekommen. Denn hier kommen zwei konstitutive Momente zusammen, nämlich Sexualität und Pestilenz, die ohne weiteres klar machen: Hier handelt es sich nicht um Huren der harmloseren Sorte, sondern natürlich um Hexen. Die Frau Benaissa, der bezeichnenderweise eine überdurchschnittliche Intelligenz und eine verdächtige Zurückhaltung nachgesagt wird, hat sich natürlich die Krankheit beim Buhlen mit dem Leibhaftigen geholt, damit sie fürderhin unschuldige Männer anstecke und so das Verderben in die Welt bringe.
Da wird es ihr kein Trost sein, dass die Inquisitionsgerichte Geschichte sind. Dafür gibt es jetzt die freie Presse.
Sie ist gerichtet, und in dieser gottlosen Welt wird sie vergeblich auf die Stimme von oben hoffen, welche rufen könnte: “ist gerettet!”
27.04.09 - 01:24