Spitzel in die Kathedralen!
Nicht, dass wir uns wundern müssten – aber es ist schon ein besonders starkes Stück, was Ratzinger jetzt veranstaltet: Nicht nur, dass er sich mit reaktionären Fundamentalisten, den Anhängern des verstorbenen Bischofs Lefebvre, “versöhnen” will. Er nimmt es auch kaltlächelnd in Kauf, dass darunter ein bekennender Holocaust-Leugner ist. Was tun? Ich habe einen Vorschlag.
Wie in meinem FR-Kommentar von heute ausgeführt, ist es eigentlich ein Skandal, dass in Deutschland keine Debatte über die Duldung und Förderung dieser in weiten Teilen obskuren Religionsgemeinschaft entsteht, wie das in einem vergleichbaren Fall bei Muslimen sofort der Fall wäre.
Mein Vorschlag an den Bundesinnenminister: Sie haben wiederholt gefordert, Imame in Deutschland müssten in deutscher Sprache predigen. Ich nehme an, das liegt daran, dass Ihre Verfassungs-”Schützer” zu wenig Arabisch, Türkisch u.ä. sprechen. Ich rege an, analog zu Ihrer Politik gegenüber Muslimen der katholischen Kirche sicherheitshalber die von Ratzinger gerade wieder erlaubte lateinische Messe zu verbieten – wer weiß denn, welche Grausamkeiten da in einer toten (!) Sprache vorgetragen, wozu die Menschen aufgehetzt werden, falls sie etwas verstehen?
Wenn Sie so weit nicht gehen wollen, Herr Innenminister, dann stellen Sie zumindest ein paar neue Verfassungsschützer ein – mit großem Latinum.


157 Kommentare, Kommentieren oder Ping
1. Werner Thiele-Schlesier
Was ich nicht verstehe, ist die Tatsache, dass ihm Millionen zujubeln, wenn er hier auftritt, ihre eigenen Auffassungen von dieser Religion aber anders handhaben. Mir scheint, diesem Machthaber über seine Schäfchen hat wenig Interesse, sich dieser Schäfchen anzunehmen, wenn diese in Schwierigkeiten geraten. Auch er ist nur die Inkarnation von Machtausübung über Menschen. Ich bleibe dabei, dass es keinen Gott gibt. Ich muss ja nicht beweisen, dass es ihn gibt. Er selber kann es nicht.
26.01.09 - 16:29
2. heinrich
@ Stephan Hebel
Wenn es dafür nicht zu spät ist, dann sorgen sie lieber dafür, dass so ein evidenter Mangel an Sachkenntnis und Urteilsvermögen auch noch in der Printausgabe erscheint!
26.01.09 - 16:58
3. Karl
Schön an dem Sachverhalt:
Der Mann demaskiert sich und seine “Administration” selbst!
Schlecht, und mir in Sorge um demokratischen Geist sowie Rechtsstaatsverständnis übel aufstoßend:
Die Massen welche trotzdem jubeln!
Dient da die Verlängerung des Neuralrohres nur dem Erhalt des Körperschwerpunktes? Einfach nicht nachvollziehbar wie dünn der Lack hier ist.
Zudem sollte auch das BfV a l l e fundamentalistischen Bestrebungen überwachen, wenn diese Einrichtung schon einen Nutzen haben soll.
@ 1#
“Annehmen”, wozu?, es gibt doch ausreichend lernresistenten Nachschub!
Gruß Karl
26.01.09 - 16:58
4. rudi
Schlagzeile vom 20. April (!) 2005:
“Wir sind Papst!”
26.01.09 - 17:26
5. Uwe Theel
Lieber Herr Hebel,
Die Ironie Ihrer Vorschläge an den BMI und seinen Schlapphüte in allen Ehren, aber
1) bin ich sicher, dass der VS auch die katholische und evenagelische Kirche, genauer natürlich nur einzelne Befreiungstheologen und Studentenpfarrer – mindestens bei Bedarf -. in allen Sprachen, z.B. spanisch unter Beobachtung hat und
2), selbst wenn die VS-Leute fließend Latein sprächen, was sie von den Priestern dann verständlich zu hören bekämen, wäre immer staatstragend, das walte der Geist, nicht der Heilige, sondern der von Adenauer und Gehlen; Schäuble lebt noch.
Ach ja, wg. Schäuble: Der hat gerade verkündet, daß trotz geltender Unschuldsvermutung doch davon ausgegangen werden könnte, daß die Guantanamohäftlinge dort nicht ganz ohne Grund von Bush-USA festgehalten, gesessen hätten, Bei lateinisch sprechenden Priestern, davon bin ich überzeugt, wäre es umgekehrt.
P.S: Schäuble setze übrigens noch hinzu, daß, selbst wenn Häftlinge dort unschuldig eingesessen hätten, dann wären sie nach 6 – 7 Jahren ungesetzlicher Folterbehandlung doch gefährlich genug geworden, um von der BRD besser ferngehalten zu werden; dies würde, würde ihm solches geschehen sein, auch für ihn gelten. – Obacht also.
26.01.09 - 19:38
6. rudi
Richard Williamson erinnert mit seinen Äußerungen an die gute Zusammenarbeit zwischen der katholischen Kirche und der NSDAP. Die römisch-katholische Kirche sah sich nicht aus Überlebensgründen gezwungen, mit Hitler zusammenzuarbeiten. Es waren vielmehr die gleichen Erzfeinde, die sie zusammenschweißte: die Juden und die Kommunisten.
Der Nationalsozialismus wurde von der Amtskirche von Anfang an unterstützt. Die Zuarbeit reichte bis hin zur Errichtung eines Schleusernetzes, um nationalsozialistische Kriegsverbrecher nach der Niederlage des Faschismus in Sicherheit zu bringen. Die katholische Kirche hat in den dreißiger Jahren die Wiederaufrüstung goutiert. Sie hat mit Hitler ein Konkordat unterzeichnet. Als die jüdischen Geschäfte boykottiert wurden, hörte man von der römisch-katholischen Kirche nichts. Die Nürnberger Rassengesetze und die Reichspogromnacht konnten ohne Kritik der Katholiken über die Bühne gehen.
Woher hatten die Nazis die Möglichkeit, nachzuverfolgen wer Jude war bzw. jüdische Vorfahren hatte? Doch nur weil die Kirche ihre Abstammungsurkunden bereitwillig den Nazis vorlegten. In Kroatien wurde von der katholischen Kirche das pro-nazistische Ustascha-Regime gestützt. Was hat man von der katholischen Kirche zu Auschwitz je gehört? Wer hat für Hitler noch eine Totenmesse organisiert? Ist je ein katholischer Christ wegen seiner Taten im Dritten Reich exkommuniziert worden? Niemand ist aus der Kirche ausgeschlossen worden, der Gaskammern in Betrieb hielt. Da fügt sich die jetzige Aussage des Herrn Williamson bei gleichzeitiger Wiederaufnahme in den offiziellen Schoß des Vatikans wie ein Mosaikstein zum anderen.
26.01.09 - 20:41
7. Abraham
@ #2 Heinrich
Habe dich diesmal nicht verstanden. Kannst du mir erklären, was du gemeint hast?
@ #6 Rudi
Sie vereinfachen zu sehr. Noch 1933 hat die NSDAP in katholischen Gebieten die schlechtesten Wahlergebnisse erzielt. Nicht wenige Katholiken haben aktiven Widerstand gegen das NS-Regieme geleistet und, z.B. in Polen und in Italien, Juden versteckt. Auch das darf man nicht unterschlagen.
Die Kirchen haben nicht “bereitwillig ihre Abstammungsurkunden den Nazis vorgelegt”. Den “Ariernachweis” musste jeder selber erbringen, wozu die Taufscheine der Großeltern benötigt wurden.
Dass die katholische und noch mehr die evangelische Kirche im Nationalsozialismus versagt hat, ist allerdings eine Tatsache.
26.01.09 - 22:26
8. Uwe Theel
Herr Hebel,
sie fordern in Ihrem Kommentar Frau Merkel auf, sie solle „zeigen, dass vor (i)hren kritischen Augen alle Religionen gleich sind”.
Betrachten Sie sich nur diesen Ausschnitt aus einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) vom 18.04.2006, das die Bundesregierung auf eigener Internetseite heute noch verbreitet (http://www.bundesregierung.de/nn_1500/Content/DE/Interview/2006/04/2006-04-18-ein-papst-kann-und-muss-mahner-sein.html ):
„KNA: Was bedeutet “Papst” für Sie als Protestantin?
Merkel: Mit der Rolle eines Papstes verbinde ich als Protestantin selbstverständlich den größten Unterschied zu meiner Kirche, denn in ihm wird der Anspruch der katholischen Kirche, Weltkirche sein zu wollen, sichtbar.
KNA: Welche Rolle kann der Papst in einer weltpolitisch angespannten Lage haben?
Merkel: Ein Papst kann und muss Mahner sein und Orientierung geben, für die Unveräußerlichkeit der Würde jedes Menschen, gegen Krieg und Gewalt und für Frieden und Freiheit, er kann derjenige sein, der Grenzen setzt, wo andere in unserer Zeit atemberaubender technischer Entwicklungen allzuleicht bereit sind, Kompromisse einzugehen, er kann Brückenbauer zwischen Konfessionen, Religionen und Kontinenten sein.
KNA: Welche Erwartungen haben Sie an den im September anstehenden Besuch von Papst Benedikt XVI. in Bayern?
Merkel: Ich freue mich auf den Besuch in der bayerischen Heimat von Papst Benedikt und ich wünsche mir, dass bei seinem Besuch die Begeisterung spürbar wird, die wir schon beim Weltjugendtag in Köln erlebt haben.“
Was erwarten Sie, Herr Hebel, von einer Politikerin, die in einem Atemzug zu erkennen vorgibt, daß das Papsttum „den größten Unterschied zu (ihrer) Kirche“ darstelle, weil die katholische Kirche einen Alleinvertretungsanspruch für die Regelung des Zugangs zu Gott vertritt, dann einige ganz große Wahrheiten verkündet, denen nie jemand zu widersprechen wagte – konkrete Inhalte fehlen – die genau jener Dogmatiker aus Rom allgemeingültig vertreten können soll um dann einen Brückenbau zu fordern, der von päpstlicher/katholischer Seite gar nicht gedacht und praktiziert werden kann, anders, als die Aufnahme der anderen Religionen in der selben Art, wie die einst für abtrünnig erklärten Bischöfe nun in den Schoß der Kirche nur zurückkehren können. Die FR zitiert das Dekret:
„Wir (d.h. die irrgläubig gewordenen Bischöfe; U.T.) nehmen ihre Lehren (d.h. die, der katholischen Kirche; U.T.) in kindlicher Gesinnung an. …’ Papst Benedikt XVI. hat – bewegt von väterlichen Empfindungen angesichts der von den Betroffenen bekundeten geistlichen Notlage wegen der erfolgten Exkommunikation und im Vertrauen auf ihre in dem genannten Schreiben geäußerte Verpflichtung, keine Mühe zu scheuen, um die Gespräche mit dem Heiligen Stuhl in der noch offenen Frage zu vertiefen … – beschlossen, die kirchenrechtliche Situation der Bischöfe …neu zu bedenken….“
D.H, die Einvernahme des Abgefallenen ist nur möglich zu machen, durch dessen erneute bewußtlose Unterwerfung (man beachte besonders die Worte „kindlich“ und „väterlich“ im Text). Dies ist es, was Frau Merkel als „einigendes Werk“, als „Brückenbau“ bezeichnet und für richtig hält. Frau Merkel sieht da nicht das einigende in den religionen, sondern den Imperator, der zusammenzwingt, was sich ihm nicht vollkommen anverwandelt.
Aber wahrscheinlich ist sie geistig gar nicht in der Lage, dies zu erfassen, denn wirklicher Weise erwartet sie vom Papst nur (s. o. im Interview), daß der papst ihr die Freude bereitete, sie in Bayern anläßlich seines Deutschlandbesuches zu treffen – (reichlich egoistisch die Frau)-, eine Freude und Begeisterung, die über ganz Deutschland kommen solle -(wie freigiebig)-. Fast ist man geneigt zu rufen „Papa befiehl, wir folgen!“
P.S: der Pontifex, d.i. der Brückenbauer, ist eigentlich der, der den Weg, die Brücke zu Gott baute – Jesus kam dem christlichen Glauben nach dazu auf die Erde. Der Papst hält sich für seinen Stellvertreter – . Für Frau Merkel baut der Papst scheint es nur Brücken, vielleicht noch Autobahnen, zwischen den Weltreligionen und ihren menschlichen Mitgliedern. Sancta Simplicitas.
26.01.09 - 22:36
9. BvG
Der Salto scheint mir einfach:
Wenn ein Herr Dingsbums nicht glaubt, daß es die Judenvernichtung gegeben hat, dann glaubt er nicht an Bewiesenes, dann ist sein sonstiger Glaube auch nicht ernstzunehmen, weil er nicht an die Wahrheit glaubt.
Eine Begnadigung ist nicht die Tilgung der Schuld.
26.01.09 - 22:43
10. heinrich
Lieber Rudi, was du als bruchlose Tradition von der damaligen Vergangenheit auf die heutige Kirche behauptest, ist schlicht unredlich. Ich bin überzeugt, du hast die Stellungnahme der Deutschen Bischofskonferenz gelesen.
Lieber Abraham, was ich meine:
Was Hebel schreibt, ist leider nicht nur von einem Mangel an Sachkenntnis und Urteilsvermögen getrübt, sondern ist, freundlich interpretiert, eine kulturlose Geschmacklosigkeit, wörtlich genommen aber eine menschenfeindliche Zumutung für Millionen deutsche Katholiken: er schlägt den Sack Fundamentalisten und meint den Esel “obskure” Katholiken, deren Religionsausübung er verboten wissen möchte, denn das sollte natürlich bei der “Debatte über die Duldung” herauskommen, was denn sonst?
Aber der Reihe nach: zunächst zur Sachkenntnis und zum Urteilsvermögen.
Das ganze Konstrukt sollte wohl auf eine überspitzt-ironische Weise die Ungleichbehandlung von Fundamentalismen darstellen, allein, es fehlt ihm der Witz und Verstand. Das hierarchische geistliche Oberhaupt von einer Milliarde Gläubigen zu vergleichen mit einem Moscheenvorleser, nur, weil es im Islam die entsprechende Instanz nicht gibt, ist schon mehr als verfehlt, und die zum Teil täglich, zum Teil im Jahresturnus wiederkehrenden Texte des Römischen Messbuchs kann man seit über vierhundert Jahren ohne Geheimagenten in lateinischer Sprache nachlesen und seit vielleicht ebenso vielen Jahren in landessprachlichen Übersetzungen. und die individuellen Predigten werden, übrigens in Übernahme der Gepflogenheiten der Reformation, in deutscher Sprache gehalten.
In vormoderner Zeit bestimmte es weitgehend die Kirche, welchen Staat sie duldete, und es ist eine Errungenschaft des liberalen Bürgertums, dass sie den säkularen Staat aus deren Vormundschaft befreit hat. Nun also umgekehrt?
Wie hätten sie es denn gerne, werter Stephan Hebel, mit der Nichtduldung der obskuren Religionsgemeinschaft durch den Staat? Reicht ihnen die zwangsweise Widerrufung des Taufgelöbnisses durch die Gläubigen, in Umkehrung der Zwangstaufen der Juden durch Isabella von Kastilien, mit anschließender Beschimpfung als “Schweine”, versteht sich, wenn sie heimlich ihre Religion weiter pflegen? Oder wollen sie nur, wie die Maoisten, die Kirchen schließen und die Priester jahrzehntelang einkerkern? Oder wollen sie, wie der Staat, der in Sachen obskure Religionsgemeinschaften wirklich konsequent war, die langweiligen Bundesligaspiele abschaffen und stattdessen in den Stadien die Katholiken wilden Tieren zum Fraß verwerfen?
Wie, das meinen sie natürlich alles nicht so? Aber dann schreiben sie doch nicht so etwas, sondern lassen auch und gerade in diesem Bereich die Sorgfalt und den liberalen Maßstab walten, die sie sonst anlegen!
Zu Ratzingers Zugeständnissen an die oder Sympathien mit den international auch im Katholizismus im Vormarsch begriffenen Fundamentalisten ließe sich einiges begründend, wenig entschuldigend, sagen. Dass aber Ratzinger längst kein (angesehener) Deutscher mehr ist und dass die deutschen Bischöfe ziemlich unumwunden zum Ausdruck gebracht haben, dass die Kirche Mittel und Wege habe, dem Bischof sein Holokaustleugnen auszutreiben, das aber natürlich nur kann, sofern er wieder i n der Kirche ist, so etwas darf man wohl im Interesse einer pauschalen Diskriminierung der Katholiken und ihrer Kirche ebenso geflissentlich übersehen wie die Proteste aus deren Reihen.
Ich bin vor über dreißig Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten, und wie der Papst hier handelt, wäre das für mich ein Anlass, es erneut zu tun. Aber ich halte es mit Lessing. Wenn der heute die Ringparabel wieder schreiben würde, ich bin überzeugt, er würde einen vierten gleichartigen Ring an den atheistischen Sohn vergeben und ihm sagen: “Geh’ hinaus in die Welt, und wenn der Ring die Wirkung hat, dass du dir die Menschen durch gute Werke wohlgefällig machst, dann ist deine Überzeugung die echte, und du verdienst es wahrhaft, der König über die Menschen zu sein.
Lessing, der weit entfernt davon war, ein gläubiger Anhänger der Kirche zu sein, schreibt aber damals schon an seinen Bruder über die Anhänger einer “Vernunftreligion”, sozusagen die damaligen Gemäßigten im Vergleich zu den Atheisten:
“Ich weiß kein Ding in der Welt, an welchem sich der menschliche Scharfsinn mehr gezeigt und geübt hätte als an ihm (dem alten Religionssystem).* Flickwerk von Stümpern und Halbphilosophen ist das Religionssystem, das man jetzt an die Stelle des alten setzen will, und mit weit mehr Einfluss auf Vernunft und Philosophie, als sich das alte anmaßte. Und doch verdenkst Du es mir, daß ich das alte verteidige? – Ich bin von solchen schalen Köpfen auch sehr überzeugt, dass, wenn man sie aufkommen lässt, sie mit der Zeit mehr tyrannisieren werden, als die Orthodoxen jemals getan haben.”
* Mit dem “alten ” und “orthodoxen” Religionssystem ist der Offenbarungsglaube gemeint.
27.01.09 - 01:50
11. Abraham
@ #10 Heinrich
Danke für deine Erläuterung. Auch ich glaube, dass Stephan Hebel sich von seinem (berechtigten) Zorn hat leiten lassen und mit seinem “ironischen” Vergleich danebengegriffen hat.
Allerdings bin ich auch gespannt, wie die von der Deutschen Bischofskonferenz geforderten Reaktionen Roms auf den holocaustleugnenden Rückkehrer-Bischof ausfallen werden. Gegenüber dem antisemitischen (katholischen) “Radio Maria” und seinen priesterlichen Unterstützern in Polen zeigt Rom unendliche Langmut.
27.01.09 - 09:20
12. Werner Thiele-Schlesier
@ All
Nicht die deutsche Bischofskonferenz setzt religiöse Zeichen sondern der Pabst. Hinter ihm aber steht ein Klerus, der dem Klerus nach dem 2. Vatikanischen Konzil nicht mehr ähnlich ist. Ratzinger als Vorsitzender der Galubenskongregation hat seinerzeit wichtige reaktionäre Zeichen gesetzt, die jetzt umgesetzt werden. Wer sowas noch immer verteidigt, ist eben m.E. von Kenntnis über die r.k. Kirche nicht getrübt.
@ Abraham
1933 gab es gar keine Mehrheit im Reichstag für den Gefreiten selbst nach den Närzwahlen nicht. Allein die Bürgerlichen haben den Nazis den Weg geebnet. Außer der SPD haben keine Abgeordneten anderer Parteien gegen das Ermächtigungsgesetzt gestimmt. Zur Ehre der Kommunisten muss aber gesagt werden, dass diese längst in den Zuchthäsern der Nazis verschwunden waren. Das ist eben genau der Knackpunkt, an dem der Klerus damals versagte. Später versagte er an der fehlenden Kritik gegenüber dem Regime. Zur Ehre einzelner Christen muss allerdings angemerkt werden, dass es durchaus Pfarrer gegeben hat, die sich aktiv gegen die Diktatur gestemmt haben. Aber das war eben nicht die r.k. Kirche.
27.01.09 - 10:14
13. Stephan Hebel
@heinrich #10 und Abraham #11:
Ach, lieber Heinrich, fast hätte ich in der Sprache meiner katholischen Mutter gesagt: “Lieber Himmel!” Müssen es wirklich gleich Kaliber wie “kulturlos” und “menschenfeindlich” sein? Sind derartige Beleidigungen die richtige Methode, eine christliche Kirche zu verteidigen? Nun ja, auch im Stil werde ich mich Ihnen nicht anschließen.
In der Sache allerdings, ohne unsachlich oder gar persönlich zu werden wie Sie, auch nicht. Sie mögen (wie Abraham das in höflicher Form tut) die Ironie für misslungen halten. Aber wenn Sie mir schon den Versuch zugestehen, dann messen Sie doch bitte eine ironische Übertreibung nicht mit der Elle der bierernsten Vergleichbarkeit! Natürlich besteht zwischen einem muslimischen Vorbeter und dem katholischen Papst ein “himmelweiter” Unterschied, das ist mir, Zorn hin oder her, natürlich nicht entgangen (es war eher ein in jeder Hinsicht ungläubiges Staunen, was ich angesichts des Skandals empfand). Es ging und geht mir (sehr ernsthaft trotz der ironischen Form) um eine zivilisatorische Errungenschaft, die über allen Religionen, so unterschiedlich sie sein mögen, steht: Dass eine Gesellschaft und “ihr” Staat jeden Menschen und jede Institution unabhängig von ihrer Weltanschauung absolut gleich zu behandeln haben. Ich bin sicher, Heinrich, dass Sie das absolut genauso sehen. Und habe ich nicht recht, wenn ich zeigen wollte (was mir ja in Ihren Augen offenbar misslang), dass unsere herrschende Politik die “fremde” Religionsgemeinschaft wesentlich kritischer betrachtet und behandelt als die “eigene”? Und ist nicht die Leugnung des Massenmords an den Juden jeder muslimischen Hasspredigt gegen den Westen in ihrer Unanständigkeit und Abgeschmacktheit ebenbürtig?
Ich kenne genügend Katholiken, denen dieser Vorgang (und andere unter Ratzingers Pontifikat) viel nehr Zornesröte ins Gesicht treiben als mir. Ich habe deshalb in meinem Kommentar keineswegs “Millionen Katholiken beleidigt”, sondern von einer “in weiten Teilen” obskuren ORGANISATION, hier: Amtskirche, geschrieben. Mit ihr, verehrter Heinrich, werden Sie sich ja wohl auch nicht zu 100 Prozent identifizieren, genauso wenig wie Millionen kritischer Katholiken auch.
27.01.09 - 12:57
14. heinrich
Ich glaube nicht, lieber Werner, dass du das Quiz darüber gewinnen würdest, wer von uns beiden die trüberen Kenntnisse über die r.k. Kirche hat. Dazu würde aber gehören, dass man die Fragen erst einmal richtig versteht, bevor man sie falsch beantwortet. Von Verteidigung von reaktionären, geschweige faschistischen Tendenzen in der katholischen Kirche oder anderswo wirst du in meinen Äußerungen schwerlich etwas finden.
Die katholischen Priester und Ordensleute und Laien, die wegen ihres Mutes, sich aufgrund ihres religiösen Glaubens gegen die Nazis zu stemmen, in den Lagern waren, waren eben AUCH r.k. Kirche, auch wenn ich mir mit dir und Rudi darüber einig bin, dass die Institution und die Hierarchie nicht nur schmählich versagt haben, sondern zu Beginn jedenfalls aus den von Rudi angeführten Motiven eine mehr oder weniger große Affinität zum Nazi-Regime hatten. Auch da gibt es aber Differenzierungen.
Die kroatische Ustascha war nicht nur pro-nazistisch, sondern sondern sie wurde von klerikalfaschistischen Verbrechern angeführt, Priestern und Ordensleuten, die nichts Geringeres als den Völkermord an den Serben auf dem Programm hatten. Und die Geschichte wird darüber zu richten haben, dass die rot-grüne Regierung unter Federführung von Fischer die “Serbien muss sterbien”-Tradition politisch und militärisch weitergeführt hat.
Das Konkordat gehört hier m.E. gar nicht rein. Es war eine seit den zwanziger Jahren schon vorbereitete und in einigen Ländern, Bayern, Baden, Preußen, etablierte vertragliche Vereinbarung zwischen dem Völkerrechtssubjekt Vatikan und dem deutschen Reich, deren Kanzler zu der Zeit nun mal Hitler war, um nach den Erfahrungen des Bismarckschen Kulturkampfes, den nach der Befriedung der Protestanten seitdem offenbar die “liberalen” Atheisten bis heute degen den Katholizismus fortführen, Rechtssicherheit in Fragen der Religionsausübung im weiteren Sinne zu erlangen. Mit demselben Recht wie das Konkordat könnte man auch die Versuche jüdischer Organisationen angreifen, mit der Reichsregierung Vereinbarungen zu treffen, die das Leben der Juden in finsterer Zeit Zeit sicherer machen und erleichtern könnten.
Hinterher ist man in vielerlei Hinsicht schlauer. Das gilt auch für die Steigbügelhalter-Funktion, die nahezu alle “bürgerlichen” gesellschaftlichen Grupenn und Organisationen eingenommen haben. nicht nur die katholische Kirche.
Der Massenmord an den Juden dürfte aber kaum deren Zustimmung erfahren haben. Die katholische Kirche hat ihn nicht verübt und muss sich deshalb dafür nicht entschuldigen. Trotzdem spricht Papst Johannes Paul II. am 12. März 2000 im Petersdom folgendes Gebet:
“Gott unserer Väter, du hast Abraham und seine Nachkommen auserwählt, deinen Namen zu den Völkern zu tragen. Wir sind zutiefst betrübt über das Verhalten aller, die im Laufe der Geschichte deine Söhne und Töchter leiden ließen. Wir bitten um Verzeihung und wollen uns dafür einsetzen, dass echte Brüderlichkeit herrsche mit dem Volk des Bundes. Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn.”
Zuvor hatte schon Johannes XXIII. kurz vor seinem Tod ein Gebet verfasst, in dem es hieß:
“Wir erkennen, daß ein Kainsmal auf unserer Stirn steht. Im Laufe der Jahrhunderte hat unser Bruder Abel in dem Blute gelegen, das wir vergossen, und er hat Tränen geweint, die wir verursacht haben, weil wir Deine Liebe vergaßen. Vergib uns den Fluch, den wir zu unrecht an den Namen der Juden hefteten. Vergib uns, daß wir Dich in ihrem Fleische zum zweitenmal ans Kreuz schlugen. Denn wir wußten nicht, was wir taten.”
Die Vorwürfe an Pius XII. als den “schweigenden Papst”, auch von jüdischer Seite, setzten erst in den 60er Jahren ein, in Gang gesetzt offenbar durch Hochhuths Stück “Der Stellvertreter”.
Am Tag nach seinem Tod schrieb die israelische Außenministerin Golda Meir: Golda Meir angeblich, “daß Hunderttausende von todgeweihten Juden ihr Überleben den direkten oder indirekten Interventionen dieses Papstes verdankten und diese Tatsache “mit goldenen Lettern” in den Geschichtsbüchern Israels notiert sei.” Die Seriosität der Quelle kann ich derzeit nicht beurteilen. Als gesichert darf aber gelten, dass Pius XII. ausdrücklich die Prorten der römischen Klöster für Juden öffnen ließ, nachdem die deutschen Besatzer deren Deprtation in Angriff genommen hatte, und dass der päpstliche Legat für die Türkei und Griechenland Roncalli, der spätere Papst Johannes XIII., zur Rettung von Juden Taufscheine hat ausstellen lassen.
http://www.katolsk.no/nyheter/2002/10/23-0005.htm
Die Exkommunikation ist ein Rechtsinsititut, das kann hier nur angerissen werden. Schuld durch Verbrechen auf sich geladen zu haben, ist für die Kirche, die sich als Sachwalter eines barmherzigen und gütigen Gottes sieht, kein Rechtsgrund dafür. Wohl aber ein Verstoß gegen päpstliche anordnungen. So wurde übrigens vor der “Machtergreifung” eine Exkommunikation durch Papst Pius XI. ausgesprochen für Katholiken, die der NS-Partei beitraten. Die ist später von seinem Nachfolger aber zurückgenommen worden.
Die katholischen Bischöfe in Holland habe sich in einem öffentlichen Hirtenwort gegen die Deprotationen von Juden durch die deutschen Besatzer gewandt, mit dem Effekt, dass die katholisch getauften Juden die ersten waren, die deportiert wurden.
So einfach, wie es mancher für sein Weltbild zu brauchen scheint, liegen die Dinge in Wirklichkeit nicht.
Was mich aber eigentlich in Harnisch gebracht hat, ist der hinter den undifferenzierten Zuschreibungen stehende Angriff auf die Freiheit der Religionsausübung. In dieser Hinsicht und im Hinblick darauf, dass die Probleme mit dem Islamismus wohl bei uns etwas anders gelagert sind als mit der hier dominanten Variante des Katholizismus, ist, dabei bleibe ich auch am nüchternen Morgen, Hebels Kommentar ein totaler Missgriff.
27.01.09 - 13:05
15. heinrich
Lieber Hebel,
es ist mir offenbar unmöglich, das Verständnis für einen fundamentalen Unterschied in derartigen Diskussionen zu etablieren, der nach meinem Verständnis allerdings objektiv gegeben ist:
Eine Beleidigung ist die verbale Herabwürdigung und Verächtlichmachung einer Person. Dass ich sie als Person und als Journalist schätze, habe ich hier, glaube ich, mehrfach zum Ausdruck gebracht, jedoch schreibe ich hier nicht nur, um Höflichkeiten auszutauschen.
Einen Text kann man nicht beleidigen, und ich finde allerdings, ihr Text enthält dem Inhalt und dem Wortlaut nach Elemente, die ich mit den entsprechenden, zugegeben harten, Attributen gekennzeichnet habe. Da sie aber diese Differenzierung hier oder überhaupt nicht zu treffen scheinen, bitte ich sie um Verzeihung, dass meine kritischen Einwendungen die – ehrlich unbeabsichtigte – Wirkung einer persönlichen Beleidigung bei ihnen ausgelöst haben.
In der Sache befinde ich mich trotz ihrer Klarstellung weiterhin im Gegensatz zu ihnen, dazu kann ich aber erst später Stellung nehmen. Es war mir erst einmal wichtig, dem Meinungsstreit den Ruch persönlicher gegenseitiger Kränkung zu nehmen. Ich hoffe, sie nehmen das an!
Schöne Grüße bis später von
Heinrich
27.01.09 - 13:36
16. Werner Thiele-Schlesier
@ Heinrich # 14
Na ja, das mit dem Quiz würde ich wahrscheinlich gegen Katholiken immer verlieren. Ich biin aber nicht hier um an einem Quiz teilzunehmen. Wer war denn z.Z. Pauls II Vorsitzender der Glaubenskongegation? In dieser Eigenschaft hat er reaktionäre Zeichen gesetzt,die er jetzt umsetzt. Sich selber als unfehlbar bezeichnen ist da doch schon die Chuzpe. Andere hingegen ihren kirchlichen Status absprechen ist eine Unverschämtheit. Aber was rege ich mich über den Klerus auf. Wenn ich mir die Schäfchen dieser kirche anschaue, sehe ich, dass die genau das Gegenteil dessen tun, was sie vom Pontifex als Vorgabe erhalten.
27.01.09 - 15:54
17. heinrich
Es steht ihnen natürlich frei, den Text als gelungener einzschätzen als ich es tue, und ebenso, mich als Exponenten des bierischen ernstes kontra ironische Übertreibung anzusehen. Nach meinem Verständnis hat aber Ironie einen Sinn, nämlich durch Übertreibung das Gesagte schärfer kenntlich zu machen, und genau das so kenntlich Gemachte kritisiere ich an ihrem Text.
Sie wenden sich ja explizit an Repräsentanten des Staates. Natürlich vertrete ich die Gleichbehandlung aller durch den Staat. Aber ich vertrete keineswegs das Recht des Staates auf Einmischung in religiöse Angelegenheiten, schon gar nicht auf geheimdienstliche Überwachung und Verbotsdiskussion. Ich verteidige auch nicht die katholische Kirche, schon gar nicht stimme ich 100prozentig mit einer Organiation überein, aus der ich mit guten Gründen ausgetreten bin. Was ich hier zu verteidigen suche, ist der Art. 4 (2) des Grundgesetzes, wo es lakonisch heißt: “Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.” Dass man das missverstehen kann, verstehe ich ebenso wenig wie sie wohl die eigentliche Stoßrichtung meiner Kritik.
Der Art. 4 geht weit über das in Art. 3 gewährleistete Diskriminierungsverbot aufgrund u.a. des religiösen Bekenntnisses hinaus. Hier wird etwas verfassungsrechtlich manifestiert, was das auf die Individalität orientierte liberale Bildungsbürgertum, das auch entsprechende “Glaubensrichtungen” innerhalb des Protestantismus hervorgebracht hat, wo es keinen Papst gibt, der das hätte verhindern können, von Anfang an nicht begriffen hat, dass Religion ihrem menschlichen Wesen nach – die absolute Mehrheit der Menschen gehört einer Religionsgemeinschaft an – keine Pflege des “Bekenntnisses” im stillen Kämmerlein ist, sondern dass sie für die Menschen eine gemeinschaftsbildende und die “Organisation” eine Identitätsstiftende Funktion hat. Insofern träfe ein staatliches Verbot einer “obskuren” Religionsgemeinschaft deren Mitglieder auf das Empfindlichste, auch wenn sie noch so mit der Haltung der Hierarchie hadern. Fragen sie doch, da sie so nahe bei kritischen Katholiken sind, wieso sie nicht austreten, und was sie vom Verbot ihrer Kirche halten würden!
“Obskur” heißt übrigens lexikalisch “von schlechtem Ruf”. Da kann ich ganz persönlich von Glück sagen, dass der Staat nicht alles und jeden von schlechtem Ruf verbieten kann. Da ist das Grundgesetz vor! Was natürlich ausdrücklich einschließt, dass strafrechtlich relevante Handlungen und Äußerungen von noch so ranghohen Kirchen- und Religionsvertretern auch strafrechtlich geahndet werden, was nach meinem Wissen in Bezug auf den engl. Bischof Sowieso auch eingeleitet worden ist. Das gilt auch für Organisationen. Wollen sie vielleicht die “in weiten Teilen obskure” katholische Kirche als kriminelle Vereinigung deklarieren? Oder reagiere ich hier zu bierernst auf einen Scherzartikel?
Inwieweit staatliche Überwachung und ggf. Eingriffe in dieser Hinsicht bei muslimischen Moscheen und Gruppen angebracht sind, ist eine Frage, wo ich mangels Sachkompetenz nicht mitreden kann. Das wäre dann ggf. gesondert zu diskutieren.
Im ganzen ist den Medien zu empfehlen, bei diesem hochgepuschten “Skandal” mal auf dem Teppich zu bleiben. Die FR titelt z.B. “Deutscher Papst weckt Angst bei Juden”. Ja da sage ich aber: “Du lieber Himmel”! Selbst wenn man den ausgewanderten Vatikanbürger Ratzinger als Deutschen durchgehen lässt: Vor dieser Sorte gibt es, weiß der liebe Himmel, gewiss ganz andere Exemplare, vor denen und deren Organisationen Juden mit guten oder schlechten Gründen Angst haben müssen.
Um es zusammenzufassen und von meiner Seite abzuschließen, lieber Stephan Hebel, da sie mir nicht mehr geantwortet haben: Ich denke natürlich aufgrund längerer Kenntnis nicht, dass wir im Grundsätzlichen so weit voneinander entfernt sind, wie es hier erscheinen mag. Ich denke eben auch, dass sie hier einen unbedachten und in der Richtung verfehlten Artikel verfasst haben. Inwiefern, dürfte nun vielleicht klarer geworden sein, unterschiedliche Einschätzungen können wir auch nebeneinander stehen und andere beurteilen lassen.
Grüße nochmals
Heinrich
27.01.09 - 16:28
18. heinrich
@ Werner
In der Zwischenzeit hat ja nicht nur die deutsche Bischofskonferenz ihre Haltung bekräftigt (jede Leugnung des Holocausts müsse “mit aller Härte” geahndet werden, betonte Erzbischof Marx von München), sondern auch der Vatikan die Äußerungen von Williamson zum Holocaust zurückgewiesen. “Wir distanzieren uns von jeder Form der Holocaustleugnung”, sagte der Präsident des Päpstlichen Einheitsrats, Kardinal Walter Kasper.
Die Haltung in diesem Punkt ist also nicht nur im deutschen Katholizismus – die Laienkirche reagierte noch viel härter und unmissverständlicher – sondern auch der römischen Amtskirche, also der Papst genannt. Das muss also nicht nur nicht verteidigt werden, sondern darf in dieser Einhelligkeit und Eindeutigkeit auch einmal getrost als Fortschritt der Kirche in ihrer Haltung zu Faschismus und Antisemitismus gewürdigt werden. Das schließt nicht aus, dass trotzdem auch die Kritik von jüdischer Seite berechtigt ist.
Ich bin nun keineswegs ein Experte in diesen Fragen, sondern würde mir als interessierter Zeitgenosse wünschen, von den Medienvertretern über entsprechende Hintergründe unterrichtet zu werden statt umgekehrt.
Zum Verständnis der Vorgänge ist, jenseits der Kritik, die ich teile, folgendes zu berücksichtigen:
Die weitgehende grundsätzliche Einigkeit der Milliarden Katholiken wird gewährleistet vom kirchlichen Lehramt, das der Papst innehat. Das schließt aber nicht aus, dass es in Fragen der Theologie, Liturgie und Seelsorge nicht weit auseinanderliegende Positionen innerhalb der Weltkirche gibt, die der Vatikan vermitteln muss, sondern auch jeweils zentrifugale Kräfte, die die Kirche auseinanderzureißen und zu spalten drohen. Wenn sich die Kirche z.B. in Südamerika und Asien in Richtung fundamentalismus bewegt, bewegt sich der Vatikan irgendwie mit, erst recht, aber nicht nur, wenn das der Haltung des Papstes entspricht, der hier persönlich ganz eigene und widersprüchliche theologische Positionen einnimmt.
Mit den zentrifugalen und abgespaltenen Kräften hat die Kirche jedoch nicht etwa das Problem, dass die Abgespaltenen exkummuniziert und damit draußen wären, sondern das Problem ist das fundamentaltheologische und kirchenrechtliche Verständnis der Sakramente, die einmal gespendet, für immer gelten. Das gilt nicht nur für die Taufe, sondern auch für die Bischofsweihe. Das heißt mit anderen Worten, geweihte Bischöfe und Priester üben ihre Funktionen dann zwar verbotenerweise, aber rechtmäßig aus. Mit anderen Worten: Die von Lefevbre und den von ihnen geweihten Bischöfe und Priester stellen einen rechtmäßigen, aber ausgeschlossenen Teil der Kirche dar. So etwas hat es übrigens mit einem fortschrittlichen Flügel Ende des 19. Jhd. schon einmal gegeben, mit den “Altkatholiken”, die sich wegen des Unfehlbarkeitsdogmas und der Mariendogmen abgespalten haben und nun eine eigenständige, aber katholische Religionsgemeinschaft bilden. Die Amtskirche ist um der Einheit Willen jeweils unabhängig vom Standort der “Abtrünnigen” bemüht, diese in ihren Schoß zurückzuholen, was je nach unterschiedlich abweichenden Auffassungen mehr oder weniger erfolgversprechend ist.
Im gegebenen Fall hat sich wohl ein Teil der Lefevbre-Leute schon nach Rom zurückbegeben und versucht, zwischen dem Vatikan und den anderen zu vermitteln. Darauf einzugehen ist ein genuines Interesse der Kirche in der Struktur, die sie nun einmal aufweist, was außer in den Fragen der Liturgie, wo der Vatikan ihnen entgegengekommen ist, genauso wenig über seine Übereinstimmung mit den betreffenden Bischöfen aussagt wie etwa mit irgendwelchen innerhalb der Kirche weilenden und mächtig waltenden philippinischen.
Solche Einheitsbestrebungen, denen auch Seligsprechungsverfahren geschuldet sein können, liegen dem Vatikan und dem Papst näher als die Ökumene mit anderen Religionsgemeinschaften, die auf einer ganz anderen Ebene angesiedelt sind. Man reise nach Portugal in den Wallfahrtsort Fatima, und man spürt und sieht, welchen Kultstatus dort nicht nur die wundertätige Jungfrau, sondern auch Pius XII. einnimmt.
Die Hoffnung bei dem ganzen möge bleiben, dass der im II. Vatikanum eingeläutete Friedensprozess, auch und gerade mit den Juden, trotz allem fortschreite und nicht gewendet werde zugunsten fundamentalistischer oder gar militanter Gegnerschaft. Der Papst mag sein, wie er will und handeln, wie er zu müssen glaubt, dafür, dass er ein Antisemit sei, gibt es, glaube ich, keine Anhaltspunkte.
27.01.09 - 18:19
19. rudi
Theologen brauchen die Religion. Theologen benutzen die Religion. Sie machen mit ihr Politik, und das schon so lange es diese Gemeinde gibt. So wie der Oberhirte Politik betrieb, in dem er nicht nur die vier Weihbischöfe in sein Haus bat. Er hat mit diesem wohlgesetzten Handstreich mehrere Hunderttausend, genau lässt sich das nicht quantifizieren, heimgeholt in das Reich des offiziellen römisch-katholischen Glaubens. Heimgeholt hat er damit nicht nur mindestens einen Holocaust-Leugner, sondern auch Priester wie Pater Schmidberger, den damaligen Leiter des Priesterseminars Zaitzkofen der Priesterbruderschaft St. Pius X.
Auszug aus einem Interview (2004):
Frage: Warum ist das katholische Christentum, wie Sie behaupten, die
allein seligmachende Religion und alle anderen sind Irrwege?
Schmidberger: Weil es nur einen Gott gibt, der sich
geoffenbart hat als der Dreifaltige, als Vater, Sohn, Heiliger Geist,
und nur einen Mensch gewordenen Gott, Jesus Christus. Dieser
Gottmensch hat die christliche Religion gestiftet, seine Kirche
gegründet, mit einem Opfer, den sieben Sakramenten, einem Lehramt, und
er hat gesagt: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand
kommt zum Vater außer durch mich«. Als Wort Gottes ist dies eine
unfehlbare Aussage.
Frage: Auch Judentum und Islam sind monotheistisch, berufen sich auf
den einen Gott. Sind das auch Irrwege?
Schmidberger: Auch das sind Irrwege, weil sie zwei Dinge völlig
verneinen, nämlich die Dreifaltigkeit einerseits und die Gottheit
Christi andererseits. Das sind aber die zwei Grunddogmen, auf denen
der christlich-katholische Glaube beruht. Weder das heutige Judentum
noch der Islam nehmen das an. [Zitatende]
Ich sehe noch nicht ein, weshalb ich mich als Nichttheologe mit diesen Haarspaltereien, die mir kaum etwas sagen, auseinandersetzen soll. Wenn mir gegenüber jemand behaupten würde, er sei der Weg, die Wahrheit und das Leben und niemand käme zum Vater – das ist wohl Gott – außer durch ihn, würde ich mich mit meinem eher auf das Diesseits sich beschränkenden Denken höflich verabschieden und ihn bitten müssen mit seinem rechten Thekennachbarn weiterzuplaudern.
Aber vielleicht werde ich doch noch auf den Tugendpfad gebracht und werde dann Vieles, was ich bisher ohne theologisches Bewusstsein einfach so gemacht habe, als sündhaftes Tun erkennen müssen und für den Rest meines irdischen Daseins mich der permanenten Buße anheim geben.
Trotzdem hoffe ich mit Heinrich, dass Ratzinger kein Antisemit ist, schließlich hat er letztes Jahr sich auf Pius XI. bezogen so geäußert: „Spirituell sind wir alle Semiten“ und meinte, für Antisemitismus gebe es keine theologische Begründung. Allerdings ist die oben zitierte Heimkehrerfraktion anderer Glaubensüberzeugung.
27.01.09 - 19:40
20. Werner Thiele-Schlesier
Und was ist mit Küng? Wurde der ebenso wieder eingegliedert in die alleinseligmachende Kirche? Bekommt er seine Lehrbefugnis zurück? Ich erinnere mich noch gut an die Zeit der Beratungsgespräche für Frauen, die als Schwangere in Schwierigkeiten waren. Diese Beratungsgespräche mussten eingestellt werden. damals war Ratzinger der Treibende. Ich sehe nicht, dass er sich geändert hat.
27.01.09 - 21:37
21. Werner Thiele-Schlesier
@ Heinrich
Da muss ich bei Dir aber was getroffen haben, was nicht beabsichtigt war. Du kannst alle meine Postings darauf durchforsten, ob ich Stephans Kommentar bejahe oder verneine. Ich habe einfach Kritik an dem Oberhaupt dieser Kirche geäußert, mich jedoch nicht für oder gegen Stephans Kommentar.
Wer Frauen so alleine lässt wie die r.k. Kirche kann für sich nicht beanspruchen, von mir geachtet zu werden.
27.01.09 - 22:05
22. Abraham
@ # 14 Heinrich
Lieber Heinrich,
nun, nach zweitem Durchlesen, muss ich doch “nachtreten”, und zwar zu deiner folgenden Ausführung: “Die kroatische Ustascha war nicht nur pro-nazistisch, sondern sondern sie wurde von klerikalfaschistischen Verbrechern angeführt, Priestern und Ordensleuten, die nichts Geringeres als den Völkermord an den Serben auf dem Programm hatten. Und die Geschichte wird darüber zu richten haben, dass die rot-grüne Regierung unter Federführung von Fischer die “Serbien muss sterbien”-Tradition politisch und militärisch weitergeführt hat.”
Würdes du bitte gegenüber Fischer genauso Gerechtigkeit walten lassen wie gegenüber dem Papst? Die Entscheidung der rot-grünen Bundesregierung im Jugoslawien-Krieg magst du für falsch halten, es ist aber unredlich, sie in irgendeinen Zusammenhang mit der ruchlosen Ustascha-Vergangenheit zu stellen oder eine angebliche Kontinuität einer “Serbien muss sterbien”-Tradition zu konstruieren. Oder verbietet sich für dich auch die Anerkennung einer slowakischen Eigenstaatlichkeit, weil diese in der Tradition des klerofaschistischen Slowakischen Staates aus Hitlers Gnaden steht?
28.01.09 - 09:34
23. heinrich
Ich hatte zunächst nicht vor, mich hier weiter zu äußern. Man kann ein Pferd auch totreiten, und in diesem Fall habe ich es vielleicht totgeritten, indem ich auf die Vielzahl der einzelnen Argumente ausführlich eingegangen bin, wodurch der ursprüngliche Diskussionsgegenstand vielleicht etwas aus dem Blickfeld geraten ist.
Da ich hier aber persönlich angesprochen werde, folgende Antworten.
Vorab aber: ich wollte ursprünglich zumal kritisch anmerken, dass Religion seit Jahrtausenden, wenn man die Kulte dazu zählt, sogar von Beginn der Menschheit an, ein integrales Moment menschlicher Kultur ist und immer da, wo der Staat die “Duldung” einer Religionsgemeinschaft zur Disposition stellt, was unserem Staat laut Art.4 (2) GG ausdrücklich nicht zusteht, dies auch ein feindlicher Angriff auf die Menschen dieser Religionsgemeinschaft ist.
Diese beiden Gesichtspunkte habe ich aber leider, wie ich nunmehr einsehe, in meiner Kritik mit “kulturlos” und “menschenfeindlich” völlig irrig ausgedrückt, so dass es als Beleidigung ankommen musste und wofür ich mich bei ihnen, Stephan, nochmals ausdrücklich entschuldige. Da sie mir dafür keine Absolution erteilen, muss ich in Ermangelung eines katholischen Priesters, von dem ich sie im Namen des barmherzigen Gottes bekäme, leider mit der unverziehenen Schuld leben.
@ Werner
Was machst du dir denn hier für Gedanken? Es kann doch hier sinnvollerweise nicht um den Aufbau von Fronten und Parteinahme für oder gegen rivalisierende Gegner gehen. Mein Gemüt hat nichts gegen zustimmenden Zuspruch, in welchem es sich narzistisch sonnen kann, aber ich schreibe deshalb so pointiert, weil mein Verstand Widerspruch braucht, um sein Urteil daran zu schärfen oder zu modifizieren.
Dass die katholische Kirchenhierarchie mitsamt ihrem anachronistischen ummauerten Junggesellen-Vatikanstaat ein stockreaktionäres Unternehmen ist, das ist doch für aufgeklärte Leute überhaupt kein Diskussionspunkt. Das gilt für den beliebten Vorgänger Ratzingers auf dem “Stuhl Petri” doch mindestes so wie für diesen. Was die katholischen Frauen bewegt, sich die unzeitgemäße Geschlechterdikriminierung bieten zu lassen, musst du diese fragen. Übrigens hat im Jahr 2002 ein im beschriebenen Sinne rechtmäßig geweihter Bischof der ebenfalls abgespaltenen “Katholisch-Apostolischen Kirche Brasiliens” sieben Frauen zu Priesterinnen geweiht, und ich glaube kaum, dass Ratzinger große Anstrengungen unternehmen wird, um die Bischöfe und Priesterinnen dieser Kirche zurückzugewinnen. Bemerkenswert ist aber vielleicht auch, dass die Priesterinnen nicht aus Brasilien, sondern auch Europa und den USA stammen.
@ Abraham
Dass du zu meinen Ausführungen nach zweimaligem Lesen nur etwas zu diesem absoluten Nebenaspekt zu bemerken hast, enttäuscht mich ein wenig. Gleichwohl meine Antwort:
Die Anerkennung der Slowakei erfolgte nach meinem Wissen unabhängig von Bomben, die die Nato unter Beteiligung von Kampfflugzeugen der Bundeswehr auf Prag abgeworfen hätte. Natürlich ging es im Jugoslawienkrieg um ganz neue Interessenkonstellationen, in dieser Hinsicht wollte ich gewiss keine Kontinuität behapten. Es ging aber, nebenbei bemerkt, m.E. in erster Linie um Interessenkonstellationen, nicht um das moralische Motiv der Abwendung einer humanitären Katastrophe, was übrigens völkerrechtlich ein ganz zwiespältiger Rückgriff auf eine mittelalterliche Kriegslegitimation darstellte.
Es mag Zufall sein, dass “Serbien muss sterbien”, unter Einschränkungen ein neu eingegangenes Kriegsziel war. Ich halte die Zerschlagung Jugoslawiens, militärisch mit Hilfe der Nato und politisch mit Hilfe der Bundesrepublik für verheerend, vor allem, wenn man sieht, welche Verbrecher z.B. im Kosovo dabei unterstützt und an die Macht gespült wurden. Aber das ist eine andere Diskussion.
Worum es mir bei dem Gedanken ging ist von der Seite der Angegriffenen gesehen und betrachtet nicht die Unterstützung von Ustascha u.ä., sondern die Schuld des Deutschen Reiches und die Integrität der deutschen Nachkriegsgeneration, die sich eines miltärischen Angriffs auf Serbien hätte versagen müssen. Das betrifft in Bezug auf die Tschechoslowakei nicht Slowakien, sondern Prag 68, wo aus demselben Grund deutsche Panzer auf dem Wenzelsplatz nichts verloren hatten.
28.01.09 - 12:37
24. Werner Thiele-Schlesier
@ Abraham
So einfach kann mensch es sich nicht machen mit der geschichtslosen Bombardierung von Belgrad nicht machen wie die Bundesregierigen unter Schröder. Da gibt es nämlich den Vergleich zum Ultimatum Hitlers gegen die Tschechoslowakei, welches zu dem gleichen Resultat geführt hätte, wie 1999 das Ultimatum der Nato gegen Yugoslawien.
28.01.09 - 14:17
25. lupussilvae
Nicht nur das große Latinum sollte erforderlich sein, sondern auch das Wissen um die Verse 15 bis 19 des Matthäusevangeliums: An Ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen! Und wenn deren Früchte faul sind: mit der Wurzel ausreißen und ab ins Feuer!
Für alle anderen Menschen gilt Apostelgeschichte 4,19: Gott mehr zu gehorchem als diesem Pack. Das heiß konkret Matthäus 4,19 auf die weitere Mitgliedschaft anwenden; das Amtsgericht besteht auf persönlichem Erscheinen, einer Heiratsurkunde (falls der Familienstand dies hergibt) und einen gülten Personalausweis.
28.01.09 - 14:24
26. Abraham
@ # 23 Heinrich
Mein Lieber,
zu deinen Postings habe ich mich sonst nicht geäußert, weil ich ihnen zustimme. Wäre also Zeitverschwendung. Mein Verweis auf die Slowakei hatte natürlich einen anderen Sinn: Auch eine klerikal-faschistische Vergangenheit (obwohl sie in der Slowakei und in Kroatien ihre Nachwirkungen zeigt) hebt das Recht auf nationale Selbstbestimmung auf
Eine gänzlich neue Diskussion um den Zerfall Jugoslawiens und das militärische Eingreifen der Nato will ich aber nicht eröffnen. Deshalb gehe ich auch nicht auf Werner Thiele-Schlesier (# 24) ein.
28.01.09 - 15:10
27. Abraham
Errata zu # 26
Es muss heißen:
Auch eine klerikal-faschistische Vergangenheit (obwohl sie in der Slowakei und in Kroatien ihre Nachwirkungen zeigt) hebt das Recht auf nationale Selbstbestimmung nicht auf.
28.01.09 - 15:11
28. Hugues de Fer
Sie sollten mit Ihrem Humor Autor für Priol werden. Williamson ist ein unangenehmer Spinner, aber er redet über den zurückliegenden Holocaust, Ahmadinedjad und Hanija befassen sich mit dem künftigen. für die FR ist das anscheinend einerlei.
28.01.09 - 19:31
29. Uwe Theel
@ ALLE
Tut mir leid Leute, aber diesmal verstehe ich den inhaltlichen Verlauf der Diskussion, wie ich ihn auch wieder nicht verstehe.
Daß hier (erneut) das Wirken und Nachwirken des Faschismus in der deutschen und weiteren (europäischen) Geschichte diskutiert wird und was dort inhaltlich ausgesagt wird, da will und brauch ich gar nicht zu widersprechen oder auch noch meinen Senf dazuzutun.
Der Anlass zu diesem Thread war aber zunächst eigentlich “nur” ein erneuter Angriff Ratzingers/Bendettos auf die Ökumene, eine weitere Dokumentation des religiösen Alleinvertretungsanspruches der römisch-katholischen Kirche, bei der diese defacto natürlich nicht wirklich eine Abgrenzung zur Politik und Herrschaft in der Welt anerkennt.
Heinrich beklagt einen Angriff auf die Masse der gläubigen Katholiken insbesondere durch Hebels tasächlich ironischen, wie auch zornigen Kommentar, deren geistige Führung er, heinrich, gleichzeitig scharf kritisiert. Tatsächlich kann wohl die Masse der heute lebenden Katholiken nicht haftbar gemacht werden für die Verstrickung der Katholischen Kirche in die Schuld des Faschismus, wenn ihnen dies auch gravierend zu denken geben sollte. Der von Hebel ironisierte Tatbestand der “Ungleichbehandlung” von Religiösem durch Religiöse Führer ist aber erstmal “nur” ein, wenn auch duch den Antisemitismusgehalt kritisches, aber eben nicht das wesentliche Moment, das zur Rede steht.
Ich hatte in meinen beiden Beiträgen versucht einen Bezug zur Politik und zum Leben der, gleich welcher Religion angehörenden, Menschen in Deutschland und der sie weltlich Regierenden herzustellen. Wenn man am Beispiel des Ratzingers sieht, was unter Herstellung von Einheit verstanden und praktiziert wird, welche Verschleierung dieses Tun erfährt durch Menschen wie Merkel, die weltliche Poltik ganz genauso handhaben (wollen), wie sich gute Teile der evangelischen Kirchenführung inzwischen ganz praktisch schon wieder “Rom unterwerfen” (z.B.: die neueste Bibelübersetzung), so läßt dies in der Tat nicht nur Folgen im religiösen Leben erwarten, sondern auch ganz für das Diesseits im Hier und Jetzt.
Wenn die geistigen und die weltlichen Führer tatsächlich unisono in Kategorien der autoritären Väterlichkeit – “Mütterlichkeit” einer Merkel ist davon nicht verschieden – gegenüber kindlicher Unselbstständigkeit denken und handeln, dann ist mir dies schon diesseits eines ausgebrochenen Faschismus aufs äußerste kritikwürdig und ich könnte da Herrn Hebels Kommentar höchstens insofern als “Mißgriff” sehen, da mir nicht weit genug geht, nicht scharf genug ist.
Also bitte ich um mehr Zeitgeschichte und Politik als Geschichte der Politik und Theologie als Leitlinien in der Diskussion.
28.01.09 - 20:11
30. heinrich
“Also bitte ich um mehr Zeitgeschichte und Politik als Geschichte der Politik und Theologie als Leitlinien in der Diskussion.”
Aye, Aye, Sir!
28.01.09 - 21:43
31. Stephan Hebel
Ich werde die Grippe nicht recht los und war deshalb gestern zu Hause, wo DSL ausfiel. Deshalb meine späte Antwort.
@heinrich: Lieber und geschätzter Heinrich, wer bin denn ich, dass ich Absolution zu erteilen hätte? Das ist auch gar nicht notwendig – ich betone ausdrücklich, dass ich Ihnen icht unterstellen wollte, mich persönlich zu beleidigen. Ich hätte einfach darum bitten sollen, dass wir uns Begriffe wie “menschenfeindlich” für die leider relativ zahlreichen passenden Anlässe im Weltgeschehen aufsparen. Aber das sehen Sie ja erkennbar genauso.
Veranlasst durch #28 Hugues de Fer muss ich doch noch einmal klarstellen: Wer den vergangenen Holocaust leugnet, schwächt die Widerstandskräfte gegen den nächsten, da bin ich sicher. Ich habe keineswegs die widerlichen Antisemitismen und Auslöschungsfantasien bestimmter Personen und Organisationen verteidigt, die im eher muslimischen Kulturkreis agieren. Aber wenn ich – auch für Sie, lieber Heinrich – ausdrücklich betone, dass ich gerade nicht Millionen Katholiken für die skandalöse de-facto-Verharmlosung williamsons durch den Papst in sippenhaft nehme – dann werde ich auch den Islam nicht für die Hamas in Haftung nehmen. Deshalb habe ich Schäubles mehr oder weniger subtile Propagandamethode – pauschale Gleichsetzung fundamentalistischer Strömungen mit “dem Islam” – ironisch auf die katholische Kirche übertragen. Ich persönlich möchte in einem säkularen Staat alle Religionen nach gleichen Maßstäben geduldet und (in Maßen) gefördert sehen. Also noch mal: Kann es beim Nachdenken über gleichbehandlung nicht helfen, wenn man überlegt, wie man andere (in diesem Fall Muslime) im halbwegs vergleichbaren Fall behandelt hätte?
Kleine Anmerkung noch zu Jugoslawien. Auch ich würde zwar die Ustascha-Vergangenheit nicht zum einzigen oder wichtigsten Kriterium bei der Beurteilung der heutigen kroatischen Realität machen. aber es hätte sicher damals geholfen, wenn gerade Rot-Grün mal genauer hingeschaut hätte, welche historischen Kontinuitäten die nationalen Aufwallungen in Kroatien während des Krieges begleitet haben. Statt dessen wurde in der leider üblichen Freund-Feind-Logik agiert: Serbien böse, Kroation gut. Das ist eine schlechte Grundlage für solche historischen “Leistungen” wie den Kriegseinsatz der deutschen Armee. Die Krone war meines Erachtens Fischers Srebrenica-Auschwitz-Vergleich, mit dem Fischer großen Teilen des rot-grünen Lagers die Zustimmung sozusagen moralisch abpresste (was übrigens einer konservativen Bundesregierung absolut nicht möglich gewesen wäre). Srebrenica war ein furchtbares und unentschuldbares Verbrechen nach allem, was man weiß. Aber wer es auf eine Stufe mit Auschwitz stellt, relativiert damit implizit die Bedeutung des deutschen Verbechens von Auschwitz. Und das als Vehikel fü diesen Einsatz…Ich finde, selbst wenn es Gründe für diesen Einsatz gegeben haben sollte, hat er durch diese Begründung seine Glaubwürdigkeit verloren. Aber es galt halt ein Tabu zu brechen – das Tabu über dem weltweiten Einsatz der Bundeswehr.
29.01.09 - 12:00
32. Werner Thiele-Schlesier
Und meiner Meinung nach hat ihn für Letzteres der Farbbeutel zu recht getroffen. Eigentlich gehört er vor Gericht, wie es das GG in Art. 26 befiehlt.
29.01.09 - 16:21
33. heinrich
Lieber und ebenso geschätzter Stephan,
ich stimme mit nahezu allem überein, was sie in der nachfolgenden Diskussion klärend anführen, nur rettet das leider ihren Artikel nicht vor meinem Urteil, dass er ein Missgriff war. Deshalb und weil der Beitrag Uwes nicht zur Klärung des Problems beiträgt, sondern auf ganz charakteristische Weise ein Teil des Problems ist, das ich vorrangig kritisiere, folgende Ergänzung zu dem schon Ausgeführten.
1. Dass der Papst die Holocaustleugnung Williamsons nicht verharmlost, sondern durch seine Vatikansprecher ausdrücklich zurückweist, dürfte zwischenzeitlich klar geworden sein. Auch gilt es festzuhalten, dass es sich bei dem “Skandal” der Wiedereingliederung der Levebvre-Anhänger um eine innerkirchliche Angelegenheit handelt und nicht um einen Vorgang, der die deutsche Politik und Gesellschaft betrifft. Wo doch, ist die Staatsanwaltschaft in München (?) schon tätig geworden und hat damit zureichend gezeigt, dass für den deutschen Staat die katholische Kirche nicht außer oder über den Gesetzen steht.
Der ganze leidige Vergleich mit dem Islamismus passt überhaupt nicht hierher. In den katholischen Kirchen gibt es keine Hasspredigten gegen unsere freiheitliche Grundordnung, das wissen sie so gut wie irgendwer, und es findet dort auch keine Holocaustleugnung statt. Die Stellungnahme der deutschen Bischöfe wurde zeitgleich mit der Aufhebung der Exkommunikation durch den Papst veröffentlicht, das hätten sie seriöserweise berücksichtigen müssen.
Diskriminierungen des Islam haben damit überhaupt nichts zu tun und wären also ganz gesondert zu behandeln und abzuwehren anhand eines entsprechenden Anlasses von unangemessenem staatlichen Übergriff. Ob Beobachtungen durch den Verfassungsschutz unangemessen sind, wäre zu diskutieren, da in Moscheen im Gegensatz zu den “Kathedralen” Hassprediger schon dingfest gemacht worden sind. Die absurde negative Gleichbehandlung in dem Sinne: wenn der Islam unrechtmäßig verfogt wird, muss auch die Kirche unrechtmäßig verfolgt werden, sieht unsere Verfassung übrigens zum Glück nicht vor. Übrigens ist Hugues de Fer insofern recht zu geben, als Holocaustleugnung als sie eine “Gesinnungstat” ist, die nach Auffassung von Staatsrechtlern, mit deren Exponenten ich mich darüber im FR-Blog allerdings seinerzeit heftig gestritten habe, in unserem Rechtssystem gar nicht geahndet werden dürfte und jedenfalls kaum vergleichbar ist mit der geistigen oder gar praktischen Vorbereitung terroristischer Anschläge oder mit Angriffen auf unsere Verfassung, was jedenfalls als Verdacht hinter der Überwachung islamistischer Imame steht.
2. Teil folgt.
29.01.09 - 17:35
34. heinrich
2. Wenn die Relationen aber so sind, wie sie demnach sind, so ist die viel spannendere Frage die, was denn das negative Medienecho auslöst, das reflexartig unisono zu beobachten ist, wenn der Papst im Spiel ist. Die Antwort, die ich dafür parat habe, und hierbei geht es mir nicht mehr vorrangig um Hebels Kommentar, ist: ein tief in der nichtkatholischen Gesellschaft verwurzelter Antikatholizismus, der sich als Ideologie manifestiert hat und mit den realen Machenschaften des Katholizismus nicht mehr zureichend erklären lässt. Wie man an Beispielen, wie dem erwähnten FR-Artikel sieht, der nicht einmal von den aktuellen Ereignissen handelt, sondern diese nur als Vehikel benutzt, um uns daran zu erinnern, dass der Papst Angst bei Juden auslöse, schämem sich die Nachfahren der Massenmörder, die zehn Prozent der Abgeordneten als Holocaustleugner in ihren Landesparlamenten “dulden”, nicht einmal, die Juden für ihre antikatholische Stimmungsmache zu instrumentalisieren.
Das hat in Deutschland eine Tradition, die auf die Reformation zurückgeht, für die der Papst der “Antichrist” war, die während der Aufklärung des 18. Jh. eine unselige Allianz eingeht mit den flachköpfigen Atheisten und protestantischen Deisten, die Lessing verspottet, und deren letzter Höhepunkt, aber durchaus nicht letzte Erscheinigsform, der Kulturkampf Bismarcks gegen die Katholischen war, dessen diskriminierungen, ja Verfolgungen für diese der Anlass war, sich dem Staat gegenüber durch die Konkordate rechtlich abzusichern.
Einen typischen Ausbund von entsprechenden Vorurteilen, in welchem unverstandene Halbwahrheiten als Beweis der schädlichen Wirkung des Katholizismus herhalten müssen, stellt Uwes Posting dar, in dem es heißt:
“Der Anlass zu diesem Thread war aber zunächst eigentlich “nur” ein erneuter Angriff Ratzingers/Bendettos auf die Ökumene, eine weitere Dokumentation des religiösen Alleinvertretungsanspruches der römisch-katholischen Kirche, bei der diese defacto natürlich nicht wirklich eine Abgrenzung zur Politik und Herrschaft in der Welt anerkennt.” – wahrhaft eine überzeugende Dokumentation ökumenischer Haltung von Protestantismus-freundlicher Seite her!
Worin der “religiöse Alleinvertretungsanspruch” bestehen soll, davon abgesehen, dass alle Religionen beanspruchen, ihre spezifischen Glaubensinhalte und Handlungsgebote alleine zu vertreten, was ja der Grund dafür ist, dass es verschiedene davon gibt, bleibt im Dunkeln. Wenn Uwe hier kritisiert, dass der Vatikan die evangelische “Kirche” nicht als katholische anerkennt, habe ich ihm dazu an früherer Stelle schon einmal etwas zu denken gegeben, das ihn offenbar nicht zum Denken gebracht hat, und zu seiner Aussage, die katholische Kirche erkenne keine “Abgrenzung zur Politik und Herrschaft in der Welt” an, soll wohl besagen, dass der Papst mit seinem Gefolge im Geheimen die Weltherrschaft anstrebe, oder was?
29.01.09 - 18:04
35. heinrich
P.S.
Soviel, lieber Uwe, zu deinem zackigen: “Also bitte ich um mehr Zeitgeschichte und Politik als Geschichte der Politik und Theologie als Leitlinien in der Diskussion.”
Manchmal hilft eben die Geschichte der Politik und Theologie die Zeitgeschichte und Politik zu erklären.
“Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.” (Christa Wolf/William Faulkner)
29.01.09 - 18:28
36. Uwe Theel
@ heinrich
oh, doch mein lieber heinrich, ich errinnere mich
Bemerkenswerte Betriebsblindheit im Vatikan
http://www.frblog.de/fuerbitte/
ich habe es sogar noch einmal nachgelesen, – Aber der Reihe nach:
Ich bekenne wiederholt:
- Ich wollte hier nicht eine erneute Antisemitismus oder Faschismusdebatte führen.
ich muß es scheinbar leider ausdrücklich sagen:
- Ich glaube auch nicht, dass der Papst wie Brain jeden Tag erneut nach der Weltherrschaft greift, trotzdem wäre mir ein Pinky lieber.
Ich will Dir aber als Riposte gerne zugute halten “einmal Meßdiener, immer Meßdiener”, wenn auch sich selbst vom Altar entfernt habend. Deine Anstrengungen, die katholische Kirche gleichzeitig zu kriisieren und ihre Gläubigen und damit doch wieder die Kirche selbst zu verteidigen ist mir jedenfalls auffällig.
Vielleicht sind wir beide “Teil des Problems”?
Genug der Vorrede. In einem, dem mir zentralen Punkte, will ich Dir antworten:
Du hältst mir Deinen Lessing, sagen wir, meinem Luther entgegen. Ich explizierte meine Position in dem alten, o.a. Thread schon einmal mit Luther (auf die Gefahr hin, ihn nicht traditionell zu verstehen). Damals hielt ich Dir folgendes Argument vor, auf das Du damals nicht wirklich eingingst:
“Martin Luther hat mit der Reformation dem einzelnen Menschen die Freiheit zurückgegeben, zu entscheiden wie er seinem Glauben lebt und damit auch die Offenbarung Gottes für den Einzelnen nicht mehr an einen Amtsträger der Kirche gebunden.
Man lese im Evangelium des Matthäus 28, 20:
“Siehe, ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende”
Gott ist, so ich an ihn glaube, unmittelbar bei mir und ich bin seiner Gnade sicher. Die Pastoren führen den Auftrag der Kirche aus, von dem es im sechsten Satz der theologischen Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen heißt:
“Der Auftrag der Kirche, in welchem ihr Freiheit gründet besteht darin, an Christi statt und also im Dienst seines eigenen Wortes und Werkes durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gotte auszurichten an alles Volk.”
Gott ist wohl nicht beweisbar, schon gar nicht durch einen anderen Menschen für einen anderen Menschen, sondern Gott und seine Gnade sind dem Menschen unmittelbar im Glauben gegeben.”
Da ist kein antiklerikaler Affekt bei mir, wie Du mir unterstellst, sondern die Behauptung der Freiheit eines Christenmenschen von der Bevormundung durch ein Dogma in seinem Zugang zu Gott. Und ich möchte weder im Geiste noch in der materiellen Wirklichkeit solche “väterliche” oder “mütterliche” Bevormundung” ertragen.
Indem Du damals einzig dagegen setztest
“Luther schafft die Kirche ab, jedenfalls als sancta ecclesia, Priesterkirche als Vermittlerin zwischen Gott und dem gläubigen Volk, schafft auf Drängen der Fürsten eine neue kirchenähnliche Einrichtung, die er denen auch noch unterstellt, die bestimmt nicht frommer leben als der von ihm inkriminierte Renaissancepapst, und seine Nachfolger heulen auf, wenn sie gesagt bekommen, sie hätten keine richtige Kirche.”
reformuliertest Du, – (warum nantest Du das damals “bigott”?) – Luthers Position, genau, wie ich Sie verstand, um Sie dann aber gegen die Protestanten selbst zu wenden.
Wie soll das funktionieren können?
Ich beklage nicht, dass es keine “heilige Kirche” für mich gibt, sondern freue mich, dass Sie nicht zwischen mir und Gott steht.
Du lehntest Diskussionen zu dieser Frage schon damals ab, hier wäre sie (wieder) angebracht. Kirchenfürsten, die sich zwischen mich und Gott stellen sind zu oft Vorbild für Politiker, die sich zwischen mich und die Freiheit auf Erden stellen. Da schließt sich der Kreis zu meiner Intention für diese Blog-Diskussion hier und zu einem
P.S. zu Deinem P.S.: … Da sag ich lieber nix!
29.01.09 - 21:04
37. heinrich
@ Uwe
Du machst mir Freude! Jetzt willst du mich auch noch missionieren und mit Matthäus 20.28 zum rechten Glauben führen. Aber mach’ dir keine Mühe! Dagegen bin ich durch bewusste Auseinandersetzung mit dem Thema immun. Ich würde es mal bei den gottlos erzogenen versuchen. Aber die zieht es mehr zum Dalai Lama und den Schamanen als zu Bischof Huber, der übrigens demütige Kniebeugen macht vor den evangelikalen Fundamentalisten. Aber da er ein deutscher und ein Evangele ist, ist er für die Medien nicht so aufregend wie der Papst.
“Ich bekenne wiederholt”
- Eben, du ergehst dich in Bekenntnissen! Das jemand stattdessen schlicht differenziert zu analysieren versucht, verunsichert dich daher sicher zutiefst.
“Ich wollte hier nicht eine erneute Antisemitismus oder Faschismusdebatte führen”.
- Wieso erzählst du mir das? Ich habe mich auf eine bestimmte Textstelle deines Postings bezogen. Ich nehme doch an, dass du die diskussion darüber erlaubst, oder?
“ich muß es scheinbar leider ausdrücklich sagen: Ich glaube auch nicht, dass der Papst wie Brain jeden Tag erneut nach der Weltherrschaft greift”.
- Theelsches Pathos, und wieder das Bekennertum. Mich interessiert überhaupt nicht, was du glaubst, sondern ich würde von dir wissen wollen, wie du die Aussage meinst und begründest, die katholische Kirche erkenne keine “Abgrenzung zur Politik und Herrschaft in der Welt” an. Das ist doch eine, wenn auch schwer verständliche Sachbehauptung, die der Begründung bedarf, und kein Glaubenssatz.
“Deine Anstrengungen, die katholische Kirche gleichzeitig zu kriisieren und ihre Gläubigen und damit doch wieder die Kirche selbst zu verteidigen ist mir jedenfalls auffällig.”
- Mal abgesehen davon, dass ich wiederholt bekenne, dass ich die Kirche nicht verteidige, käme so ein dialektisches Denken zum Ausdruck. Das verstehe ich, dass dir das offenbar fremd und “jedenfalls auffällig” ist.
Und ich möchte weder im Geiste noch in der materiellen Wirklichkeit solche “väterliche” oder “mütterliche” Bevormundung” ertragen.
- Das magst du bei Merkel kritisieren, sie ist deine Bundeskanzlerin. Aber der Papst ist nicht dein Papst, und ob seine Anhänger ihn Papst, das heißt “Papa” nennen, oder Schützenbrüder einen habe, den sie “König” nennen, kann dir doch schnurzegal sein. da gibt es doch für dich nichts zu ertragen. Bemerkenswert allerdings auch hier: Seit Jahrzehnten werden in den Medien die gewählten Ministerpräsidenten mit der feudalabsolutistischen Bezeichnung “Landesvater” genannt, und ich habe noch nie nicht einen Leserbrief gelesen von jemandem, dem das auch nur unangenehm aufgefallen wäre, geschweige, dass er sich das republikanisch verbeten hätte.
“reformuliertest Du, – (warum nantest Du das damals “bigott”?) – Luthers Position, genau, wie ich Sie verstand, um Sie dann aber gegen die Protestanten selbst zu wenden.
Wie soll das funktionieren können?”
- Versteh’ ich nicht!
Ich beklage nicht, dass es keine “heilige Kirche” für mich gibt, sondern freue mich, dass Sie nicht zwischen mir und Gott steht.
- Wieder ein Bekenntnis, über deine Klagen und Freuden. Gut zu wissen!
Du lehntest Diskussionen zu dieser Frage schon damals ab, hier wäre sie (wieder) angebracht.
- du nimmst doch nicht allen Ernstes an, ich führe mit dir hier eine Diskussion darüber, wer oder was zwischen mir und Gott steht und wie ich das finde!
“Kirchenfürsten, die sich zwischen mich und Gott stellen”
- Wer tut das? Das brauchst du dir nicht gefallen zu lassen!
“… sind zu oft Vorbild für Politiker, die sich zwischen mich und die Freiheit auf Erden stellen.”
- Wer sollte das denn sein? Sich zu einem “Kirchenfürsten” als Vorbild “bekennen”, das würde, glaube ich, heutzutage nicht einmal ein Politiker der ?DU oder der ?SU wagen.
“Da schließt sich der Kreis zu meiner Intention für diese Blog-Diskussion hier”.
- für mich schließt sich der Kreis hier ebenfalls. Allerdings habe ich in deinem Wortschwall leider auch nicht, ganz sachlich und bekenntnisfrei, die Antwort auf die zweite meiner beiden einzigen Fragen an dich finden können, nämlich, worin der “religiöse Alleinvertretungsanspruch der römisch-katholischen Kirche” liegen soll. Vielleicht klärst du mich darüber und über ihre mangelnde “Abgrenzung zur Politik und Herrschaft in der Welt” ja noch mit einfachen und klaren Worten auf.
29.01.09 - 23:49
38. Uwe Theel
Lieber, lieber Heinrich,
langsam krieg ich keine Luft mehr, weil Du mich so mit Bedeutsamkeit aufbläst, die ich gar nicht reklamiere, oder zu einer luftleeren Hohlkugel machst, als die ich mich als Intellektueller nun wirklich nicht wiederfände.
Wahrscheinlich sind wir zwei, ich in meinen “Bekenntnissen” und Du in Deinen “Anlaysen” vom Ergebnis her gar nicht so weit entfernt voneinander, wie Du es wohl gerade sehen möchtest. Das sage ich nicht, weil ich mich in Deiner Nähe sonnen wollte. Missionieren wollte ich Dich übrigens auch nicht, oder sonst jemanden auf der Welt.
Es geht auch nicht darum, ob das mein oder dein Papst wäre, da ist ein Papst, er spielt eine Rolle in der Welt, und die gefällt mir nicht. Das reicht mir, um über ihn und seinen Kirche zu diskutieren. Muss man selbst AIDS haben, um zu diskutieren, worin seine Gefahren, etc. etc. bestehen? – Heinrich, Du warst argumentativ schon besser als in #37.
Immerhin bin ich sicher, Du würdest Dich gagegen wenden, wenn mir jemand Gott streitig machen wollte, obwohl wir uns noch gar nicht weiter darüber verständigt haben, wie “Dein” – nicht abfällig gemeint – lessingscher Vernunftgott und “mein” Gott sich unterschieden oder glichen. (“Gott sei Dank” scheinen wir ähnlicher Meinung über Bischof Huber zu sein.) Die Diskussion, die Du m.E. ablehntest, war nicht Die über unsere persönliches Verhältnis zu Gott, sondern die seiener Instrumentalisierung in und durch Politik, oder dessen was dafür ausgegeben wird, für Gott meine ich.
Von Landesvätern – die ich nie so genannt habe – und ähnlichen Gestalten, lasse ich mir übrigens etwa soviel gefallen, wie jeder duchschnittliche Bürger incl. Dir sich gefallen läßt, solange ich nicht an der Revolution, die nicht ist, beteiligt wäre. Ich glaube – Du entschuldigst das Verb? – aber auch, dass ich mir weniger schweigend in dieser Welt gefallen lasse, wie viele andere. Da bilde ich mir nichts drauf ein, das ist auch kein Bekenntnis, es ist so.
Wenn ich jetzt das
“- Wer sollte das denn sein? Sich zu einem “Kirchenfürsten” als Vorbild “bekennen”, das würde, glaube ich, heutzutage nicht einmal ein Politiker der ?DU oder der ?SU wagen.”
von Dir lese, dann sehe ich, dass Du Dich jetzt immerhin mindestens formal zu Werners Sicht auf die bürgerlichen Parteien in den von ihm eingeführten Kürzeln bekennst (begründet hast Du selbst dazu nix). Den inhaltlichen Gehalt dieses Satzes, den glaubst Du ja selbst nicht wirklich, es sei denn, Du hast nie “christdemokratische” Politiker, nicht nur in Bayern, über längere Zeit reden hören, vom BW-gestützen Fundamentalisten eV gar nicht zu reden. Im Übrigen könnten wir vielleicht mal, mindestens als Versuchsanordnung, “religiös” oder meinetwegen auch “kirchlich” unterbestimmten Bedingungen durch “ideologisch” ersetzen und dann Ideologiekritik betreiben. – Ginge das?
####
ad ““religiöse Alleinvertretungsanspruch der römisch-katholischen Kirche””
Ich werde mich wahrscheinlich nur wiederholen könenn, aber ich versuch´s:
Diese Frage ist zunächst in der Tat eine religiöse, meinetwegen auch theologische. Nehmen wir an Gott sei existent und seinen Offenbarung setzt einen Aktivität beim Erkennenden voraus, dann könnte allenfalls der ihn erfahren, der einen unverstellten Zugang zu ihm hat. Dieser Zugang muss im von mir charakterisierten Sinne eines eigenständigen Zugangs ohne Dogma möglich sein. Die katholische Kirche verneint diesen Charakter des Zugangs, sie setzt die “väterliche” Leitung durch Kirche zu Gott als unabdingbar voraus. Sie billigt die “Fähigkeit” zur Leitung dazu auch keinem Angehörigen einer anderen Denomination zu, es muss ein rk-Priester sein, in letzter Instanz der Papst selbst, denn der Priester an der Basis verkündet nur das Vorgeschriebene. Auch eine Deutsche katholische Bischofskonferenz kann da nichts anderes beweisen.
Wenn ich dann sehe unter welchen Bedingungen, mit welchen Begründungen selbst die eigenen Gläubigen vom Vater verstoßen oder aufgenommen, wiederaufgenommen werden, wer das sein kann und wer nicht, dann brauche ich das wohl nicht weiter aufzudröseln, um belegen zu können, dass es nicht nur der Alleinvertretungsanspruch selbst ist der unhaltbar ist, sondern auch die Methoden, die zu seiner Duchsetzung benutzt werden, was Auswirkungen für Millionen hat und nicht nur für Katholiken und nicht nur gute.
Nun sage mir nicht, dass weltliche Politik da in jedem Fall die Grenze zieht die das säkulare Gebot vorschriebe und immer selbst unbeteiligt sei.
###
So jetzt habe ich in Deinen Augen vielleicht nur ein paar Trivialitäten ausgesprochen, oder war es ein Bekenntnis?
Take it, or leave it!
LG
Uwe
30.01.09 - 01:10
39. Abraham
@ Heinrich
Mit Interesse lese ich deinen „innerchristlichen“ Disput mit Uwe Theel. Mein Lieber, ihr könnt euch ja auch ganz schön fetzen!
Reagieren möchte ich auf deinen etwas länger geratenen Satz: „Wie man an Beispielen, wie dem erwähnten FR-Artikel sieht, der nicht einmal von den aktuellen Ereignissen handelt, sondern diese nur als Vehikel benutzt, um uns daran zu erinnern, dass der Papst Angst bei Juden auslöse, schäme sich die Nachfahren der Massenmörder, die zehn Prozent der Abgeordneten als Holocaustleugner in ihren Landesparlamenten “dulden”, nicht einmal, die Juden für ihre antikatholische Stimmungsmache zu instrumentalisieren.“
Sicherlich haben Juden heute keinen Grund, Angst vor der katholischen Kirche oder dem Papst zu haben. Auch der jetzige Papst hat die Schuld der Kirche am früherem Antijudaismus eindeutig benannt und jeglichen Antisemitismus verurteilt. Auch bei dem interreligiösen Dialog betont er die Kontinuität zu seinen Vorgängern. Was allerdings nicht wenige Juden irritierend finden, ist eine unübersehbare Verschiebung der Prioritäten zugunsten „innerkatholischer“ Aspekte.
Ratzinger scheint wenig Sensibilität für die Außenwirkung seiner Worte und Handlungen zu haben. Das war schon bei der Wiedereinführung der lateinischen Messe mit ihrer umstrittenen Karfreitagsfürbitte für die Juden der Fall. Ratzinger hätte die Fürbitte bereits vorsorglich neu formulieren können, satt erst auf Proteste zu reagieren. Außerdem hätte er auch, ohne sich theologisch zu verbiegen, in die Fürbitte seine auch in der Kölner Synagoge wiederholte Aussage einbauen können, wonach die Erwählung Israels durch Gott unwiderrufen bleibt.
Ähnlich jetzt: Die Aufhebung der Exkommunikation der Pius-Brüderschaft wäre – zumindest außerhalb der katholischen Kirche – kein Thema gewesen, wenn – wie jetzt nachträglich geschehen – das Verhältnis dieser Bruderschaft zu ihrem holocaustleugnenden Bischof geklärt worden wäre.
Manche Belastung des katholisch-jüdischen Verhältnisses könnte vermieden werden, wenn der Papst gegenüber Antisemiten in den Reihen der Kirche etwas weniger Langmut zeigen würde. Es steht ihm, neben dem letzten Mittel der Exkommunikation, ja eine breite Palette von Kirchenstrafen zur Verfügung (z.B. das Schweigegebot), die er sonst gegen „Abweichler“ von links sehr schnell einsetzt.
30.01.09 - 15:12
40. Uwe Theel
@ admin
Frage:
Wo kommt der Eintrag (Link)
1. Vorschlag zum Schutz vor der katholischen Kirche « Sammelsurium Blog – 29.01.09 – 23:48
zwischen am Ende der Postings dieses Blogs und vor dem Teil
Kommentar zu: “Spitzel in die Kathedralen!”
her, was soll er da? Er enthält einen Link, den ich hier im Posting getilgt habe.
Vielen Dank
U.T.
30.01.09 - 16:59
41. rudi
Ja, da muss ich Abraham zustimmen: Es ist interessant, wenn – von der katholischen Amtskirche aus betrachtet – zwei Laien „innerchristlich“ (Abraham) in einem Dialog aufeinander zugehen. So wie ich Heinrich schon erlebte, wird er um der Sache willen die Gegenposition beziehen. Streitet er mit „flachköpfigen Atheisten“, wird er von der katholischen Seite aus argumentieren, streitet er mit Amtskirchenvertretern, wird er den Kirchenkritikern eher nahe stehen. Und wenn Uwe, ein Intellektueller (Eigenbezeichnung), dagegenhält, fallen die Gedanken in Mengen in den Thread.
Was mich derzeit beschäftigt, ist die Feststellung der FR-Kommentatorin Sabine Hamacher, dass „in den Untiefen der katholischen Welt“ ein „wabernder Antisemitismus“ existiere. Ein Indiz dafür ist der bis in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts hinein geführte Index, eine von der katholischen Kirche aufgelegten Liste von Büchern, die eine Gefahr für Anstand und Sitte darstellte. Dazu gehörte nie Hitlers „Mein Kampf“ wohl aber Sarte, Voltaire, Heine, Hobbes oder etwa Kant. Soweit mir bekannt, war die katholische Kirche als solche im Dritten Reich nicht der Verfolgung ausgesetzt wie etwa die Zeugen Jehovas. Nachhaltige Differenzen zwischen Pius XII., dessen Seligsprechung der aktuelle Papst betreibt, und den Faschisten sind nicht oder nur sehr spärlich dokumentiert. Dass die strengen Traditionalisten jetzt wieder mit ihrer Judenfeindlichkeit hervortreten, hat sicher kirchengeschichtliche Wurzeln, die der nationalsozialistischen Bewegung zupass kamen. Der strukturelle Alleinvertretungsanspruch ist sowohl den Nationalsozialisten als auch der katholischen Kirche nicht unbekannt. Sabine Hamacher hat auf das Bitten um die „Erleuchtung“ der Juden oder auf die Herabstufung der evangelischen Glaubensgemeinschaft zur Nichtkirche hingewiesen.
30.01.09 - 19:12
42. heinrich
@ Uwe
Abraham meint ja, ich würde mich mit dir fetzen. “Sich fetzen” kann unter Umständen ein Mittel sein, zur genaueren Klärung der Standpunkte und zur Erweiterung des Kenntnisstandes beizutragen. Insofern habe ich bloß beharrlich versuchen wollen, dich dazu zu bringen, deine eigenen Aussagen zu verdeutlichen und ggf. zu begründen. War das wohl vergebliche Liebesmüh’?
Nenne mir doch z.B. einfach schlicht, wie erbeten, den einen Politiker mit Namen, der sich zu dem einen Kirchenfürsten mit Namen als seinem Vorbild bekennt, statt mit einem ganzen Absatz darum herumzureden, dass du es nicht kannst!
Von der evangelischen Glaubenslehre verstehst du jedenfalls kaum mehr als von der katholischen, von der du gar nichts verstehst. Aber du meinst, deine Verzerrung der katholischen sei ein zureichender Grund, diese zu diskreditieren. Diese Methode der Diskreditierung aufgrund von selbstgerechtem Halb- und Scheinwissen ist doch genau das, was ich hier die ganze Zeit kritisiere.
Deine Rede vom “unverstellten und egenständigen Zugang zu Gott ohne Dogma” versus Abhängigkeit vom Vater als Gegensatz von katholisch und evangelisch zeugt von ebendieser Unkenntnis. Dazu hast du dann natürlich noch ein griffiges Zitat parat, das viel strapazierte von der Freiheit des Christenmenschen, das du offenbar leider auch nicht in dem Kontext verstehst, in dem es bei Luther erscheint.
Wenn du den entsprechenden Text Luthers auch nur ansatzweise kennen würdest, wüsstest du jedenfalls, dass der fromme Mann die Freiheit nur im Geiste, für die “Seele” postuliert, und dass du aufs völlig falsche Pferd setzt, wenn du das in Verbindung mit irgendeiner empirischen sozialen oder politischen Freiheit des Individuums setzt. das nussten schon Thomas Münzer und die “räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern” (Luther) erfahren, die in ihrer sozialen Revolution auf ihn gesetzt hatten.
Abgesehen davon, dass auch die evangelische Kirche Dogmen hat, zu denen z.B. auch die Jungfrauengeburt zählt: was hast du eigentlich für einen Begriff von dem Gott der monotheistischen Religion, der nach der “Tradition” nur als das vollkommene Wesen gedacht, aber nicht vorgestellt werden kann, dass du meinst, ein begrenztes Menschenwesen könne einen “unverstellten und eigenständigen Zugang zu ihm haben”?
Das ist zumindest keinesfalls die Position Luthers, sondern er meint damit zumal die Freiheit des Christenmenschen, die “Schrift”, die Evangelien unmittelbar, ohne kirchliche Lehre, verstehen zu können.
Die kirchliche Lehre aber als autoritäres Wort eines “Vaters” gegenüber einem unmündigen Kind zu verstehen, so einen ungesegneten Schwachsinn kann man auch nur aus einem Griff in die antikatholische Kloschüssel beziehen.
Was Luther propagiert, hat in der Theologie den knackigen Namen “Sola Scriptura”, was heißt: Das Evangelium ist die einzige Quelle des Glaubens, womit Luther die “Tradition” als weitere Quelle verwirft. Darunter sind die damals tausendfünfhundertjährigen Bemühungen von hochgelehrten Leuten gefasst, die jeweils in ihrer Zeit und für ihre Zeit die in den Texten enthaltene Heilsbotschaft zu entschlüsseln und verständlich zu machen versucht haben, von denen seitens der Kirche einige Lehren verworfen und andere kodifiziert wurden. Das geschah, wenn man so will, demokratisch durch internationale Konferenzen der Bischöfe der Weltkirche, die sog. Konzilien.
Was Luther seiner “Kirche” damit beschieden hat, brach im 18. Jh., durch Reimarus und Lessing, die durch eine historisch-kritische Untersuchung herausfanden, dass der Bibeltext in mehrfacher Hinsicht nicht wörtlich stimmen konnte, vulkanartig als Konflikt hervor, in dem sich die Anhänger der Lutherschen Orthodoxie im Lager der Fundamentalisten wiederfanden, in der Tendenz in trauter eintracht mit den buchstabengläubigen Fundamentalisten anderer Religionsgemeinschaften, ein Problem, das die katholische Kirche durch ihr jeweiliges Fortschreiten der Erkenntnis und die “Anpassung” an das jeweilige Zeitverständnis in dieser Form nicht hatten und haben. dafür hat sie natürlich andere, über die man qualifiziert streiten kann.
Was ziu derartigem qualifizierten Streit jedenfalls nicht gehört, sind Sätze, wie: “dann brauche ich das wohl nicht weiter aufzudröseln, um belegen zu können, dass es nicht nur der Alleinvertretungsanspruch selbst ist der unhaltbar ist, sondern auch die Methoden, die zu seiner Duchsetzung benutzt werden, was Auswirkungen für Millionen hat und nicht nur für Katholiken und nicht nur gute.”
Die katholische Kirche mit ihrem Papst ist eben auf jeden Fall eine finstere Macht, die böse Auswirkungen für die Millionen von Menschen hat. Das braucht man nicht weiter aufzudröseln noch zu belegen.
Quod erat demonstrandum.
30.01.09 - 21:10
43. Abraham
@ # 41 Rudi
Sicher existiert „in den Untiefen der katholischen Welt“ ein „wabernder Antisemitismus“, so wie er sich gar nicht in Untiefen, sondern ziemlich offen auch in der übrigen Welt zeigt.
Meines Wissens hatte eine großere Mehrheit unter den evangelischen Christen als unter den Katholiken in Deutschland recht begeistert die Anpassung an die Nazis geübt.
Und auch heute sind es die Evangelikalen, die auf eine aktive Mission unter den Juden nicht verzichten wollen, was z.B. unter den jüdischen Zuwanderern aus der früheren Sowjetunion mehr “Schaden” anrichtet als eine törichte Führbitte, die ohnehin kaum jemand versteht.
30.01.09 - 22:11
44. heinrich
Lieber Abraham,
“Sicherlich haben Juden heute keinen Grund, Angst vor der katholischen Kirche oder dem Papst zu haben.”
- Das musst du der Frankfurter Rundschau erzählen, die weiß das noch nicht.
“Auch der jetzige Papst hat die Schuld der Kirche am früherem Antijudaismus eindeutig benannt und jeglichen Antisemitismus verurteilt.”
- Sympathisch, in dir hier jemandem zu begegnen, der in diesen fragen offenbar zu differenzieren weiß.
“Was allerdings nicht wenige Juden irritierend finden, ist eine unübersehbare Verschiebung der Prioritäten zugunsten „innerkatholischer“ Aspekte.”
- Hast du dafür eine Erklärung?
“Ratzinger scheint wenig Sensibilität für die Außenwirkung seiner Worte und Handlungen zu haben.”
- Das glaube ich kaum, der Vatikan hat sozusagen die moderne Diplomatie erfunden, und der Papst macht auf diesem Sektor mit Sicherheit nichts Unbedachtes, sondern stimmt seine Worte und Handlungen sehr genau mit seinen Hausdiplomaten im Hinblick auf die Außenwirkung ab. Nur können dieselben Handlungen und Worte eben unterschiedliche wirkungen auf unterschiedliche Adressaten haben.
In der Frage “Wiedereinführung der lateinischen Messe” bist du offenbar nicht zureichend informiert. Die lateinische Messe ist nicht wieder eingeführt worden, sondern für besonders zu genehmigende Fälle als Ausnahme von der landessprachlichen Norm zugelassen. Dabei ergab sich folgendes Problem: der Text ist 1970 für die Liturgiereform reformuliert worden. Der Text der Karfreitagsfürbitte lautet nun (immer noch!):
„Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will. [Beuget die Knie. – Erhebet Euch.][3] Allmächtiger, ewiger Gott, du hast Abraham und seinen Kindern deine Verheißung gegeben. Erhöre das Gebet deiner Kirche für das Volk, das du als erstes zu deinem Eigentum erwählt hast: Gib, dass es zur Fülle der Erlösung gelangt. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.“
Der aus dem Mittelalter stammende und 1570 in dem die nächsten vierhundert Jahre gültigen lateinische Messbuch codifizierte Text lautete in der Übersetzung:
“„Lasset uns auch beten für die treulosen (“perfidis”) Juden: Gott, unser Herr, möge den Schleier von ihren Herzen wegnehmen, auf dass auch sie unseren Herrn Jesus Christus erkennen. / Allmächtiger ewiger Gott, du schließest sogar die treulosen Juden (“”judaicam perfidiam”) von deiner Erbarmung nicht aus; erhöre unsere Gebete, die wir ob der Verblendung jenes Volkes vor dich bringen: Möchten sie das Licht deiner Wahrheit, welches Christus ist, erkennen und ihrer Finsternis entrissen werden. Durch ihn, unseren Herrn.“
1959 ließ Papst Johannes die Formulierungen “perfidis” und “judaicam perfidiam” streichen (immerhin ein Anfang!). Der restliche Text blieb unverändert gültig, und zwar auch nach der Liturgiereform mit dem neuen Text für das lateinische Messbuch, das einige traditionsgebundene Orden weiterhin der Messfeier zugrunde legten und legen durften.
Mit der Wiederzulassung der lateinischen Messe in genehmigten Ausnahmefällen, mit der der Papst konservativen, aber auch besonderen spirituellen (Orden) Kreisen entgegenkam, nach dem tridentinischen Ritus tauchte für ihn das Problem auf, dass der Ersatz des Gebetstextes durch die lateinische Form des neuen Textes von den betreffenden, zumal der Priesterbruderschaft Pius X. (!) nicht akzeptiert, sondern ignoriert wurde. Vor diesem Hintergrund hat der Papst – ausdrücklich nur für die lateinische Sonderform – die folgende Kompromissformel formuliert.
„Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott, unser Herr, ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus als den Retter aller Menschen erkennen. [Beuget die Knie. – Erhebet Euch.] Allmächtiger ewiger Gott, der du willst, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen, gewähre gnädig, dass beim Eintritt der Fülle der Völker in deine Kirche ganz Israel gerettet wird. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.“
Soweit vom Vatikansprecher (Advocatus diaboli) Heinrich zur Differenzierung ohne urteilenden Kommentar.
Einen lesens- und bemerkenswerten Kommentar gab es dazu vom zuständigen Mann, meinem Kollegen, dem Kurienkardinal Walter Kasper. Dazu würde mich dein Urteil interessieren.
http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~E2FC4F6C0F1844D53B6AE0983FE3135E8~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Zu den Antisemiten in den Reihen der Kirche schreibe ich ggf. noch was an Rudi.
Was die ungleichgewichtigen Repressionen gegen „Abweichler von links” anbetrifft, da sind wir völlig einer Meinung. Die entwürdigende Geste, wo Benedikts Vorgänger dem vor ihm niederknienden Priester und sandinistischen Politiker Ernesto Cardenal mit erhobenem Zeigefinger drohte, rufen in mir in der Erinnerung immer noch Empörung hervor. Desgleichen war gegenüber regimetreuen Bischöfen in den lateinamerikanischen Militärdiktaturen nicht zu sehen.
30.01.09 - 23:08
45. Uwe Theel
“Die kirchliche Lehre aber als autoritäres Wort eines “Vaters” gegenüber einem unmündigen Kind zu verstehen, so einen ungesegneten Schwachsinn kann man auch nur aus einem Griff in die antikatholische Kloschüssel beziehen.”
„Wir (d.h. die irrgläubig gewordenen Bischöfe; U.T.) nehmen ihre Lehren (d.h. die, der katholischen Kirche; U.T.) in kindlicher Gesinnung an. …’ Papst Benedikt XVI. hat – bewegt von väterlichen Empfindungen angesichts der von den Betroffenen bekundeten geistlichen Notlage wegen der erfolgten Exkommunikation und im Vertrauen auf ihre in dem genannten Schreiben geäußerte Verpflichtung, keine Mühe zu scheuen, um die Gespräche mit dem Heiligen Stuhl in der noch offenen Frage zu vertiefen … – beschlossen, die kirchenrechtliche Situation der Bischöfe …neu zu bedenken….“
31.01.09 - 00:18
46. heinrich
@ U.T.
Das ist doch eine Floskel! Es geht aber eben, wie von mir dargelegt, um die Lehren der Kirche.
@ Rudi
# 41 haste ja mal wieder hübsch eingeleitet, und jedenfalls entscheidende Motive meines dialektischen Herangehens an das Thema Religion im allgemeinen und Katholizismus im besonderen offengelegt. Was diesen betrifft, so steht schließlich nichts Geringeres auf dem Spiel, als dem Mainstream der Evangelischen, Atheisten und Indifferenten den religiösen Alleinvertretungsanspruch streitig zu machen, den sie gegen den Papst versuchen.
Sabine Hamachers Artikel bringt nichts Neues, dafür aber Problematisches und Unausgegorenes. Die katholische Kirche, und nicht zu knapp auch die evangelische, waren doch die wesentlichen Träger des religiösen Antijudaismus. Der wurde doch durch das Aufkommen des rassistischen Antisemitismus nicht geläutert, was haben entsprechende Kommentatoren eigentlich im Kopf, sondern vermischte sich mit diesem zu einem Amalgam von Feindschaft, Ablehnung und Diskriminierung gegenüber Juden. Sollte das nach dem 2. Weltkrieg einfach so, husch, husch, plötzlich verschwunden sein? In dieser Hinsicht sind schon die simple Streichung des “Perfiden” durch Joh. XXIII., erst recht die Aktivitäten und Verlautbarungen der letzten beiden Päpste, gar nicht hoch genug einzuschätzen. Ich möchte nicht wissen, welche internen Kämpfe Benedikt XVI. durchstehen musste, um allein die Kompromissformel des Karfreitagsgebets durchzusetzen. Der Papst ist nicht der König aus dem Kindermärchen, der alleine bestimmt, wo’s langgeht, Frau Hamacher. Rückwärtsgewandt im Vergleich zu den sechziger Jahren, ja, die ganze Welt ist rückwärtsgewandt im Vergleich zu den sechziger Jahren.
Schon der Beginn des Artikels ist doch Klopapier: “Wäre die katholische Kirche ein privatwirtschaftliches Unternehmen, ihr Chef müsste unverzüglich entlassen werden”.
“Privatwirtschaftliches Unternehmen” als Organisationsform, “Kerngeschäft” und “Image” als Schwerpunkte, an diesem Leisten misst die neue liberale Intelligenz eine zweitausend Jahre alte Institution mit zumindest dem Anspruch nach idealen Zielen. Da freut man sich doch über jeden hartgesottenen konservativen Konservierer.
Dass der Papst in klarer Sprache Religion und Vernunft als untrennbar zusammengehörig deklarierte und Gewalt als Mittel zur Durchsetzung religiöser Ziele als mit dem göttlichen Willen unvereinbar erklärte, damit stieß er, so die Rüge Hamachers, “die islamische Welt … vor den Kopf”. Da wünsche ich mir doch, seine Grenzen zum einfluss in der “Welt” wären nicht so eng gezogen.
Nochmals zur evangelischen “kirchenähnlichen Gemeinschaft”: Das ist genau die Abgrenzung, die Luther wollte. wieso regen sich die Evangelen heute darüber auf? Luther wollte keine Kirche, sondern das “allgemeine Priestertum”. Hätten die zahlreichen zur “neuen Lehre” übergelaufenen Bischöfe Priester und Bischöfe geweiht, wäre die evangelische Kirche für die katholische heute eine “Teilkirche”. Für diese gibt es keine “Kirchen”, sondern nur die eine, heilige, auf die Apostel zurückgehende kaholische Kirche. Das ist keineswegs nur die römische. Seit der Spätantike gab es fünf Patriarchen, von denen der römische nur einer war, neben dem von Jerusalem, Antiochien (Syrien), Alexandrien und Konstantinopel. Mit diesem gab es dann im hohen Mittelalter das “morgenländische Schisma”, die Abspaltung der orthodoxen Kirche, die den Primatsanspruch des Patriarchen von Rom nicht anerkennen wollte.
Nach römisch-katholischem Verständnis handelte es sich hier, im Gegensatz zur Reformation, nicht um eine Glaubensspaltung, sondern um eine Kirchentrennung. Die Vereinigung der römischen mit den orthodoxen Teilkirchen – einige davon sind seit langem wieder mit Rom uniert – ist ein vorrangiges erklärtes Ziel des Papstes vor aller übrigen Ökumene.
So, von meiner Seite soll das erst einmal reichen.
31.01.09 - 01:44
47. Uwe Theel
@ Heinrich
“Wenn du den entsprechenden Text Luthers auch nur ansatzweise kennen würdest, wüsstest du jedenfalls, …
Wenn Du solche vorgesetzten Sätze auch nur ansatzweise lassen könntest, lieber Heinrich, dann hätte auch ich es leichter beim Begreifen Deiner Texte.
… dass der fromme Mann die Freiheit nur im Geiste, für die “Seele” postuliert, …
… auf welches Pferd hätte er denn sonst setzen sollen?
… und dass du aufs völlig falsche Pferd setzt, wenn du das in Verbindung mit irgendeiner empirischen sozialen oder politischen Freiheit des Individuums setzt. das nussten schon Thomas Münzer und die “räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern” (Luther) erfahren, die in ihrer sozialen Revolution auf ihn gesetzt hatten.
Wenn Du mir beweisen kannst, dass die ‘Freiheit für den Körper’ vor und in Gott und bei und durch den Menschen anders zu begründen sei als die Freiheit nur im Geiste, für die “Seele” ” dann könnte ich darüber nachdenken, ob Deine mir gegenüber wieder ziemlich dreist eingeleitete Vorschrift,
“was hast du eigentlich für einen Begriff von dem Gott der monotheistischen Religion, der nach der “Tradition” nur als das vollkommene Wesen gedacht, aber nicht vorgestellt werden kann, dass du meinst, ein begrenztes Menschenwesen könne einen “unverstellten und eigenständigen Zugang zu ihm haben”?”
wie mein Vorstellungsvermögen im monotheistischen Glaubensraum unveränderlich beschränkt zu sein habe, zutreffend sein könnte, für mich gelten könnte.
Du scheinst mir jedenfalls wesentlich mehr schrift- und weniger gottgläubig zu sein als beispielsweise ich.
Ich verstehe nicht, wie Du darauf kommst, dass ich mir Gott eher “vorstellte” (mit weißem Bart und so???) als daß ich ihn denkend, geistig erführe in seinem Geiste. – Die “Schrift”, die Dir so suspekt zu sein scheint, von Lessing offenbar geradezu der vollkommenen Unzuverlässigkeit entlarvt worden zu sein scheint, ist mir ein materiell gewordenen Denken, Begreifen des göttlichen Geistes. Sie ist von – hoffentlich gotterfahrenen Menschen überliefert, also selbst auch Tradition, und ich und alle anderen haben als geistbefahrene Wesen die Kraft und das Recht, die Schrift immer wieder neu im eigenen historischen Horizont sinnvoll auszulegen. Wenn ich dazu eine Freiheit des Christenmenschen brauche, die mir, Deinem Diktum zufolge Luther nicht zusagte, dann nähme ich sie mir trotzdem, denn Matthäus (28, 20) überliefert “Siehe, ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende”, also kann ich dann auch bei ihm sein, und da drängelt sich mir keiner dazwischen und sagt mir, wie es zu gehen habe, das Dabeisein, wie das Dasein hier auf Erden.
So, lieber heinrich, jetzt komme aber bitte nicht auf die Idee, mich Dir als frömmelnden, eigenbrötlerischen Bibelexegeten vorzustellen, der keinen Schritt tut, ohne sein Orakel zu befragen, obwohl du da sicherlich satztechnisch wieder Funken schlagen könntest.
Aber jetzt habe ich auch eine Frage an Dich: Was bewegt Dich ungläubigen Thomas, der die Wundmale offenbar noch nicht berührt hat eigentlich, den advocatus diaboli zu geben, und mißverstünde ich Dich, wenn ich – auch von Rudis Gedanken angeregt – annähme, dass es Dir im Argument nur um die Schönheit deselben geht? Du also nicht aus je dem Inhalt erwachsender Begeisterung heraus den Disput führst, sondern dich nur die Schönheit der reinen Logik selbst zum sprechen bringt? (Eitelkeit als Grund will ich ausschließen).
P.S.: Deine Frage nach dem konkreten Politiker, der “…”, die will und kann ich nicht beantworten. So platt, wie Du es mir hier zu unterstellen können meinst, habe ich es nicht gemeint. Dann würde ich sicher irgendwo im Internet auch ein Zitat finden, dass ich jubelnd hochhalten würde. Du solltest Dir aber vorstellen können, dass es mir hier um die Frage von typischen, zugrundeliegenden Werten bei den Politikern geht, die ihr Handlen vermittelt beieinflussen und eben nicht um das Vorzeigen pathetischer Bekenntnisse, wie Du sie scheinbar auch bei mir vermutest – Letzteres zu Unrecht, wie ich meine.
und jetzt, Gute Nacht, bzw. bei Bedarf Guten Morgen Heinrich.
Uwe
31.01.09 - 01:56
48. Uwe Theel
@ H.
“Das ist doch eine Floskel!”
Das müsstest Du mir belegen, bzw. erklären. Wie kann ein apostolisches Dekret, bei dem es um die Anerkenneung von Glaubensinhalten geht, denen sich vormals Abtrünnige wieder bedingungslos unterwerfen müssen, dies mit leeren Floskeln ausdrücken. Schon als Sprach- und Literaturgebildeten will mir das nicht einleuchten.
31.01.09 - 02:05
49. Werner Thiele-Schlesier
Ich versteh die Welt nicht merh, dass sich zwei so aufgeklärte Menschen wie Uwe und Heinrich hier so in die Wolle kriegen. Überlegt doch mal, dass Jesus die Händler aus dem Tempel verjagte. IMHO war das der Grund weshalb er sterben musste. Er war eben nicht das was die Kirche aus ihm machte sondern ein Sozialrevulotionär. Der Pontifex ist alles andere als ein Sozialrevolutionär.
31.01.09 - 18:11
50. Abraham
@ 44 Heinrich
Lieber Heinrich,
danke für deine Belehrung bezüglich der “Wiedereinführung” der lateinischen Messe; dass sie nie gänzlich abgeschafft wurde, war mir bekannt. Ich denke, für unsere zwangsweise unter Verkürzungen leidende Diskussion ist das Wort “Wiedereinführung” eine ausreichende Beschreibung des Vorgangs.
Kaspers Interpretation der “neuen” lateinischen Führbitte ist mir bekannt. Nur: Diejenigen, die den Gedanken auf eine Judenmission nicht aufgegeben haben, können die Bitte, dass “in deine Kirche ganz Israel gerettet wird” als Bestätigung verstehen – und tun es auch.
Die “theologischen” Feinheiten werden wir hier nicht ausdiskutieren können; ich verweise auf das von Walter Homolka und Erich Zenger herausgegebene Buch “…damit sie Jesus Christus erkennen” – die neue Karfteitagsfürbitte für Juden, Herder Verlag. Dieses Buch zeigt auch, dass die Fronten nicht zwischen Juden und Katholiken verlaufen, sondern dass die “jüdische” Kritik von vielen Katholiken geteilt wird. In dem jetzt aktuellen Fall scheint das Unbehagen über das päpstliche Handeln die gesamte deutsche Bischofskonferenz umfassen. Daher halte ich demonstrative “Abbrüche” des Dialogs für unangebracht, zumal von “politischen” Repräsentanten des Judentums. Mir ist bisher auch nicht aufgefallen, dass sich Charlotte Knobloch bisher im innerreligiösem Dialog besonders hervorgetan hat; es ist auch nicht ihre Aufgabe und ich bezweifle, dass sie dazu – trotz ihrer politischen Begabungen – die Qualifikation hätte.
Genau dieser ohne Rücksicht auf die vorhersehbare Belastung des katholisch-jüdischen Dialogs in der lateinischen Fürbitte eingegangene Kompromis mit den “Traditionalisten” ist ein Beispiel dafür, dass sich die Prioritäten unter Ratzinger verschoben haben. Warum das so ist, kann ich nicht beantworten.
Für die innerkatholische oder innechristliche Diskussion, in die ich mich nicht einzumischen gedenke, verweise ich – die Erlaubnis von Stephan Hebel vorwegnehmend – auf den Beitrag von Hans Küng in der heutigen SZ.
31.01.09 - 18:31
51. Abraham
@ # 31 Stephan Hebel
Auf ihre kleine Anmerkung zu Jugoslawien wäre viel zu antworten, weil man meiner Meinung nach anerkennen muss, dass die deutsche Politik in einem nicht einfach lösbaren Dilemma steckte. Fischer lediglich zu unterstellen, das Tabu des militärischen Einsatzes der Bundeswehr brechen zu wollen, ist mir zu simpel. Auch angesichts meiner Familiengeschichte halte ich das deutsche Mantra “nie wieder Krieg” für eine edle, aber politisch kurzsichtige Fehlinterpretation der Erfahrungen des Faschismus und Nationalsozialismus. Hätte Churchil so gedacht, hätte es micht nicht gegeben, weil dann meine Eltern das KZ nicht überlebt hätten.
31.01.09 - 18:43
52. heinrich
Lieber Uwe,
ich nehme deine Kritik an einigen unfreundlichen und unduldsamen Formulierungen von mir an und entschuldige mich dafür.
Ungeachtet dessen entstehen sie dadurch, dass solche Diskussionen mit dir mich kirre machen, die zu keinem erkennbaren Ergebnis führen, sondern wo die Argumente und Hilfskonstruktionen endlos hin und her gehen und ich mich zunehmend über mich selber ärgere, dass ich mich aus solchem fruchtlosen Disput nicht rechtzeitig herausgezogen habe und mich überhaupt auf solche Diskussionen mit dir einlasse.
Mehrfach wollte ich das hier schon beenden, werde dann aber von dir persönlich angesprochen, mit Aspekten, die ich meine, so nicht stehen lassen zu können und die unbeantwortet zu lassen ich auch als unhöflich empfände. So auch hier wieder. Ich gehe nochmals darauf ein, mit Unmut zwar, den ich aber nicht durch ungeduldige oder unduldsame Antworten zu zeigen versuche.
1. “Wenn Du mir beweisen kannst, dass die ‘Freiheit für den Körper’ vor und in Gott und bei und durch den Menschen anders zu begründen sei als die Freiheit nur im Geiste, für die “Seele” ” dann könnte ich darüber nachdenken”.
Ich versuche es auf der Grundlage meines Verständnisses deines schwer verständlichen Satzes.
In seinen Thesen über die “Freiheit des Christenmenschen”, um die es hier geht, und wo ich tatsächlich meine, die Lektüre wäre erhellender als die bloße formelhafte Zitierung des Titels, heißt es:
“Drittens. Nehmen wir uns nun den inwendigen, geistlichen Menschen vor, um zu sehen, was dazu gehört, daß er ein rechter, freier Christenmensch sei und heiße.
Was hilft es der Seele, wenn der Leib nicht gefangen, frisch und gesund ist, ißt trinkt, lebt, wie er will? Andererseits, was schadet es der Seele, wenn der Leib gefangen, krank und matt ist, hungert, dürstet und leidet, wie er es nicht möchte? Keins von diesen Dingen reicht bis an die Seele, um sie zu befreien oder zu fangen, rechtschaffen oder böse zu machen.”
Die Interpretation überlasse ich dir.
2. Was mir an dem theologischen Konzept der Thesen unsympathisch ist, ist der absolute Vorrang, den Luther dem Glauben vor den guten Werken beimisst, in Gegenwendung zum Papst, den er mit Zitaten aus der Bibel zu überzeugen versucht. Das geht so weit, dass er gute Werke, die nicht aus dem Glauben heraus erfolgen, abqualifiziert im Verhältnis zu einem Glauben ohne Werke. Diese Auffassung hat im Protestantismus zu der weit verbreiteten Richtung des Pietismus geführt, der bei den Evangelikalen fröhliche Urständ feiert.
Lessing führt in seinem “Nathan der Weise” seine theologische Auffassung dagegen vor, mit literarischen Mitteln, nach einem Publikationsverbot in theologischen Fragen, weil er sich allzu kämpferisch mit dem orthodoxen Hamburger Hauptpastor Goeze angelegt hatte. Die berühmte “Ringparabel” ist ein Plädoyer für den Vorrang der guten Tat vor dem “rechten Glauben” an eine “Heilige Schrift.”
Das ist auch ein Unterschied zwischen Luther und der katholischen Kirche. Diese richtet sich natürlich nicht gegen die “Scriptura”, die Bibel, sondern gegen das “sola”, das “einzig”, und Lessing jedenfalls betrachtet sie erstmals nicht als wörtliche Gottesbotschaft, den Evangelisten in die Feder diktiert, sondern als zu einer bestimmten Zeit für ein bestimmtes Publikum geschriebenes Werk, dessen religiösen Gehalt man herauskristallisieren und von den zeitbedingten Beschreibungen ablösen muss.
Während ich das schreibe, denke ich wieder, das ist doch eigentlich klar, ebenso, wie auch nach der evangelischen Lehre der unvorstellbar und konkret undenkbar vollkommene Gott den beschränkten Menschen nicht unmittelbar zugänglich ist, es sei denn im persönlichen Gebet, das gilt aber für die Katholiken genauso, sondern nur über sein in der Bibel manifestiertes Wort.
3. Was den Politiker betrifft, der einen Kirchenmann zu seinem Vorbild erklärt hat, so helfe ich dir drauf: Norbert Blüm bezieht sich ausdrücklich auf den Jesuitenpater Oswald von Nell-Breuning, den entscheidenden Architekten der katholischen Soziallehre im letzten Jahrhundert, der auch die Sozialentyklika Pius XI. verfasst hat. Man mag die katholische Soziallehre als antisaozialistisch und korporatistisch kritisieren, sie setzt auf das Prinzip “Sozialpartnerschaft”, jedoch bei ausdrücklicher Betonung jeweils auch der sozialen Verantwortung des Staates. Im Hinblick auf einen “gerechten” Sozialstaat gehen die Enzykliken nahezu aller Päpste des letzten Jahrhunderts jedenfalls deutlich über liberale und konservative Vorstellungen hinaus, um nur mal eine ihrer schädlichen politischen Wirkungen aufzuzeigen. Ohne dass die CDU in weiten Teilen nach 1945 die katholische Soziallehre in ihre Programmatik aufgenommen hätte, wäre eine FDP wahrscheinlich gar nicht gegründet worden, für deren Exponenten dies der HInderungsgrund für einen Eintritt in die CDU war.
Und noch eins: Papst Pius der XI. hat 1937 eine Enzyklika “Mit brennender Sorge” extra für die deutschen Katholiken verfasst, die ein Dokument des päpstlichen Widerstands gegen den NS-Staat ist und nur konspirativ gedruckt und an die Gemeinden verschickt wurde. Dass die Gestapo nach ihrer Verlesung von den Kanzeln zahlreiche einfache Gemeindepriester verhaftete, mag mit ein Grund für seinen Nachfolger gewesen sein, sich mit Protesten zurückzuhalten. so einfach und eindeutig, wie sie scheinen, sind die Dinge eben nicht.
5. Was ich schreibe, schreibe ich aus Überzeugung, nicht aus Interesse an sophistischer Rhetorik. Man kann auch denkend einen Standpunkt einnehmen, den man für “gerecht” hält, ohne persönlich eingebunden zu sein. In Fragen der Religion bin ich kein Ignorant, wofür wohl der “ungläubige Thomas” steht, sondern ein suchender Skeptiker. Das Gebet: “Lieber Gott, wenn es dich gibt, sei meiner Seele gnädig, wenn es sie gibt!” könnte von mir stammen, wenn es nicht schon von Schopenhauer stammte.
Nun iss aber wirklich genug! Ich überlasse dir oder anderen das letzte Wort in dieser Diskussion.
31.01.09 - 19:39
53. heinrich
@ Abraham
da sich unsere Beiträge überschnitten haben, doch noch eine Antwort an dich. du magst die Relativierungen, die ich im Bezug auf die alte Liturgie und die Karfreitagsfürbitte angeführt habe, für belanglos oder vernachlässigenswert halten, ich tue es nicht.
Auch mir ist vieles bekannt, was du an mich adressiert schreibst, man schreibt ja trotzdem beiher immer für ein breiteres Publikum, und das dann als “Belehrung” zu charakterisieren, finde ich allerdings starken Tobak. Die Formulierung im Kommentar der Hamacher “… änderte die Karfreitagsfürbitte so, dass wieder für die “Erleuchtung” der Juden gebetet wird”, die objektiv falsch ist, zeigt jedenfalls dass ich hier zumindest nichts Selbstverständliches geschrieben habe, für wie wichtig man das immer halten mag.
Ich meine übrigens, dass ich deutliche Hinweise für den zur Frage stehenden Schwenk Benedikts gegeben habe, deren Erklärungswert man natürlich auch unterschiedlich beurteilen kann. Ich sehe zwischen ihm und seinem Vorgänger jedenfalls eher eine Kontinuität als einen Bruch. Vielleicht unterscheidet er auch zwischen den Juden als Menschen und Volk, an denen sich die Kirche versündigt hat und wofür Abbitte zu leisten war, und als Religionsgemeinschaft, mit der ein interreligiöser Dialog zu führen ist. wie weit der gehen kann und wo der ggf. seine Grenzen hat, kann ich nicht beurteilen.
Herrscht denn unter den unterschiedlichen Richtungen des Judentums Einhelligkeit darüber, oder gibt es da im Gegenzug auch Vorbehalte gegen den Dialog mit der katholische Kirche?
Danke für den Küng-Sz-Hinweis, werde ich lesen!
31.01.09 - 20:11
54. Abraham
@ # 53 Heinrich
Lieber Heinrich,
wollte dich nicht mit dem Wort “Belehrung” persönlich treffen. Es bezogs sich auch nicht auf deine differenzierte Darstellung zur der Problematik der Fürbitte, die sicherlich notwendig war.
Das Problem im interreligiösem Dialog ist nicht das Beharren auf der eigenen “theologischen” Position. Das ist notwendig, und man kann keine falschen Kompromisse eingehen (was du gut an den Unterschieden zwischen Lutheranern und Katholiken gezeigt hast). Die jüdische Seite ist aber gegen jegliche Missionsversuche (auch der “sanften” Art) mißtrauisch, auch angesichts der Geschichte.
Natürlich gibt es keine einheitliche “jüdische” Position. In Europa wird der interreligiöse Dialog fast auschließlich von den liberalen Juden getragen, in den USA sind aber auch ettliche Orthodoxe daran beteiligt. Für Ultraorthodoxe kommt ein interreligiöses Gespräch nicht in Frage. Den meisten Mitgliedern der jüdischen Gemeinden haben an solchen hochgestochenen theologischen Fragen kein Interesse, so wie auch, meiner Beobachtung nach, die meisten Mitglieder der christlichen Gemeinden.
31.01.09 - 22:47
55. Normalbürger
Spitzel in die Kathedralen?!
Da nehmen wir am besten die von vor ´89 aus dem Osten, die haben darin Erfahrung, Pfarrer zu bespitzeln. Ja wirklich, Ihr Vorschlag, Herr Hebel, wäre in Honnis Diktatur gut angekommen.
Genau betrachtet: Eigentlich überall, wo Menschen Meinungen vertreten, sollten wir, um ganz sicher zu gehen, Spitzel haben, oder? Zum Beispiel in Redaktionen am besten.
Wahrscheinlich haben Sie, Herr Hebel, schon lange so gedacht…Halt, sind Sie am Ende selbst einer??? Ich sage besser nichts mehr….
31.01.09 - 22:56
56. BvG
@abraham
Den Aspekt “keine falschen Kompromisse eingehen” finde ich interessant.
Wie kann man das denn beurteilen?
Wenn es denn Kompromisse überhaupt gibt, dann gibt es auch keine Gewissheit. Das schließt zumindest diejenigen aus, die an eine Möglichkeit der vollständigen Gotteserkenntnis im Irdischen glauben. (Was meiner Ansicht nach schon eine Selbstüberschätzung ist)
Also gibt es richtige und falsche Kompromisse.
Wie soll man nun beurteilen, was ein richtiger oder falscher Kompromis ist?
Meiner Ansicht nach kann man das nur so beantworten, daß man beide Auffassungen zuläßt, solange sie nicht den Verlust eines gläubigen Menschen bedingen, da man sonst die Suche nach der Wahrheit behindert. Man überlässt das Urteil dem Jenseitigen, dem menschlich nicht Erforschlichen.
Dies wäre ein richtiger Kompromiss, da man die eigene Begrenztheit und die eigene Unvollkommenheit anerkennt.
Ein falscher Kompromiss wäre, die eigene Suche nach der Wahrheit gegenüber anderen Bestrebungen zurückzustellen.
Insofern und um die Ecke gedacht, hat doch der Papst die eigene Kompromissbereitschaft bewiesen und somit seine Unfehlbarkeit zugunsten anderer Überzeugungen in Frage gestellt…
Vielleicht war es doch ein mutiger Schritt?
01.02.09 - 01:25
57. BvG
Korrektur:
“solange sie nicht den Verlust eines gläubigen Menschen bedingen”
zu
“solange sie nicht den Verlust eines Menschen bedingen”
Glaube ist ja nicht die Voraussetzung zur Gotteserkenntnis
01.02.09 - 01:31
58. Uwe Theel
@ 52 heinrich,
lieber heinrich,
ich bin sicher, weder Du noch ich brauchen hier oder da ein letztes, gar das letzte Wort.
Du hast mir ein paar Ecken in meinem Gedankengebäue beleuchtet, dodaß die Räume dort weiter geworden sind. Dafür danke ich Dir jetzt einfach.
Weiter könnten wir sicher diskutieren und dies mit mit Gewinn, aber wir müssen es nicht unbedingt hier und jetzt, wir sind halt im Blog.
P.S.: Ich nehme an, Du hast Abraham auf den SZ.-Artikel vom 30.01.01 “Wenn ein Obama Papst wäre…” von Hans Küng hingewiesen. In der FR vom selben Tag erschien gleichzeitig ein interresantes Interview mit ihm, mit fast identischem Titel – ja die FR titelt deutlich schärfer -, nämlich
“”Ein Obama muss Papst werden”"
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=1668171&
auf das ich hier auch noch hinweisen will.
01.02.09 - 03:06
59. Gero Neugebauer
Ich verstehe die nicht, die da meinen, dass das öffentliche Bejubeln des Papstes im Widerspruch zu dessen jüngst (wieder) deutlicher gewordener Haltung stehen würde: vielleicht freuen sich die Benedikt-Jubler ja darüber, dass er einen Holocaust-Leugner rehabilitiert?
01.02.09 - 09:49
60. rudi
Abraham schreibt: „Den meisten Mitgliedern der jüdischen Gemeinden haben an solchen hochgestochenen theologischen Fragen kein Interesse, so wie auch, meiner Beobachtung nach, die meisten Mitglieder der christlichen Gemeinden.“ So geht’s auch mir, der keiner der beiden Religionen zuspricht und diese, trotz der hier vorgebrachten Ausführungen, nach wie vor in den Bereich des Irrationalen zugeordnet wissen möchte. All diese Rechtfertigungsmodelle, mit denen sich Theologen, um ihren Glauben zu verteidigen, umgeben, wenn es darum geht, das Übel der Welt mit der Existenz eines Übergeordneten in Einklang zu bringen, bleiben mir mysteriös. Das Propagieren unabänderlicher Gegebenheiten, die auf numinosen Wesenheiten beruhten, bleibt mir fremd. Die damit verbundenen Rituale, wie Bittgottesdienste und andere Veranstaltungen, die wohl die Funktion haben, Gemeindemitglieder bei der Stange zu halten und wohl auch der Kontingenzbewältigung dienen, machen auf mich einen eher lächerlichen Eindruck. So habe ich vor meiner Wohnstätte schon Menschen gesehen, die während eines Rituals, es war wohl eine Prozession, auf der Straße knieten und gesangliche oder murmelnde Laute von sich gaben. Wahrscheinlich muss ich bei solchen Ausführungen Vorsicht walten lassen, da ich religiöse Gefühle verletzen und einen Straftatbestand erfüllen könnte.
Eher amüsiert verfolge ich die Alltagsprobleme vor Ort, wenn etwa der katholische Pfarrer nach zwei Jahren seiner Missionsaufgabe über Nacht unter Zurücklassung eines Abschiedsbriefes nach Griechenland in ein orthodoxes Bergkloster verschwindet. Oder wenn der Nachfolger, kaum ein Jahr an seiner Wirkungsstätte, die Leiterin eines katholischen Kindergartens schwängert und infolge dessen schon wieder einer anderen Kirchengemeinde zugeordnet wurde. Auf dieser Ebene geht es den Gläubigen in der Tat sehr oft darum, „in den Himmel zu kommen“ und der „Hölle“ zu entweichen. Und da erfüllt die Religion vielleicht ihren tröstenden Halt und Orientierung gebenden Charakter. Oder die Gemeindemitglieder werden geschockt, wenn sie Alltagspraxis ihrer Berufsverkünder beobachten müssen. Die Rabulisierungen der religiösen Intellektuellen, wie ich sie auch hier im Thread verfolgt habe, lassen die Annahme der Möglichkeit einer Auferstehung und damit die Überwindung der Unabänderlichkeit des Todes bei mir nicht größer werden. Auch dann nicht, wenn der Versuch unternommen wird, Religion und Aufklärung in Einklang zu bringen.
01.02.09 - 10:39
61. heinrich
Lieber Uwe,
mehr Licht im Gedankengebäude, das hast du hübsch und nett gesagt.
Es gibt eine besondere Sorte von “Experten”, von denen man annehmen könnte, sie stünden auf einer Liste im Din A5-Format, die bei aktuellen Anlässen unter den Medien kursierte. Dazu gehört mangels Aktualisierung beim Thema Nahost seit Jahren immer noch der unsägliche 80-jährige Scholl-Latour und beim Thema katholische Kirche eben Küng, von denen man sonst gar nicht wüsste, dass sie überhaupt noch leben.
Das Interview mit Küng ist ein Seitenfüller, der nichts Neues im Vergleich zu dem vorangegangenen Kommentar bietet, nur dass man ihm als Theologen seine falsche Pauschalierung beim Karfreitagsgebet nicht durchgehen lassen dürfte und voraussetzen können sollte, dass er die Regensburger Rede zumindest gelesen hätte, von der der gewiss nicht als Reaktionär verdächtige Kardinal Lehmann sagte, da gäbe es nichts zu entschuldigen und nichts zurückzunehmen. Da kann man ihm nur zustimmen gegen diejenigen, die, was “den Islam” oder “die islamische Welt” ausmacht, in Missachtung von Hebels wichtiger gegen Schäuble reklamierter Differenzierung mit Erzkonservative in diesem Lager, die womöglich noch Morddrohungen in Auftrag geben oder den Mob der Straße dazu aufhetzen, Papstflaggen und -Puppen zu verbrennen. Sich da eindeutig auf die Seite derer geschlagen zu haben, die das auch mit der islamischen Religion für nicht vereinbar halten, das ist ihm hoch anzurechnen, auch wenn der Beginn seines Zitats eines byzantinischen Kaisers zu Missverständnissen geführt hat. Dass Journalisten es nicht für nötig befinden, eine solche inkriminierte rede zu lesen, mag man ihnen nachsehen, nicht jedoch einem Theologen.
Im übrigen dürfte doch eigentlich niemandem entgehen, dass es sich bei seinen Aussagen um Äußerungen eines narzisstisch Gekränkten handelt. Der Satz “Ich hatte angenommen, dass die Einladung an mich die erste einer Reihe von kühnen Taten sei, zu denen der Papst fähig sei. Aber er hat die Welt enttäuscht.” spricht doch Bände über jemanden, der, verraten und enttäuscht, sich dennoch für den Nabel der katholischen Welt hält.
Mit seiner Aussage: “Er kann sich doch nicht um einer kleinen Schar zurückgebliebener, reaktionärer Katholiken willen die Sympathien von Abermillionen anderer Katholiken verscherzen.” trifft er nur den Nagel auf den Kopf, auf den vollkommen zu Recht schon eine Legion von verschiedensten anderen berufenen und unberufenen Leuten eingehämmert hat.
Interessanterweise variiert er zwischen SZ und FR die Autonomie und Abhängigkeit des Papstes. Während er ihn dort als souveränen Alleinherrscher darstellt, ist er hier für ihn die Marionette eines unbeherrschbaren und undurchschaubaren “Apparats”: “So ist er ein Stück weit Gefangener von Leuten, die er selbst zu dem hat werden lassen, was sie sind. Aber ich glaube, er überschaut das gar nicht, und er hat den Apparat nicht im Griff.”
In der SZ spricht Küng jedenfalls wenigstens noch, mal abgesehen davon, ob der Papst wirklich “könnte, wenn er wollte”, die minimalen und dringendsten, von engagierten Laien und Priestern seit Jahren gegen den mindestens ebenbürtigen Reformstaupapst Johannes-Paul angemahnten Reformziele an, als da seien die Genehmigung von Empfängnisverhütung und Priesterehe, die Frauenordination und die Abendmahlsgemeinschaft mit den evangelischen Kirchen erlauben, welche letztere theologisch mit diesen abzustimmen wäre, einschließlich des Namens. Ob “Kirche” oder “kirchliche Gemeinschaft”: Wenn die evangelischen Kirchen sich durch diese Bezeichnung diskriminiert fühlen, kann die katholische sie auch “Kirchen” nennen, ohne dass damit schon die bestehenden Unterschiede negiert würden.
Das “letzte Wort” bezog sich natürlich auf die spezifische Diskussion. Wenn der Thread durch Neues angereichert wird, wie den Beitrag von Rudi, tauche ich ggf. auch gerne den Gänsekiel wieder ins Fass und lasse mich auf einen Federkrieg mit ihm ein, was erfahrungsgemäß den Vorzug hat, dass daraus in Ermangelung einer Erwiderung kein Disput entsteht, weil ich ihm wohl durchweg zu rabulistisch argumentiere.
01.02.09 - 15:15
62. heinrich
@ Rudi
Nach genauerem Lesen deines Beitrages finde ich, ich sollte mit dem Federkrieg doch lieber warten, bis sich ein Gegner findet. Andererseits, da schon angekündigt und da es Spaß macht, kann ich ja in Ermangelung eines solchen trotzdem mal auf deinen Beitrag antworten. Man gönnt sich ja sonst nichts!
“Den meisten Mitgliedern der jüdischen Gemeinden haben an solchen hochgestochenen theologischen Fragen kein Interesse, so wie auch, meiner Beobachtung nach, die meisten Mitglieder der christlichen Gemeinden.“ So geht’s auch mir”.
Womit du also in guter Gesellschaft wärst. Heute morgen beim Bäcker sah ich die wirklich interessierenden und relevanten Themen in Form der Schlagzeilen der verschiedenen Sonntagszeitungen aufgereiht. Da war nur in der “Welt am Sonntag” das Konterfei des Papstes, und ich möchte wetten, dass darunter keine hochgestochenen theologischen Fragen erörtert werden. Für die “meisten Mitglieder” unserer Gesellschaft ist aber wohl auch das noch intellektuelles Gedöns, ganz im Gegensatz etwa zu: Heidi Klum führt Prozess gegen arbeitslosen Metzger” oder: “Deutschland sucht den Jackpot-Knacker”.
Dass du meine Art zu argumentieren “rabulistisch” nennst, mit welcher Vokabel die klassischen Antisemiten die hinterhältigen Wortklaubereien ihrer vermeintlichen jüdischen Feinde zu bezeichnen pflegten, nehme ich mal als Kompliment. Der letzte, der meinen Argumentationen dieses Attribut zugesprochen hat, war kein Geringerer als der Leiter eines “Landesamtes für Verfassungsschutz”, den ich in einer öffentlichen Diskussion wohl ein wenig in die Enge getrieben habe, indem ich dem Publikum zu bedenken gab, dass der Verfassungsschutz dazu da ist, den Staat vor der Verfassung zu schützen.
Was die bemerkenswert einzigartige Mischung deiner Beispiele und “Argumente” angeht, ein Sammelsurium aus Volksfrömmigkeit, Bigotterie und antiquierten Glaubensinhalten, so kann einen aufgeklärten Leser nur das Gähnen überfallen. Aus dem Arsenal des ohnehin nicht gerade durch geistige Helligkeit ausgezeicheten zeitgenössischen militanten Atheismus bedienst du dich da wahrlich nur aus der untersten Schublade.
Zu deiner Verbindung von vom Priester geschwängerter Frau und Himmel und Hölle gibt es eine hübsche erotische Novelle von Bocaccio aus dem 14. Jh., einer Zeit also, in der, von der Kirche gestützt, der Glaube an solche Orte und die sie bevölkerten Engel und Teufel noch allgemeines und die Menschen ängstigendes oder tröstendes Glaubensgut waren, was sie heute schwer vermissen und sich deshalb so einen Quark wie “Der Herr der Ringe” antun.
In der Novelle verirrt sich eine junge Frau in die Wüsteneinsidelei eines Mönches, der sie bei sich schlafen lässt, und ihr, als ihn die Versuchung übermannt, seinen Penis als den Teufel vorstellt, der in ihre Hölle müsste, was sie dann auch bereitwillig zulässt und wo sie dann auf einer solchen Beständigkeit der religiösen Übung pocht, dass der asketisch Ausgezehrte dem am Ende nicht gewachsen ist.
Zu der Zeit und lange danach galten in Sachen Sexualität die Frauen als die bösen Verführerinnen und die Männer als die armen Opfer. Dann kam der Feminismus, der die Autonomie und Selbstbestimmung des Subjekts der Aufklärung auch für das weibliche Geschlecht reklamierte, und nun also die Frau als ahnungs- und willenloses Opfer, das,statt eine Liebes- und Sexualbeziehung mit ihm einzugehen, von einem Priester “geschwängert wird”, ohne zu ahnen, welche Folgen das haben wird, die allerdings, was das Verhalten der Kirche anbetrifft, gleichwohl skandalös und menschenfeindlich sind. Belustigend finde ich das nicht.
Was ich dir insgesamt aber, in Bezug auf Religion und ebenso auf Politik, zu bedenken geben möchte, ist dies: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner (ausgewählten skandalösen und reaktionären) Einzelheiten.
In der Geschichte der Aufklärungsbewegung gab es übrigens weniger herausragende Denker, die versucht haben, Religion Aufklärung in Einklang zu bringen, als vielmehr solche, die versucht haben, Atheismus und Aufklärung in Einklang zu bringen. Do it!
01.02.09 - 16:45
63. Werner Thiele-Schlesier
Nachdem der Pontifex jetzt den erzkonservativen österreichischen Priester Gerhard Wagner zum neuen Weihbischof der Diözese Linz berufen hat drängt sich mir der Eindruck auf, dass er wohl schon so senil isst, die Welt nur noch durch die Brille seiner Einflüsterer zu sehen.
01.02.09 - 17:51
64. Abraham
@ # 56. BvG
Offensichtlich hatten Sie noch nie an einem interreligiösen Gespräch teilgenommen. Der Zweck solcher Übung ist nicht (und kann nicht sein), eine gemeinsame Vorstellung von Gott zu finden oder irgend einen gemeinsamen Glauben zu entwickeln. Es geht primär darum, zu verstehen, warum es Differenzen gibt und was diese bedeuten. Oft bezeichnen gleiche Worte, wie Sünde oder Seele, völlig unterschiedliche religiöse Konzepte. Das zweite ist ein Erfahrungsaustausch darüber, wie Religionen “funktionieren”. Welche Rolle spielen Rituale, was bedeutet das Gebet, wie entsteht “Tradition” und wie wird sie weiter entwickelt usw. Nur wenn man die anderen kennenlernt, kann man sich von Vorurteilen befreien, auch den von Rudi gegenüber dem Verhalten von Gläubigen während einer Prozession.Schließlich geht es auch um die Rolle der Religionen in der heutigen Welt, oft auch in sehr konkreten Fragen wie der Reproduktionsmedizin. Warum kommen wir, obwohl wir von gleichen religiösen Texten ausgehen, zu unterschiedlichen Ergebnissen?
01.02.09 - 22:29
65. BvG
@abraham
Wenn es nur um eine Verständigung über die und gleichberechtigte Existenz der verschiedenen Konzepte geht, dann sehe ich kein Problem.
Eine kleine Haarspalterei doch noch:
Wir kommen ja nicht zu Ergebnissen, sondern nur zu Vermutungen, wenn wir gleiche Texte interpretieren.
01.02.09 - 22:49
66. BvG
Nochmal zum Dialog.
Diejenigen, die sich im Besitz der absoluten Wahrheit wähnen, schließen sich selbst aus dem Dialog aus. Soweit, so schlecht.
Ich behaupte nun, daß der Dialog das Ziel der Fragen ist, die Gott an uns stellt. Welche Riten und Überzeugungen da angewandt werden ist zweitrangig, sie sind lediglich Methoden zur Wahrheitsfindung und also diskutabel und nicht absolut.
Die diesseitige Wahrheit kann also nur sein, im Dialog zu sein.
Die Lösung kann nur sein, alle Wege als gleichwertig zu betrachten und sie nur insofern zu qualifizieren, ob sie die Möglichkeiten zur Erkenntnis behindern oder fördern.
Da bleibt als Antwort doch nur die Vielfalt des Dialogs, ohne Tötung oder Diskriminierung von Andersgläubigen.
02.02.09 - 01:33
67. Codiac
die allgemeine Hysterie im Zusammenhang mit Benedikt XVI und seinen Entscheidungen erinnert sehr an die Reaktion der Islamisten anläßlich der dänischen Karrikaturen. Was wiegt mehr, die Ungeschicklichkeit von Kirchenführern oder diese aufgeregte Reaktion darauf. Mit Religion hat das weniger zu tun.
02.02.09 - 07:51
68. Abraham
@ # 65. BvG
Religion erschöpft sich nicht in Bekenntnissen, sondern enthält auch konkrete Festlegungen für das “gute” Leben. Ob sich aus den Offenbarungsschriften und der Tradition z.B. ein Verbot oder eine Zulässigkeit der Empfängnisverhütung ableiten lässt, ist mehr als eine “Vermutung”.
Auch wenn sich das “Wesen Gottes” der rationalen Erkenntnis entzieht, ist uns seine Offenbarung gegeben. Leo Baeck nennt dies eine Polarität zwischen Geheimnis und Gebot. Nach jüdischer Tradition unterliegen die Entscheidungen über das Religionsgesetz den Menschen, nicht Gott, weil die Torah (die Gesamtheit der “Lehre”) nicht mehr im Himmel, sondern auf der Erde ist. So versteht es jedanfalls die jüdische Tradition.
02.02.09 - 09:20
69. heinrich
@ Abraham et al.
“Nur wenn man die anderen kennenlernt, kann man sich von Vorurteilen befreien, auch den von Rudi gegenüber dem Verhalten von Gläubigen während einer Prozession.”
Lass’ dich mal von dem vorgeblich naiven Standpunkt nicht täuschen, den Rudi hier einnimmt! Seine ablehnende Haltung beruht auf der Kenntnis der Hintergründe der katholischen Religionsausübung, nicht auf deren Unkenntnis.
Seine Einstellung ist eine Glaubensüberzeugung, und sonst gar nichts. Aber er bekundet sie hier nicht einfach nur, was sowieso nicht Thema wäre, sondern er grenzt die religiösen Überzeugungen negativ gegen seine ab, die für ihn irrational, fremd, mysteriös und lächerlich sind und deren Führungspersonal bigott ist und die einfachen Gläubigen instrumentalisiert. Zudem muss er uns noch davon überzeugen, dass die spitzfindigen Gedanken der “religiösen Intellektuellen” ihn nicht von den Glaubenswahrheiten überzeugen, was hier niemand versucht hat. Oder wo ist die Stelle, an der jemand den Auferstehungsglauben begründet?
Was hier zum Ausdruck kommt, ist ein strukturelles Problem der Atheisten. Die Religiösen glauben an etwas, woran die Atheisten nicht glauben. Das ist alles. Was sie eint, ist kein positiver Inhalt, sondern ihr Programm ist die Negation. Das Nichts ist nichts. Das lässt sich, wie die Philosophen zeigen, nicht einmal denken, geschweige, dass man daran glauben könnte. Also müssen uns die Atheisten an ihrem positiven Gegenpart abarbeiten und uns ständig erklären, was für ein irrationaler und rückständiger Blödsinn das ist, woran die Religiösen glauben. Sie entpuppen sich so als die wahren Unduldsamen, die die Religiösen einfach nicht in Ruhe lassen können, weil ihr Glaube ohne diese inhaltsleer wäre.
Jemand, die an die heilige Jungfrau glaubt und sie verehrt, pilgert nach Altötting, betet zu ihr und pflegt seltsame Gebräuche. Darin geht sie auf. Das ist ihr positiver Inhalt, über dessen Sinn innerreligiös gestritten werden kann und gestritten wird. Aber ich sehe weit und breit niemanden, der mir zu erklären versucht, was für ein bornierter Blödsinn es sei, nicht an die heilige Jungfrau zu glauben. Das ist für mich der Unterschied.
Das Grundprinzip der säkularen Gesellschaft ist zugegeben ein geistig dürftiges Programm: Jeder soll nach seiner Fassong selig werden (Alter Fritz). Aber es ist aus den leidvollen Erfahrungen der verheerenden Religionskriege heraus erwachsen und es funktioniert nur so.
Da die Religionsgemeinschaften zum Glück keine Geheimgesellschaften sind, kann natürlich auch öffentlich über sie räsoniert werden, aber dieses Räsonement erfordert, da es nun einmal unterschiedliche oder gar gegensätzliche Grundauffassungen über “Gott und die Welt” gibt, gegenseitigen Respekt. Der ist unter diesen gegebenen Bedingungen ebenso fundamental für den sozialen Frieden wie das Wachen darüber, dass keine dieser sog. Weltanschauungen versucht, mit ihren Vorstellungen die säkulare und freie Gesellschaft zu dominieren.
02.02.09 - 11:16
70. Abraham
@ # 69 Heinrich
In einem interreligiösem Dialog werde ich mit keinem Katholiken darüber diskutieren, “was für ein bornierter Blödsinn es sei, nicht an die heilige Jungfrau zu glauben”. Ich werde aber interessiert zuhören, wenn er mir erklärt, welche Schlußfolgerungen er aus diesem Glauben ableiten. Genauso wird er mit mir nicht darüber diskutieren, ob die schriftliche und die mündliche Tora Moses auf dem Sinai verkündet wurde, aber sich dafür interessieren, welche Konsequenzen diese Überzeugung für das Judentum hat und wie man den Widerspruch zu den Erkentnissen historisch-kritischer Bibelforschung zu lösen versucht. Das religiöse Denken anderer zu verstehen, könnte auch für Atheisten wie Rudi zu neuen Erkenntnissen führen. Er könnte z.B. erkennen, dass die Reibungspunkte, die er mit seinem früheren katholischen Glauben hat, in anderen Religionen eventuell gar nicht bestehen.
Damit will ich keineswegs deinen Ausführungen widersprechen.
02.02.09 - 11:46
71. heinrich
@ Abraham
Der arme Hebel wird sich die Haare raufen, wenn er sieht, welchen Wildwuchs sein Kommentar hervorgerufen hat und fühlt sich hoffentlich angesichts seiner Hauptaufgaben nicht auch noch befleißigt, das alles zu lesen.
Gleichwohl habe ich dir gegenüber noch einen Einwand und eine Nachfrage.
1. “Nur wenn man die anderen kennenlernt, kann man sich von Vorurteilen befreien”. Das ist eine zweischneidige Sache. Das Kennenlernen kann ja auch die Vorurteile zu Urteilen verfestigen, und meine Urteile über bestimmte Gebräuche, religiöse Auffassungen, hierarchische Strukturen von Religionsgemeinschaften mögen durchaus negativ oder ablehnend sein. Und trotzdem und gerade dann ist der von mir reklamierte Respekt geboten. Die respektvolle Anerkennung von mir durch Kennenlernen sympathisch gewordenen Gruppen und deren Gebräuchen und Haltungen muss nicht eigens eingefordert werden.
2. Die Verständigung über die Bedingungen des “guten Lebens”, im Sinne auch einer Verständigung über so etwas wie die schützenswerten ethischen Grundlagen unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens, wäre m.E. auch eine zentrale Aufgabe eines Dialogs zwischen verschiedenen Religionsgemeinschaften, aber auch mit Atheisten.
“Nach jüdischer Tradition unterliegen die Entscheidungen über das Religionsgesetz den Menschen, nicht Gott, weil die Torah (die Gesamtheit der “Lehre”) nicht mehr im Himmel, sondern auf der Erde ist.”
Abgesehen davon, dass ich bisher dachte, die Torah umfasse nur den Pentateuch, die Genesis, die fünf Bücher Moses: Meinst du mit den “Entscheidungen” über das Religionsgesetz die Auslegungen? Das Gesetz selber wurde doch dem Moses von Gott gegeben, oder?
02.02.09 - 12:10
72. Stephan Hebel
@Heinrich #71: Der “arme Hebel” rauft sich überhaupt nicht die Haare, weil er
1) keine hat (die Karikatur beschönigt eher noch) und weil er
2) mit großer Spannung vieles (nicht alles) nachgelesen hat, nachdem er dazu nach kurzer Grippepause nebst totalem DSL-Ausfall zu Hause wieder in der Lage war.
Ich will inhaltlich hier gar nichts mehr beitragen, da die Diskussion über manche Schleifen, die abaer alle zur Klärung beitragen, einen sehr guten und sachlichen Weg nimmt. Neuer Thread erst am Mittwoch, da morgen unterwegs.
02.02.09 - 12:28
73. heinrich
@ Abraham
mein Beitrag #71 hat sich mit deinem # 70 überschnitten. Wenn es noch Widerspruch gibt, nur zu!
“In einem interreligiösem Dialog werde ich mit keinem Katholiken darüber diskutieren, “was für ein bornierter Blödsinn es sei, nicht an die heilige Jungfrau zu glauben”.
Das will ich doch meinen! Aber das ist die Tendenz der militanten Atheisten in meinem Umfeld.
“Ich werde aber interessiert zuhören, wenn er mir erklärt, welche Schlußfolgerungen er aus diesem Glauben ableiten”
Es ist ihm ggf. fremd, überhaupt keine Schlussfolgerung aus seinem Glaubedn zu ziehen. Er glaubt einfach an die Jungfrau Maria als “Mutter Gottes” und verehrt sie als solche. Die Marienverehrer werden sich mit dir jedenfalls kaum darüber streiten, ob Mose die Gebote von Gott empfangen hat. Das glaube er ebenso schlicht.
Er hat, wie du schon bemerkt hast, kein Interesse an “hochgestochenen theologischen Diskussionen”, die historisch-kritische Bibelforschung ist ihm suspekt, und es ist ein Grundproblem der Religionen seit der Aufklärung, jedenfalls gilt das für alle christlichen Konfessionen, wie das im religiösen Judentum aussieht, weißt du besser, dass, übrigens im zunehmendem Maße, zwischen den Einsichten und Gedankenkonstrukten der Theologen und der Volksfrömmigkeit eine tiefe Kluft klafft, welche das kirchliche Lehramt und erst recht die Seelsorger und Prediger “vor Ort” nur mühsam kaschieren, aber gar nicht mehr vermitteln können.
02.02.09 - 12:40
74. Abraham
@ # 71. heinrich
ad 1) In deinen Ausführungen sehe ich keinen Widerspruch. Zu einem Dialog gehört es auch, dass man bei allem Respekt dem Gegenüber kritisch bleibt und Widersprüche nicht zu verkleistern versucht. Das das geht, zeigt doch unser Dialog oder auch deine Auseinandersetzungen mit Uwe Theel. Dass Disput, ja gelegentlich auch Streit zum Dialog gehören, muss ich dir gegenüber nicht betonen.
ad 2) Nun willst du mich auch noch auf ein weiteres Feld locken. Nach der rabbinischen Tradition, die nach der Zerstörung des 2. Tempels das Judentum umgeformt hat, besteht die Tora nicht nur aus den fünf Büchern Moses (also der Tora im engeren Sinne), sondern auch aus dem “mündlichen Tradition”, die etwa bis zum 5. Jahrhundert im Talmud verschriftlicht wurde, samt aller Debatten (und Streitereien) über die “richtige” Auslegung. Die mündliche Tora erweitert teilweise die biblischen Gebote (z. B. in Bezug auf die Speisevorschriften), schränkt diese aber dort ein, wo sie den Rabbinen mit mit ihren ethischen Prinzipien nicht vereinbar waren, oder hebt sie praktisch auf. Das wird mit dem Verweis gerechtfertigt, dass auch die mündliche Tora schon am Sinai Moses gegeben wurde, also die Erweiterungen oder Einschrenkungen schon immer gültig waren.
Was das jüdische Religionsgesetz betrifft, ist es weder in der hebräischen Bibel nocht im Talmud systematisch festgelegt. Da es im Judentum kein verbindliches Lehramt gibt, entscheiden darüber, wie das Religionsgesetz in einem konkreten Fall anzuwenden ist, die Rabbiner. Diese “richterliche” Funktion war ursprünglich die einzige Aufgabe von Rabbinern, die Seelsorge kam erst in der Moderne dazu. Auch heute sind Rabbiner keine “Geistlichen” im christlichen Sinne.
Die rabbinischen Entscheidungen über die Gesetzesauslegung werden bis heute in Form von Responsa (“Antworten”) getroffen und publiziert.
Wieso kann man Entscheidungen über das von Gott gegebene Gesetz treffen? Weil Gott in der (interpretationsbedürftigen) Sprache der Menschen gesprochen hat (eine andere hätten sie ja auch nicht verstanden) und deshalb jede Generation verpflichtet ist, die Tora “in der Sprache ihrer Zeit” zu lesen (so raffiniert waren die Rabbinen der Talmudzeit).
02.02.09 - 12:53
75. heinrich
@ Abraham
Auf das weitere Felds hast doch du mich gelockt, durch deinen Satz, der überhaupt erst so recht verständlich wird durch deine Erläuterung, die ich interessant finde und für die ich mich artig bedanke.
Wenn ich es recht bedenke, waren deine rabulistischen Rabbinisten nicht nur raffiniert, sondern weise, indem sie für die Zukunft einen Bruch zwischen tradierten Überzeugungen und sich entwickelndem Weltwissen und Weltverhalten verhinderten. Das gilt entsprechend ja auch für die katholische Kirche, von der ich mal ein Honorar für meine Erläuterungen einfordern sollte, abgesehen vom “Lehramt”, das aber eben neben der autoritativen Seite auch den Vorteil der Eindeutigkeit und Übersichtlichkeit hat, im Vergleich zu der Uneinigkeit und Unübersichtlichkeit bei den Protestanten und wohl auch bei den Juden.. In einem Kommentar zu einem theologischen Dissens zwischen Rom und den evangelischen Kirchen, zu dem Rom eine Entscheidung getroffen hat, lese ich den Satz: “Dabei äußerte sich Rom in jener imponierend imperialen Eindeutigkeit, die den Protestanten immer wieder ein neidvolles Staunen abnötigt”.
Über das Missverständnis der “Unfehlbarkeit”, das mir hier entgegenweht, will ich nur soviel sagen, dass es eins ist. Das unselige Unfehlbarkeitsdogma, dessen Verkündigung Ende des 19. Jh. das kirchliche Lehramt auf die Person des Papstes fixiert hat und einen intelligenten und kritischen Teil der deutschen Bischöfe zur Abspaltung geführt hat, wird über kurz oder lang auch fallen. Aber es wird nicht einfach widerrufen werden, sondern eine Neuinterpretation erfahren, bei der man sich fragen wird, wieso man das nicht immer schon so verstanden hat. Rabulistisch-raffiniert eben. In dem sinne, wie der o.gen. Kommentar weitergeht: “Das glasklare njet wurde zudem diplomatisch so geschickt serviert, daß die meisten Nachrichtenagenturen zunächst sogar ein Ja aus Rom zu vermelden wußten”.
Am Ende wird es aber, wie schon tausend Jahre vor Luther, heißen:
“Roma locuta, causa finita.”, eine Formel, die inzwischen selbst fpr die Urteile des Bundesgerichtshofes beispielgebend geworden ist:
“Rom hat gesprochen, der Fall ist erledigt”.
02.02.09 - 13:58
76. Abraham
@ Heinrich
Ich kann mit der jüdischen Uneinigkeit und Unübersichtlichkeit gut leben, auch deshalb, weil das Judentum im Laufe der Jahrhunderte dazu ganz gute Strategien entwickelt hat. Die eine ist, dass wir zu “theologischen” Fragen (Unsrerblichkeit der Seele, Erlösung, Leben nach dem Tod usw) keine eindeutigen Antworten erwarten und die Widersprüche eines “sowohl als auch” von scheinbar unvereinbaren Positionen ertragen können. Das andere sind die “autoritativen” Entscheidungen der einzelnen Rabbiner, die tatsächlich für den, der ein Responsum angefordert hat, verbindlich zu sein haben. Die rabbinische Tradition verpflichtet den entscheidenden Rabbiner, zunächst umfassend die traditionellen Quellen (Bibel, Talmud, Schulcha Aruch) und die vor ihm getroffenen Entscheidungen mit zu bedenken und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Erst dann kann er seine Entscheidung treffen. Dies hat bisher für eine gewisse Einheitlichkeit der “Rechtssprechung” geführt, obwohl sich im Judentum immer wieder neue Strömungen herausgebildet haben. Dies gilt – mit Einschrenkungen – auch bei der derzeitigen Spaltung zwischen den orthodoxen und den nicht-orthodoxen (konservativen und liberalen) Strömungen des Judentums.
Auf die traditionellen Quellen stützen sich auch liberale Rabbiner, die allerdings zusätzlich auch “außerjüdische” ethische Normen (wie die Menschenrechte) berücksichtigen und deshalb manches, was das traditionelle jüdische Gesetz erlauben würde, verbieten. Umgekehrt erlauben sie auch manches traditionell Verbotenes, weil sie in dem Verbot eine Verletzung “höherwertigerer” Gebote sehen (eine Hirarchisierung der Gebote lehnt die Orthodoxie ab, ohne ihr gänzlich entgehen zu können). Ein wichtiger Grundsatz für die Rabbiner ist die Erhaltung des “Klal Jisrael”, der Einheit des Volkes Israel. Dies führt dazu, dass man gelegentlich davon absieht, etwas zu praktizieren, was man eigentlich für zulässig hält, was aber die Spaltung unter den Strömungen vertiefen könnte. So zögern z.B. die Liberalen in Europa, für gleichgeschlechtliche Paare eine mit der traditionellen Eheschließung identische Heiratszeremonie durchzuführen, und weichen auf andere Rituale aus. Der Kompromissbereitschaft kann aber nicht das Grundsätzliche geopfert werden, also die Anerkennung der Gleichwertigkeit aller Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung (die sich daraus ableitet, weil alle Menschen von Gott geschaffen sind).
Können wir damit den Exkurs abschließen?
02.02.09 - 14:51
77. Uwe Theel
@ abraham und heinrich
Auch auf die Gefahr hin, mich als marxistischem Protestanten vollends zu blamieren, aber solche Sätze sprechen mich an, überzeugen mich:
“Auch wenn sich das “Wesen Gottes” der rationalen Erkenntnis entzieht, ist uns seine Offenbarung gegeben. Leo Baeck nennt dies eine Polarität zwischen Geheimnis und Gebot. Nach jüdischer Tradition unterliegen die Entscheidungen über das Religionsgesetz den Menschen, nicht Gott, weil die Torah (die Gesamtheit der “Lehre”) nicht mehr im Himmel, sondern auf der Erde ist. So versteht es jedanfalls die jüdische Tradition.”
“Wieso kann man Entscheidungen über das von Gott gegebene Gesetz treffen? Weil Gott in der (interpretationsbedürftigen) Sprache der Menschen gesprochen hat (eine andere hätten sie ja auch nicht verstanden) und deshalb jede Generation verpflichtet ist, die Tora “in der Sprache ihrer Zeit” zu lesen (so raffiniert waren die Rabbinen der Talmudzeit).”
Ich lasse das in meinem Verständnis protestantischen Glauvbens glatt für mich gelten.Was ich über die Unmittelbarkeit der Offenbarung Gottes hier im Thread geschrieben habe, läßt sich m.E. so begründen.
Jetzt bitte ich genauso glatt drum, dass mir der advocatus diaboli dieses Threads erklärte, warum das nicht ginge, insbesondere, warum ein aufgeklärter Protestant sich nicht auf Schrift und (+) Auslegung auf Erden gleich (=) Tradition verlassen dürfte, wenn er, sagen wir, ein friedliches Erbe Münzers in der Linie von Luther antreten wollte?
Oder anders Fomuliert, heinrich: Worin besteht der Unterschied in protestantischer, gegenüber katholischer Bibelauslegung und deren Anwendung und was macht sie dabei unvereinbar (Du schreibst, wenn ich richtig verstand, die katholische Kirche könnte die Auslegung für die Zukunft fortschreiben, die evangelische Kirche wäre auf eine ursprüngliche (?) Lesart festgelgt?)
02.02.09 - 14:56
78. heinrich
Können wir damit den Exkurs abschließen?
Aye, Aye, Sir!
Roma locuta, causa finita!
@ Uwe
Da bin ich zumindest in Teilen missverstanden worden oder habe mich missverständlich ausgedrückt. Darauf kann ich aber aus Zeitgründen heute wohl gar nicht mehr und morgen allenfalls kurz eingehen.
02.02.09 - 16:30
79. Uwe Theel
@78. heinrich
“Können täten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns nicht getraut” (Karl Valentin)
Auf Deine Beiträge, heinrich, warte ich auch gerne etwas länger, besonders, da sie immer länger als kurz sind.
Gruß
Uwe
02.02.09 - 18:10
80. rudi
So sind die Begrifflichkeiten verteilt. Die Geschichte hat’s nicht hervorgebracht: einen positiven Begriff für die Atheisten zu finden. Atheist, das klingt negativ. Das hört sich an nach Dagegensein. Das ist das Nichts, das nichtet. Gegenüber entwickelte sich ein reicher Wortschatz, der für die Benennung der Gläubigen zur Verfügung steht: Katholik, Protestant, Lutheraner, Buddhist, Muslim, Jude, Zeuge Jehovas, Methodist, Presbyterianer, Anglikaner, Calvinist, Buddhist usw. usf. Das sind Wortschöpfungen, die Nuancen der Glaubensstile zum Ausdruck bringen. Und auf der anderen Seite steht der Atheist, dessen Vertreter es nicht schafften, einen Begriff zu finden, der das Abwertende entwendet. Das hängt sicher mit den Ritualen zusammen, die bezeichnet, die ausgeformt und beschrieben werden. Viele Ereignisse, die das Jahr der Gläubigen strukturieren, bedürfen einer Sprache. Abspaltungen und Neugründungen von Religionsgemeinschaften ließen Begriffe entstehen, die sich zu Fachsprachen entwickelten. Dem hat der Atheist nichts entgegenzusetzen. Er hat nicht mal eine Ahnung davon, was ein religiöses Gefühl ist. Atheist ist ein Schimpfwort. Abtrünnige, die sich einer anderen Variante des Glaubens zuwendeten, wurden von den Vertretern der reinen Lehre gerne als solche bezeichnet. Es schwingt das Feindliche mit, das dem Häretiker, wenn er Glück hatte, nur hinterhergerufen wurde. Atheisten haben es nie geschafft, sich überdauernd zu organisieren. Sie leben in einer Welt mit den Gläubigen, sie müssen sich arrangieren. Ich komme schon dann in den Zwiespalt, wenn ich meine Tochter zum ersten Schultag begleite, und dieser beginnt mit einem Gottesdienst. Da kann ich zu einem sechsjährigen Kind nicht sagen, es dürfe mit seiner Schultüte als einziges Kind nicht rein. Ich muss eintreten in das Haus der Riten und dieses Schauspiel über mich ergehen lassen. Es sind Strukturen von Gläubigen gesetzt, denen ich mich dem papierenen Gesetz nach entziehen könnte, doch diese Strukturen wirken in die Lebenspraxis hinein, sie üben mindestens psychischen Druck aus, den ich anhand des kleinen Beispiels versuchte zu beschreiben.
02.02.09 - 18:23
81. Uwe Theel
@80. rudi
Rudi, wie meinst Du das “So” in “So sind die Begrifflichkeiten verteilt.”?
Freilich in under gesellschaft findest Du die Wirklichkeit Deiner Schilderung und da will ich Dir kein Wort abknappsen oder Dich scheel ansehen.
Hier aber erscheint Dein Beitrag als Reaktion auf weitere Beiträge im Blog. Sehe ich von wenigen stumpfsinnigen, irrelevanten Einlassungen ab, die Dich sowieso nicht erreichen können, so kannst Du hier, so glaube ich keinen Diskutanten finden, der “so” dächte oder fühlte, wie Du sagtest – bei aller Differenz der Aussage.
02.02.09 - 19:09
82. Abraham
@ # 80 Rudi
Aber so wie Ihnen geht es doch auch allen muslimischen oder jüdischen Familien am ersten Schultag. Und auch ein Norddeutscher wird im rheinischen Karneval mit fremdartigen Ritualen konfrontiert.
Außerdem hat Heinrich recht: Nicht diejenigen, denen Religion fremd ist, werden in der heutigen Gesellschaft angegriffen, sondern diejenigen, die zu ihrer Religion stehen und diese nicht im Widerspruch zur Aufklärung sehen. Sehen Sie sich doch die entsprechenden Diskussionen im Bronski-Blog an.
02.02.09 - 20:56
83. sonne
Moinmoin! Hab mich bis jetzt aus Ihrem gelehrten Streit herausgehalten, weil ich derzeit mit einem einschlägigen Buch zugange bin, das ich allen zur Lektüre wärmstens empfehle:
Christopher Hitchens: Der Herr ist kein Hirte, München 2007, 4. Auflage
Wer dieses Buch gelesen hat, ist mit dem Thema Religion, ganz gleich welcher Coleur, ein für alle mal durch.
Von mir aus kann jeder glauben, was er will, solang er es privat im stillen Kämmerlein für sich tut. Sobald sich Religion jedoch organisiert, um ihren unheilvollen Einfluss auf Politik und Gesellschaft auszuüben, hat man allen Grund, sich zu Tode zu fürchten.
02.02.09 - 21:28
84. Uwe Theel
@83. sonne
Liebeb Sonne,
können Sie nach ihrer Lektüre die folgende im Rahmen einer Hitchen-Rezension von Herbert Huber unter
http://www.gavagai.de/philrezi/th/HHPRZTH06.htm
gemachte Zusammenfassung:
“Christopher Hitchens vertritt die These, dass der Atheismus nicht nur endlich toleriert werden sollte, sondern weitergehend, dass Religion für viele Übel in Geschichte und Gegenwart verantwortlich ist. Obwohl er am ehesten Thomas Hobbes zustimmt, der das Böse in allen Menschen angelegt sah (also nicht pauschal die Gottesgläubigen alleine als böse abkanzelt wie es Richard Dawkins tut), meint Hitchens, dass Religionen genau dieses Böse im Menschen verstärken oder zumindest eine große Gefahr dafür besteht. Er führt dazu sehr viele Beispiele aus den grossen Religionen an. Im Gegensatz zu z.B. Sam Harris (hitchens Vergleichsliteratur) schont er dabei das Judentum nicht. Wenn er die martialischen muslimischen Bräuche nennt, behandelt er auch Beschneidung und Schächtung.
Er weist für alle Religionen darauf hin, dass sie den Opferkult pflegen. Eines der schlimmsten Beispiele ist wohl Abraham, der ohne zu Zögern auf bloßen göttlichen Befehl seinen Sohn opfern will. Der Angriff am 11.9. ist nur quantitativ schlimmer.”
bestätigen?
Wenn ja, dann sagen Sie mir bitte, wie Sie solche Aussagen von der grundsätzlichen Bösartigkeit der Menschen, der er nicht entrinnen könne, zustimmen können? – Selbst der finsterste Katholizismus den man sich vorstellen könnte, verspricht wenigstens eine Möglichkeit der Erlösung vom Bösen.
Im Übrigen, wenn es stimmt, dass Hitchen argumentiert (s. Huber, a.a.O.)
“Hitchens belegt auch die These (wenn sie denn noch weiterer Belege bedarf), dass die Wissenschaft viele religiöse Mythen als falsch erwiesen hat und zudem Erklärungen lieferte, die der Mythen nicht mehr bedürfen um die Welt zu erklären (S. 151).”
dann müsste Hitchen erst einmal beweisen, dass diese Annahme des Bösen bei Hobbes nicht auch nur ein Mythos wäre, der seinem eigenen Verdikt zum Opfer fallen müsste.
Weniger mythisch-religiös, wie die kritisierte Religion, kommen mir solche Ansätze auch nicht vor.
Übrigens: Auch Atheisten können Böses tun. Dann kann Religion selbst nicht gefährlicher sein, und Sie müssen sich in jedem Fall “zu Tode zu fürchten”.
02.02.09 - 22:05
85. regula
Schon blöd, dass ich scheinbar immer noch inmitten von Idioten aus dem 19. und 20. Jh. leben muss, die immer noch nicht Folgendes begriffen zu haben scheinen:
Solange es immer noch Körper (und Blog-Schreiberlinge) gibt, die glauben, es gäbe so etwas wie “Juden”, “Araber”, “Katholiken”, “Deutsche” etc. (oder die glauben, sie könnten sich gar selbst als solche bezeichnen), solange wird es immer noch veraltete Debatten, Blogs und Kriege geben.
Zum letzten Mal: für perfekte globalisierte pragmatische Mediziner und zukünftige perfekt ausgebildete “Menschen” im 22. Jahrhundert wird es keine “Juden”, “Katholiken”, “Deutsche” etc. mehr geben, sondern nur noch individuelle Körper und Genome (z.B. Genom XX-212-hsp.231.aa.b_p53_f2:hh.e – das bin ich, Regula Oser), die mehr oder weniger große Ähnlichkeiten untereinander aufweisen.
(Und übrigens: die meisten Unterschiede zwischen Genomen laufen nicht entlang von ethnischen Stereotypen und Kategorisierungen).
Die Ärzte werden im 22. Jahrhundert genug zu tun haben damit, Krebs und andere Krankheiten etc. perfekt in Schach zu halten. Diese Ärzte brauchen nicht auch noch blödsinnige Debatten um die Existenz von “Juden”, “Amerikanern”, “Katholiken” etc. – denn es gibt nur Körper.
Damit haben die Ärzte schon genug zu tun…
02.02.09 - 23:19
86. BvG
1, 2 oder 3 ?
Es ist überhaupt nicht notwendig, daß der Mensch von Gott weiß.
Logisch kann man nur sagen, daß man alle Auffassungen zulassen muß, weil sie zur eigenen Erkenntnis beitragen. Wenn man sie nicht zuläßt, verhindert man die eigene Erkenntnis. Man verweigert die eigene Erlösung.
“Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr , wenn das Licht angeht…”
02.02.09 - 23:26
87. BvG
@regula
Menschen ohne Hoffnung werden krank.
02.02.09 - 23:39
88. Uwe Theel
@85. regula
“Scheinbar” haben so “Idioten” wie ich als Mensch, ihnen als als “Genom” oder auch Erbgut “Regula Oser”, nämlich der Gesamtheit der vererbbaren Informationen einer Zelle eines Lebewesens, die als Desoxyribonukleinsäure (DNA) vorliegt, voraus, dass ich meine Mitmenschen nicht beleidige. Außerdem bin ich froh, dass mein Horizont über das Denken von Zellhaufen, Medizinern und sonstigen Körpern etwas hinausgeht, aber sie wollen sich ja offensichtlich fachmännisch vermehren. – Ihr Lieblingsfim müsste , wenn es so etwas für eine DNA überhaupt gibt, wohl “Invasion der Körperfresser” von Don Siegel sein?
03.02.09 - 00:10
89. sonne
@ Uwe Theel: Um es gleich vorweg klar zu stellen: Die Ausführungen, die Sie zitieren, lesen muten so isoliert ziemlich antisemitisch an. Das relativiert sich aber, wenn man dann sieht, wie Hitchen in derselben Weise mit dem Islam, dem Christentum, dem Buddhismus usw. ins Gericht geht. Und zwar so heftig (und dabei fakten- und kenntnisreich), das ich das Buch zwischenzeitlich immer wieder zur Seite legen musste, um meine Fassung wieder zu gewinnen.
Hitchen hat an diesem Buch fast sein ganzes Leben geschrieben, er hat Fakten gesammelt und Zusammenhänge hergestellt, wie man es in dieser Weise selten findet.
“Obwohl er am ehesten Thomas Hobbes zustimmt, der das Böse in allen Menschen angelegt sah (also nicht pauschal die Gottesgläubigen alleine als böse abkanzelt wie es Richard Dawkins tut), meint Hitchens, dass Religionen genau dieses Böse im Menschen verstärken oder zumindest eine große Gefahr dafür besteht.”
So habe ich den Autor nicht verstanden. Er lässt sich m.E. über “das Böse im Menschen” überhaupt nicht aus. Wohl aber über die urtümliche Angst des Menschen, die ihn dazu verleitet, sich ein Wunschbild hinsichtlich Erlösung zu machen. Im Gegenteil, Hitchen ist der Meinung, das jeder Mensch ein angebotenes Gewissen hat und der Religion überhaupt nicht bedarf, um ethisch zu handeln.
Ganz im Gegenteil, und dies demonstriert er an einer ihm häufig gestellten Fangfrage: “Nehmen wir an, Sie sind in einer Großstadt nachts unterwegs und begegnen einer Gruppe von Männern. Würden Sie sich sicherer fühlen, wenn diese Männer gerade von einer religiösen Veranstaltung kämen?” Antwort: “Ich fange mal mit dem Buchstaben B für in Frage kommende Städte an, in denen ich derartige Erfahrungen gemacht habe: Belgard, Belfast, Bagdad. In allen diesen Städten würde ich mich im höhsten Maße gefährdet sehen, wenn diese Männer aus einer religiösen Veranstaltung kämen, und sicherer, wenn sie es nicht täten.”(Hab ich jetzt aus dem Kopf zitiert) D. h. religiöser Glaube macht Menschen überhaupt erst gefährlich.
“Auch Atheisten können Böses tun. Dann kann Religion selbst nicht gefährlicher sein, und Sie müssen sich in jedem Fall “zu Tode zu fürchten”.”
Hitchen befasst sich mit diesem Punkt gegen Ende seines Buches sehr ausführlich, und zwar am Beispiel des Faschismus, des Stalinismus u.a. Und da möchte ich Ihnen einfach mal eine kleine und feine Leseprobe anbieten:
“Die am häufigsten genannten Beispiele – Hitlers und Stalins Regime – zeigen uns mit erschreckender Klarheit, was geschehen kann, wenn sich Menschen die Rolle von Göttern anmaßen. Im Gespräch mit säkularen und atheistischen Freunden höre ich immer wieder, dass ihnen dieser Einwand von gläubigen Zuhörern am häufigsten entgegen gebracht wird. Dieser Punkt verdient daher eine ausführliche Würdigung.
Um einer mit etwas billigen Anmerkung zu beginnen: Es ist doch interessant, dass gläubige Menschen sich heute gerne damit rechtfertigen, dass sie nicht schlimmer seien als Faschisten, Nazis oder Stalinisten – bedauerlich, dass sich die Religion nicht mehr Würde bewahrt hat.” (S. 278)
Das ist aber nicht alles, Hitchen macht deutlich, wie Vatikan und Faschismus kooperierten und beschreibt, wie Stalin sich den religiösen Totalitarismus zu Nutze machte.
03.02.09 - 00:10
90. Uwe Theel
@89. sonne
Liebe Sonne,
ich fürchte so können Sie Hitchen nicht retten:
1) Dass Hitchen von allen Denominationen das Gleiche annimmt macht es im Einzelfall weder weniger schlimm, noch schlimmer als es schlimm ist.
2) Vom Angstgetriebensein, dem der Mensch nicht entrinnen könne ist es zur Bezeichnung des daraus resultierenden Verhaltens als Böse nur ein Schritt auf dem selben Terrain.
3) Wenn Hitchen oder Sie dann prompt den Faschismus oder Stalinismus als genau das Böse, dass sich für Gott hält identifizieren, dann sind Sie gedanklich genau da, wo Sie glaubten mir gerade belegen zu können, dass Hitchen nicht wäre. – Zudem, weder Stalinismus noch Faschismus haben auch nur irgendwie religiöse Wurzeln, sondern entspringen gänzlich Gründen, die ganz profaner Natur sind. Wenn sich dabei der religiösen Haltungen der Menschen überhaupt bedient wird, oder diese ausgenutzt werden, dann bestimmt nicht aus Gründen die mit dem, was Menschen gemeinhin für Religion halten zu tun hätte.
4) Niemand muss an Gott glauben, wenn er dies nicht tun will oder kann, aber dann sollte er auch, gewissermaßen als Ersatz, nicht an solch, diesseitige, unwissenschaftliche Dinge, wie dem Menschen als einem unvermeidlich angstgetriebenem Wesen, den die Religion nur noch ängstlicher und schließlich Böse mache, glauben.
- Aber niemand kann Sie auch davon abhalten sich als programmiertes Genom, wie o. Regula Oser zu sehen, die allenfalls, wenn nicht nur eines Reagenzglases und Labortechnikers, so doch einen Mediziner und andere Körper für Ihre Fortpflanzung ohne Ziel zu brauchen scheint. Da ist man dann ganz angsfrei, wie die “Pflanzen” in dem von mir zitierten Film “Die Invasion der Körperfresser”.
03.02.09 - 00:39
91. sonne
Lieber Herr Theel, wovor vor wem sollte ich Hitchen retten wollen – vor Ihnen? ;-)
ad 1) ” Dass Hitchen von allen Denominationen das Gleiche annimmt macht es im Einzelfall weder weniger schlimm, noch schlimmer als es schlimm ist.” Den Satz habe ich ehrlich gesagt nicht verstanden.
2. Das Angstgetriebensein ist für Hitchen lediglich das Motiv dafür, dass Menschen sich in Urzeiten eine Religion und einen Gott geschaffen haben – nicht die Quelle des Bösen. Vielleicht habe ich mich da etwas unklar ausgedrückt. Vielmehr zeigt Hitchen auf, wie aus religiöser Praxis Böses entsteht: aus unmenschlichen, widersprüchlichen und nicht zu befolgenden moralischen Forderungen und repressive Sexualnormen über Schuld, Abwertung, systematische Ängstigung, unweigerlicher Verstrickung in “Sünde” usw. Er meint, heutzutage benötign wir den ganzen altn Plunder nicht mehr – wir haben bessere Erklärungen.
3. Was Faschismus,Stalinismus und Totalitarismus betrifft: Über den Ursprung liefert Hitchen keine Erklärung, sondern er zeigt die Kooperationen auf und wie sich diese Systeme aus dem vorhandenen religösen Arsenal bedienten.
In einem stimme ich Ihnen zu: Ein bisschen holzschnittartig ist natürlich seine Argumentation schon, wenn er, wie ich es jetzt etwas versimple und verkürze, Religion als das Böse und Wissenschaft und Aufklärung als das Gute darstellt. Damit sind längst nicht alle Fragen beantwortet, z.B. lässt sich ein solches Phänomen, dass ein Mensch seine Niere verkauft, um seine Familie zu ernähren, ganz sicher nicht aus der Religion erklären, sondern aus dem wissenschaftlichen Fortschritt, den politischen Systemen usw..
Hitchen ist Religionskritiker, kein Systemkritiker, und er sieht sich in der Tradition der Aufklärung und des Humanismus. Ich erwarte von einem Buch natürlich nicht, dass es alle Fragen der Welt beantworte, sondern gestehe ihm zu, dass er sich mit einem isolierten Aspekt des Daseins ausführlich beschäftigt.
Das sympathische an Hitchen ist ja gerade, dass er gar nicht beansprucht, auf alles Antworten geben zu können. Mit seinen Worten: Die Philosophie als Praxis des Fragens fängt da an, wo die Religion mit ihren Antworten endet. Und mir selbst kommen da natürlich schon eine Reihe von Gedanken, denn unser Tanz ums goldene Kalb zeigt eine ganze Reihe von Parallelen zur von Hitchens beschriebener mörderischer Religiosität.
03.02.09 - 09:02
92. Abraham
@ Sonne
Die Zitate von Hitchen deuten auf Polemik, Manipulation, Generalisierung und Unkenntnis.
Beispiel für suggestive Manipulation: “Nehmen wir an, Sie sind in einer Großstadt nachts unterwegs und begegnen einer Gruppe von Männern. Würden Sie sich sicherer fühlen, wenn diese Männer gerade von einer religiösen Veranstaltung kämen?”
In München, Berlin, Paris oder Prag würde sich ein als jüdisch erkennbarer Mensch unter Männern, die aus einem katholischen oder evangelischen Gottesdienst kommen, sicher fühlen können, nicht aber unter den aus einer Kneipe kommenden Fußballfans. Eine Frau wäre unter den aus einem Gottesdienst kommenden Muslimen in München genauso sicher, wie ein weißer Mann unter Gottesdienstbesuchern in Harlem oder unter orthodoxen Juden in Brooklyn.
Beispiel für Unkenntnis:
Die biblische Geschichte über die “Bindung Isaaks” (so heißt die Geschichte im Judentum, um zu unterstreichen, dass Isaak nicht geopfert wurde) hat offensichtlich die Funktion, das religiöse Menschenopfer zu verbieten. Es sollte am Beispiel Abrahams wohl auch zeigen, dass die Israeliten nicht “feige” zum Menschenopfer waren, sondern dass dieses Opfer von Gott nicht gewünscht war. In der jüdischen Tradition gibt es eine intensive kritische Auseinandersetzung mit dieser Bibelstelle. Die Apologeten argumentieren, Abraham hätte Isaak sowieso nicht getötet, weil er wußte, Gott würde es nicht zulassen. Die Kritiker schließen aus der Geschichte, dass der Mensch für seine Taten moralisch verantwortlich ist und sich auch Gott wiedersetzen müsste, wenn dieser von ihm falsches Handeln verlangen würde. Wieso macht also diese biblische Geschichte “religiöse Menschen gefährlich”?
Wenn Hitchen schließlich Unterdrückung der Sexualität und die Angst vor Sünde als negative Folgen der Religion anprangert, generalisiert er unzulässig. Nicht alle Religionen sind sexualfeindlich und nicht alle Religionen drohen Sündern mit der Hölle.
Religionen wurden und werden von Menschen mißbraucht, wie andere Ideen auch. Ohne Religion wäre aber eine Entwicklung der sozialen und zwischenmenschlichen Ethik wahrscheinlich nicht erfolgt, was nicht heißt, dass heute auch eine nichtreligiöse Begründung der Ethik nicht möglich ist.
03.02.09 - 09:50
93. sonne
Beispiel für suggestive Manipulation: “Nehmen wir an, Sie sind in einer Großstadt nachts unterwegs und begegnen einer Gruppe von Männern. Würden Sie sich sicherer fühlen, wenn diese Männer gerade von einer religiösen Veranstaltung kämen?”
Ich möchte darauf hinweisen, das zunächst mal die Fragestellung durch einen Evangelikalen suggestiv und manipulativ war; und Hitchens konnte es nicht lassen, diese Steilvorlage entsprechend zu nutzen. In der Tat ist er oftmals polemisch.
Ihr zweites Beispiel zeigt, dass die biblische Geschichte von Abraham der Interpretation bedarf. Und hier zeigt sich in der Tat, dass Hitchens sich in erster Linie an fundametalistischen Positionen abarbeitet, die die Bibel sehr wörtlich nehmen. Aber er weist auch darauf hin, dass es auch um reine Auslegungsfragen mörderische Konflikte gegeben hat.
“Ohne Religion wäre aber eine Entwicklung der sozialen und zwischenmenschlichen Ethik wahrscheinlich nicht erfolgt, was nicht heißt, dass heute auch eine nichtreligiöse Begründung der Ethik nicht möglich ist.”
Die erste Aussage wird von Hitchen bestritten, mit der Begründiung, das die religiösen ethischen Forderungen weder widerspruchsfrei noch leistbar sind und dass die religiöse Praxis mit der religiösen Ethik schon immer im Widerspruch stand. Die zweite Aussage wird auch von ihm selbst explizit so formuliert.
03.02.09 - 10:46
94. Abraham
@ # 93. Sonne
Aber was hat dann Hitschens mit seiner polemischen Antwort auf eine polemische Frage bewiesen? Niemand bestreitet, dass Religion auch zur Gewalt führen kann. Nur ist dadurch die Religion nicht per se, wie es Hitschens suggeriert, gewaltstiftend. Oder bestreiten Sie meine Gegenbeispiele?
Zweitens antworten Sie mir, dass “Hitchen sich in erster Linie an fundametalistischen Positionen abarbeitet, die die Bibel sehr wörtlich nehmen”. Aber dann ist Hitschen selber ein “Fundamentalist”, weil er – wie die religiösen Fundamentalisten – die Religion auf den “Wortlaut” der Offenbarungsschriften verkürzt. Natürlich bedarf der Bibeltext einer “Interpretation”, einer “Umsetzung” in die religiöse Praxis, was aber ein wesentliches Merkmal der tatsächlich gelebten Religionen darstellt und nicht ausgeblendet werden kann. Hitschen und andere Religionsbekämpfer basteln sich ein simplifiziertes, “böses” Bild der Religionen, auf das sich wunderbar einprügeln läßt.
Die Kritik am Widerspruch der (religiösen) Praxis und der religiösen Ethik finden sie schon bei den biblischen Propheten. Das ändert doch aber an der Tatsache nichts, dass diese Ethik aus der Religion entstanden ist.
03.02.09 - 11:21
95. heinrich
@ Uwe #77
“Selbst wenn ich mich blamiere”, ich bitte dich! Wir schreiben doch hier auch aus dem Grunde, um unsere Überlegungen und Überzeugungen aufgrund der Kritik und des Widerspruchs der anderen zu festigen oder zu überdenken, nehme ich mal an.
Selbstverständlich versuchen auch die evangelischen Theologen und Prediger, die Bedeutung der biblischen Texte aus dem jeweiligen Zeitverständnis heraus zu begreifen und dem jeweiligen Zeitverständnis nahezubringen. Das geht ja auch gar nicht anders. Die theologische Disziplin der Hermeneutik reflektiert die entsprechenden Bedingungen und Methoden.
Der Bruch, von dem ich sprach, lässt sich unter dem Namen “Fragmentenstreit” nachlesen, da tut sich eine Kluft auf zwischen der lutherischen Orthodoxie und der “Liberalen Theologie”, die es so in der katholischen Theologie wegen des Lehramtes nicht gibt. Das wollte ich an der Stelle sagen, und für eine Vertiefung der theologischen Diskussion ist hier nicht der richtige Ort und bin ich auch nicht der richtige Diskussionspartner.
Was du für dich als protestantischer Marxist gelten lässt, das ist sowieso ganz allein deine Sache, ich nehme aber nicht an, dass du dich gerade zu den Fundamentalisten hingezogen fühlst. Nur auf die bezog sich mein Urteil der Unbeweglichkeit.
03.02.09 - 11:23
96. sonne
@ Abraham: “Hitschen und andere Religionsbekämpfer basteln sich ein simplifiziertes, “böses” Bild der Religionen, auf das sich wunderbar einprügeln läßt.” Das stimmt, und stimmt auch wieder nicht. Es stimmt insofern, als Hitchen in der Tat zunächst einmal die gewalttätigen Fakten anführt, und alles andere ausblendet. Aber er würde behaupten, dass die ethische Seite, die die Religionen für sich beanspruchen, auch ohne die Religionen entstanden wäre.
“Niemand bestreitet, dass Religion auch zur Gewalt führen kann. Nur ist dadurch die Religion nicht per se, wie es Hitschens suggeriert, gewaltstiftend. Oder bestreiten Sie meine Gegenbeispiele?”
Nein, Ihre Gegenbeispiele bestreite ich gar nicht. Sie belegen lediglich, dass es auch nicht religiös motivierte Gewalt gibt und dass Religiosität nicht in jedem Fall zur Gewallt führen muss. Das ist aber auch gar nicht die Behauptung. Hitchen zeigt die Fälle, wo in Namen der Religion Gewalt ausgeübt wurde, und das ist schon eine ziemlich beeindruckende Sammlung. Zudem macht er deutlich, wo das Aggressionspotential herkommt und welche Rolle dabei das dogmatische Denken spielt.
03.02.09 - 12:22
97. Werner Thiele-Schlesier
In der Diskusssion um Ethik ohne Religion, wird immer verschwiegen, dass Religionen neben sich keine anderen geduldet haben, wie die Hexenverbrennungen beweisen. Da konnte also kein ethischer Atheismus entstehen. Den Atheisten hier aber vorwerfen, sie seien dogmatisch, finde ich dann doch etwas zu kurz gegriffen.
03.02.09 - 12:31
98. heinrich
@ Uwe, # 81; Abraham # 82
“Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie mal war!”, und “Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es jetzt schon ist!” (Karl Valentin)
Die Diskutanten hier sind die eine Sache, die Wirklichkeit im gesellschaftlichen Umfeld ist die andere, ok., aber da es hier um die Frage von Miteinander bzw. Gegeneinander unterschiedlicher weltanschaulicher Auffassungen geht, ist Rudis Beitrag keinesfalls deplatziert, sondern verdient es, ernster genommen zu werden, auch als Abraham dies hier tut, der wohl beim Schreiben seines verharmlosenden Karnevalsbeitrag selber schon die Faschings-Narrenkappe aufhatte. Dass es jüdischen und muslimischen Familien genauso geht, relativiert ja nicht Rudis Problem, sondern bestätigt es von anderer Seite.
@ Rudi
Ich habe den “Atheisten” nach typischen Merkmalen deiner Negativ-Beschreibung religiösen Lebens und Diskurses herauskristallisiert. Das ist ein Begriff, auf den ich dich nicht festnageln möchte, wenn du ihn als abwertend empfindest und du mir eine treffendere begriffliche Charakterisierung anbietest. Soweit ich sehe, ist er in den modernen Sprachgebrauch nicht als Verdikt der Kirche – Häretiker sind Häretiker und keine Atheisten – hineingelangt, sondern durch die Diskussionen der französischen Aufklärer, der “Encyclopedisten”, La Mettrie, Diderot, Holbach, Voltaire, die mehr oder weniger materialistisch-atheistischen Vorstellungen anhingen und deren Schriften aber auch damals schon nicht frei waren von z. Teil berechtigten Angriffen auf die Kirche, z.T. aber auch simplifizierenden Erklärungen, wie der vom “Pfaffentrug”, an die sich auch in deinem Beitrag Anklänge finden.
Du bestätigst ja meine Sicht, dass die Atheisten sich nur in der Negation finden und zusammenfinden und dies auch ihr einziger Kitt ist, der sie zusammenhält. Das machen sie selber, nicht ihre feindliche oder fremde religiöse Umwelt.
Was du beschreibst, ist allerdings ein ernstes Problem, mit dem – ich sage jetzt mal neutral “Nichtreligiöse”, ob nun Atheisten, Materialisten, Agnostiker, Pantheisten, säkulare Humanisten, Freimaurer oder sonstwelche (du weißt selber, dass es auch hier feine begriffliche Unterscheidungen gibt), – innerhalb einer sozialen Umwelt haben, in der Religiöse und Religionen so etwas wie eine weltanschauliche Hegemonie haben.
Das ist übrigens regional und lokal sehr unterschiedlich. Bei mir in Bremen wären die Religiösen in bestimmten Szenarien in deiner Lage und umgekehrt. Stell’ dir vor, der anderswo heiß bekämpfte konfessionelle Religionsunterricht wird abgeschafft zugunsten eines neutralen und von nicht konfessionsgebundenen Lehrern unterrichteten religions- und weltanschaulichen Unterrichts und keiner geht hin!
Kurz und gut: Das Feindliche, das du empfindest, darf natürlich in einer säkularen Gesellschaft ebenso wenig Platz haben wie feindliche Attitüden gegenüber religiösen Menschen und Institutionen. Ich habe hier wirklich niemand anderen Zur Hand als den von dir verschmähten antiquierten Lessing, dessen Postulate bezüglich gegenseitigen Verstehens und Tolerierens in unserer Gesellschaft offenbar noch nicht eingeholt sind.
Du lebst, ob dir das Spaß macht, in einer Gesellschaft, die durch christliche Kulturtraditionen geprägt ist, auch wenn die politischen Exponenten sich das als Etikett noch so bigott und zu Unrecht anheften. Will sagen: auch wenn du in meinem Umfeld lebtest, müsstest du um eine gemäße Antwort auf die die Frage deiner Kinder ringen, wer, zum Teufel, denn Gott sei, und sie werden sich ggf. ungerecht behandelt fühlen, wenn ihre Materie sich nach ihrem Tod in den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen begeben muss, während die Seele von Lena in den Himmel entschweben darf.
Sexualfeindlichkeit der Kirche, ja du meine Güte, das ist ja nun wirklich ein alter Hut, und Abrahams Abgrenzug legt nahe, dass die Leib- und Sexualfeindlichkeit im Christentum aus der anderen als der jüdisch-biblischen Quelle stammt, nämlich dem hellenistisch-griechischen Denken, wo sie durch Platons Leib-Seele-Dualismus hineingelangt ist und durch seine “essentialistische” Philosophie, nach der die ewigen Ideen die wesentlichen Dinge sind im Vergleich zu den vergänglichen körperlichen.
Ich war gestern in einer philosophischen Gesprächsrunde, in der es um den Kyniker Diogenes ging, der damals dagegen opponierte und der öffentlich auf dem Marktplatz seine Notdurft verrichtete und masturbierte, um “die Gesellschaft” zu schocken und zu provozieren, und wir sind dahin übereingekommen, dass solches heute auf der Bühne des Bremer Theaters geschieht und den Leuten nur ein müdes Gähnen entlockt.
Wenn eine relevante Anzahl von Katholiken das Verbot der Empfängnisverhütung so ernst nähmen, wie die Protestantin Von der Leyen, müsste diese keine politischen Anreize zur Erhöhung der Fertilität schaffen.
Man kann, wie gesagt, die Kirche auch mal im Dorf lassen und bei zunehmender Verstädterung auch außerhalb der Kirche mal auf dem Teppich bleiben, auf dem man sich innerhalb derselben offenbar längst befindet.
03.02.09 - 13:27
99. heinrich
@ Werner Thiele-Schlesier # 97
Gegen welchem Mist muss man denn hier noch alles anschreiben?
Im Gegensatz zu deinen Kontrahenten greifst du nicht zu kurz, sondern genial daneben.
Was “ethischer Atheismus” sein soll, ist mir schleierhaft, den entscheidenden Anstoß aber zu einer säkularen und humanen Ethik, die sich nicht auf religiöse Dogmen, sondern auf ein dem Menschen innewohnendes Sittengesetz stützt, hat der fromme und gläubige Protestant Immanuel Kant gegeben.
Auf die Hexenverbrennungen habe ich die ganze Zeit gewartet, und konnte mir ehrlich nicht vorstellen, dass dieser notorische Reflex im Zusammenhang mit einer Diskussion über die Kirche unterdrückt bliebe. Wo bleiben, bitteschön, die Kreuzzüge?
Eigentlich habe ich die Faxen dicke, aber wenn ich dazu den Nerv und die Zeit wieder aufbringe, spitze ich vielleicht auch gegen dieses von historischer und kulturgeschichtlicher Unkenntnis strotzende Vorurteil noch die Feder.
03.02.09 - 14:20
100. Abraham
@ # 96. sonne
Dann müsste doch der Titel lauten “Gott ist manchmal kein guter Hirte”. Aber das wäre dann nicht besonders verkaufsfördernd.
“Zudem macht er deutlich, wo das Aggressionspotential herkommt und welche Rolle dabei das dogmatische Denken spielt.” Um auf diese Argumente einzugehen, müsste ich das Buch lesen. Ich kann nur gegenhalten: Nicht alle Religionen sind dogmatisch oder agressiv.
@ # 97. Werner Thiele-Schlesier
Erstens ist es nicht richtig, dass “Religionen neben sich keine anderen geduldet haben”, weil es in der Geschite immer wieder Abschnitte eines mehr oder minder friedlichen Zusammenlebens des Islams, des Christentums und des Judentums gab. Zweitens ist die Zeit der “Atheistenverfolgung” längst vorbei. Drittens weiß ich nich, wer in diesem Blog Atheisten (in ihrer Gesamtheit) als dogmatisch bezeichnet hat.
03.02.09 - 14:34
101. sonne
@ Heinrich:
“Will sagen: auch wenn du in meinem Umfeld lebtest, müsstest du um eine gemäße Antwort auf die die Frage deiner Kinder ringen, wer, zum Teufel, denn Gott sei, und sie werden sich ggf. ungerecht behandelt fühlen, wenn ihre Materie sich nach ihrem Tod in den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen begeben muss, während die Seele von Lena in den Himmel entschweben darf.”
Nun, da ich dieses Problem bereits selbst bewältigen durfte, kann ich vielleicht dazu mal Stellung nehmen: Ich selbst bin mit meiner Volljährigkeit aus der Kirche ausgetreten (und gebe gerne zu: dazu musste ich erst meine höllische angst vor dem Fegefeuer und ewiger Verdammnis überwinden) und mein beiden Kinder sind nicht getauft Ich gebe zu: Ich stand in meiner Familie ganz schön unter Rechtfertigungsdruck wegen Unverantwortlichkeit und dergleichen). Natürlich kam irgendwann diese Frage auf. Ich habe meinen indern erzählt, was ich darüber weiß, habe ihnen gesagt, man kann daran glauben, man muss es aber nicht,; ich selbst glaube eher nicht daran. Dann habe ich es ihnen freigestellt, ob sie am Religionsunterricht oder alternatv an Werte und Normen teilnehmen wollen, habe ihnn geraten, sich beides anzuhören und sich ein Urteil zu bilden. Beide Töchter sind eine Weile zum Religionsunterricht gegangen (denn Werte und Normen fand am Nachmittag statt) und haben schließlich nach zwei Jahren gewechselt. Sie hatten den Eindruck, vera…. zu werden, weil man ihnen zumutete, die so genannten Wunder hätten tatsächlich so stattgefunden wie es in der Bibel steht. Später hat sich eines meiner Kinder als Erwachsene taufen lassen, das andere nicht. Ich kann beides gut respektieren. Mit meiner Schwester, die zum Katholizismus übergetreten ist, führe ich gerne religiöse Gespräche, ganz einfach weil mich interessiert, wie sie denkt. Da wir uns beide gegenseitig respektieren, gibt es kein Problem. Ein Problem hätten wir dann, wenn wir uns gegenseitig überzeugen wollten, denn in dieser Art der Missionierung (egal ob zum Glauben oder zum Atheismus) liegt m.E. eine unglaubliche Respektlosigkeit.
Aber dieser fehlende Respekt ist eben das Problem. Und das ist es eigentlich, worum es Hitchen geht. Ich zitiere noch mal aus seinem Buch zum Karikaturenstreit:
“Statt mit einem wortgewandten alten Jesuiten in Georgetown zu diskutieren, musste ich in die dänische Botschaft eilen, um meine Solidarität zu bekunden, während andere Botschaften Dänemarks in Flammen aufgingen, weil in einer Zeitung in Kopenhagen ein paar Karikaturen erschienen waren. Diese jüngste Konfrontation war besonders deprimierend. Als Reaktion darauf, dass islamische Banden die diplomatische Immunität verletzten und Todesdrohungen gegen einfache Bürger ausstießen, verdammte seine Heiligkeit der Papst und der Erzbischof von Canterburys – die Karikaturen! In meinem Gewerbe wetteiferten die Kollegen um die schnellste Kapitulation, indem sie über e strittigen Bilder berichteten, ohne sie zu zeigen – und das zu einer Zet, in derd ie Massenmedien fast ausschließlich vom Bild beherrscht sind.. Euphemistisch wurde getönt, man müsse “Respekt” zeigen, doch ich kenne eine Reihe der betreffenden Chefredakteure und kann mit Bestimmtheit sagen, dass das Hauptmotiv für ihre “Zurückhaltung” schlichtweg Angst war. Anders ausgedrückt: Einer Handvoll religiöser Rabauken un Maulhelden gelang es, die Tradition der freien Meinungsäußerung in ihrem Herkunftsgebiet, nämlich den westlichen Ländern, auszuhöhlen. Und das im Jahre 2006!”
Das ist es, wogegen Hitchen anschreibt. Sein Ziel liegt nicht darin, Menschen ihren Glauben auszureden, den er ausdrücklich respektiert.
03.02.09 - 15:02
102. sonne
Sorry, irgendwer frisst laufend meine Buchstaben!
03.02.09 - 15:09
103. Gerold
Diese ganze Aufregung um Papst Benedikt XVI. verstehe ich nicht: er tut lediglich das, was seines Amtes ist, nämlich konsequent und kompromißlos auf die Befolgung der Lehre der römisch-katholischen Kirche zu bestehen. Da diese anscheinend weitgehend unbekannt ist, empfehle ich jedermann dringend die Lektüre der folgenden Schrift:
Josef Neuner und Heinrich Roos: Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung – 13. Aufl. / Regensburg: Friedrich Pustet, 1992.
In einem Freiburger Antiquariat habe ich dieses Buch bereits für EUR 5,00 angeboten gesehen.
03.02.09 - 15:40
104. Werner Thiele-Schlesier
@ Abraham
Schau Dir doch den Pontifex an. Dann erkennst Du, wer anderen die Freiheit abspricht, so zu leben, wie sie wollen. Wenn dass keine Ideologie ist?
03.02.09 - 15:53
105. heinrich
@ Sonne
Danke für deinen Bericht, als dessen Adressaten ich eher Rudi empfinde. so oder so, dazu kann man doch bloß sagen: so soll man es machen! Sowohl zu deinem Hintergrund als auch den Erfahrungen deiner Töchter vermute ich allerdings eher konservative protestantische als katholische Pfarrer die es aber eben auch gibt.
Zu Hitchen sage ich wie Abraham, um ihn wirklich zu beurteilen, müsste ich das Buch lesen. Ich frage mich allerdings, wieso aufgeklärte Leute wie du und ich sich einen Bestseller reinziehen sollten, um uns darüber klar zu werden, dass Leute, die Karikaturen mit Feuer und Bomben bekämpfen, durchgeknallte Arschlöcher und Verbrecher sind. Wusstest du das nicht vorher? Was soll das mit einer seriösen Religionskritik zu tun haben?
Die paar Zeilen, die du zitiert hast, reichen mir allerdings, um in aller Vorsicht hinter dem Buch ein demagogisches Machwerk zu vermuten.
“Belgard, Belfast, Bagdad”, das suggeriert, als könne man die Beispiele beliebig durchs Alphabet buchstabieren. Tatsächlich handelt es sich bei allen drei Städten um solche, wo soziale und politische Konflikte im religiösen Gewand ausgetragen werden, enschließlich militanter Gewalt. Ich frage mich auch hier, was das mit seriöser Religionskritik zu tun hat.
Und was hat der einleitende Satz “Statt mit einem wortgewandten alten Jesuiten in Georgetown zu diskutieren” im entsprechenden Zusammenhang zu suchen, außer ohne jeden konkreten Anlass einfach so beiher mal eben eine Attacke gegen die Katholiken und Jesuiten zu reiten?
03.02.09 - 16:17
106. sonne
Was den Karikaturenstreit angeht, haben Sie ganz sicher Recht. Aber es geht nicht nur um die Durchgeknallten, zu solch einer Entwicklung gehören immer zwei Seiten, nämlich auch die, die unter dem Deckmantel des Respekts gegenüber einer solchen Militanz einfach so leichtfertig Boden preisgeben.
Nun ja, schließlich habe ich dieses Buch ja auch vorgestellt, um dazu zu animieren, es zu lesen! ;-)
“Und was hat der einleitende Satz “Statt mit einem wortgewandten alten Jesuiten in Georgetown zu diskutieren” im entsprechenden Zusammenhang zu suchen, außer ohne jeden konkreten Anlass einfach so beiher mal eben eine Attacke gegen die Katholiken und Jesuiten zu reiten?”
Ich glaube, da sind sie jetzt doch ein bisschen zu argwöhnisch. Hitchen genießt solch Diskussionen und schätzt seine Diskussionspartner. Insofern liegt in seinen Worten keinerlei Attacke!
03.02.09 - 17:17
107. Abraham
@ # 104. Werner Thiele-Schlesier
Ich habe noch nicht mitbekommen, dass der Papst außerhalb der Katholischen Kirche Autorität beanspruchen würde. Ich lasse mir von ihm jedenfalls nichts vorschreiben und Heinrich, als ex-Katholik, wahrscheinlich auch nicht.
03.02.09 - 17:50
108. sonne
Am besten stellen Sie sich Hitchen als einen britischen Gelehrten vor, der in bester Debattiertradition entspannt, sachlich, manchmal polemisch und sehr unterhaltsam argumentiert. Getreu nach dem Motto: “Ich respektiere Ihre Meinung, auch wenn ich sie nicht teile. Ich würde sogar mein Leben dafür einsetzen, das Sie sie weiter äußern können.”
Vielleicht ist das auch das Attraktive an dem Buch, dieser Mangel an Eifer und Fanatismus in einer Debatte um Religion, die so leicht in Rechthaberei und Gereiztheit ausartet, wie wir das hier in Deutschland oft beobachten können
03.02.09 - 17:51
109. Abraham
@ # 98 Heinrich
Lieber Heinrich,
muss ich nochmals betonen, dass ich die Glaubensfreiheit auch der Atheisten genauso achte wie unser gemeinsamer Freund Lessing? Ich wollte den Konformitätsdruck der Mehrheitsgesellschaft, dem Rudi und ich gleichermassen ausgesetzt sind, nicht verharmlosen. Nur die Frontstellung tolerante Atheisten gegen intolerante Religiöse halte ich für falsch.
03.02.09 - 17:57
110. Abraham
@ # 101 Sonne
Religionen sind nicht sakrosant und es ist falsch, Intolleranz zu respektieren. Es gibt nicht wenige Menschen, die aufgrund ihrer religiösen Überzeugung gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit gekämpft haben, wie Martin Luther King. Und aus religiöser Überzeugung haben viele Juden in den USA die schwarze Bürgerechtsbewegung unterstützt.
Aus der Schilderung Ihrer persönlichen Erfahrungen schließe ich allerdings, dass wir gar nicht so weit auseinander liegen.
03.02.09 - 18:13
111. Uwe Theel
@91. sonne
Liebeb Sonne,
obwohl ich die Diskussion über Hitchen, der übrigens Amerikaner ist, inzwischen für ein ziemliches Nebengleis in diesem Thraed halte (ich dachte ihn mit einem “kurzen” Gedankenwechsel abhaken), wir waren hier schon weiter, will ich Ihnen auf Ihre zwei Fragen an mich natürlich antworten:
1) Was will ich sagen mit:
“ich fürchte so können Sie Hitchen nicht retten:”
Da soll sagen, Sie können Hitchen in seiner Argumentation gegenüber seinen Kritikern – auch hier im Thread nicht weiter stützen (“retten”).
2) Was will ich sagen mit:
” Dass Hitchen von allen Denominationen das Gleiche annimmt macht es im Einzelfall weder weniger schlimm, noch schlimmer als es schlimm ist.”
Da ging es mir nicht um erster Linie um den Komplex Antisemitismus, sondern nur darum, klarzustellen, dass es a) weder ein Argument sein kann am Beispiel von Mißbrauch durch oder in einer einzigen Religion kuzerhand auf alle religionen zu schließen und dann passende Beispiele zu präsentieren, die sich immer finden lassen, alle gleich schlimm sind, aber b) nicht einfach beweisen, dass sie in der Religion begründet liegen. Die von Hitchen/Ihnen angeführten Beispiele des Faschismus und Stalinismus hinken sowieso gewaltig, weil diese doch wohl eher selbst religionsfeindlich waren.
P.S.: Um die leidige Hitchen-Diskussion vielleicht abschließen zu können, verweise ich auf den rezenzionsnachweis bei Perlentaucher
http://www.perlentaucher.de/buch/27805.html
wo sich keinen seriöse Kritik findet, die Hitchen als tragfähig bezeichnete.
03.02.09 - 18:51
112. rudi
Ich möchte auf einen Aspekt hinweisen, der m.E. deutlich macht, mit welchen materiellen Zuflüssen die christlichen Kirchen staatlicherseits rechnen können. Es herrscht oft noch die Vorstellung vor, mit dem Austritt aus einer der beiden Kirchen könnte der Austretende auch die finanzielle Unterstützung der Kirchen einstellen. Dem ist bedauerlicherweise nicht so.
Beispiel Schulen: Jährlich fließen rund 2 Mrd. Euro in die Bezuschussung der Konfessionsschulen. Im Schnitt werden 90 Prozent der schulischen Aufwendungen vom Staat bezahlt. Der restliche Anteil setzt sich aus Schulgebühren der Eltern, die steuerlich absetzbar sind, und Zuschüssen der Kirchen zusammen. Ein entscheidender Punkt ist: Die Kirchen rekrutieren das arbeitende Personal selbst. Aus allen Stellenanzeigen, die ich je gelesen habe, geht hervor, dass potenzielle Interessenten sich mit den Zielen der Einrichtung zu identifizieren hätten. Es gilt nicht das allgemeine Arbeitsrecht sondern das kirchliche. Da es sich um Tendenzbetriebe handelt, können an die Mitarbeiter entsprechende Anforderungen, die in das Privatleben hineinreichen, gestellt werden.
In einer Broschüre des Bonifatiuswerks der dt. Katholiken „Katholische Schulen bieten mehr“ wird die Funktion der schulischen Engagements so beschrieben: „Wie bei der Christianisierung Europas die Schulen ein zentraler Träger der Missionierung waren, so leisten sie unter den veränderten Bedingungen unserer modernen Gesellschaft bei der Neuevangelisierung einen wertvollen Dienst.“ Und diesen Dienst unterstützen alle, die zwar nicht Mitglied einer der beiden Kirchen, aber zu den Steuerzahlern zu zählen sind.
Diese Zustände herrschen auch in anderen Bereichen: Kindergärten, Krankenhäuser, Militärseelsorge u.a. Alles funktioniert nach dem selben Prinzip. An allen Ecken und Enden wird man fündig. Die Kirchentage haben beispielsweise Haushaltsposten beim Bund, beim Land und den Kommunen. Ich habe hier eine Aufstellung vor mir liegen (Quelle idea-spektrum, 25/1999) aus der hervorgeht, wie der ev. Kirchentag von 1999 finanziert worden ist (alle Zahlen in DM):
Teilnehmerbeiträge 7,9 Mio.
EKD 4,0 Mio.
Land BaWü 4,3 Mio.
Stadt Stuttgart 3,2 Mio.
Bundesregierung 1,2 Mio.
Das freut mich als Steuerzahler überhaupt nicht. Man kann sich über Lebensauffassungen, philosophische oder religiöse Welterklärungen trefflich streiten. Jedoch mag ich die geistigen und die materielle Grundlagen nicht voneinander trennen, da theologische Interessen subventioniert werden, die wiederum bestimmte machtpolitische Konstellationen in der Gesellschaft stärken.
03.02.09 - 19:19
113. sonne
@ 111: Folgendes hatte ich geschrieben: “Am besten stellen Sie sich Hitchen als einen britischen Gelehrten vor”, und das eingedenk der Tatsache, dass er 1949 in Portsmouth geboren wurde, in Oxford studiert hatte und in England bis 1981 arbeitete. Insofern hat er ganz sicher seine wissenschaftliche Sozialisation very british erfahren.
Tut mir Leid, wenn ich in Ihre Diskussion reingeplatzt bin – wird nicht wieder vorkommen.
03.02.09 - 20:13
114. Uwe Theel
@113. sonne
… da braucht Ihnen nun aber wirklich nichts leid zu tun. Ihr Diskussionsvorschlag wurde doch ganz schön lange hin und her gewendet. Manchmal kommt eben was anderes raus, als man denkt.
Es geht aber immer weiter!
03.02.09 - 20:30
115. Elsbeth
Nun gut, unser aller Papst zeigt deutlich wie wenig “unfehlbar” er ist.
Er “menschelt” wie mancher Staatsanwalt und andere Behördenvertreter, die nur allzu gerne Geschichtsklitterung betreiben mögen.
Es ist Alltag. Unverarbeiteter Alltag, wie er oft in dieser Republik geschieht. Beispielsweise hier nach zu lesen unter: http://www.faz.net/print/Politik/Totengedenken-mit-SS-Losung
Ziemlich aktuell. In diesem Falle musste erst die Generalstaatsanwaltschaft Köln dem Kollegen erzählen wie er die Losung zu interpretieren habe. Geschichtsklitterung vom Feinsten. Vom Papst bis zum kleinen Staatsanwalt;-)
03.02.09 - 21:12
116. heinrich
@ Elsbeth
Geschichtsklitterung: wieso gibt es eigentlich nicht den Begriff “Logikklitterung”? – Dass ein Aachener Staatsanwalt Geschichtsklitterung betreibt, ist ein klarer Beweis dafür, dass der Papst es auch tut.
Offenbar bist du hier an Geschichtsklitterung interessiert, mit durchsichtigem Interesse, sonst hättest du zu dem alten Hut dazu geschrieben, dass der katholische Ortsgeistliche sich 1984 geweigert hat, das renovierte Denkmal einzuweihen.
04.02.09 - 00:18
117. heinrich
Rudi,
Wir müssen leider alle damit leben, dass der Staat in unser aller Augen die Steuergelder oder einen Teil davon falsch ausgibt, und was du verschweigst: der Staat finanziert alle anerkannten Privatschulen gleichermaßen, ob nun Waldorf-, Montessouri- oder sonstige Schulen. Diese sind keine zusätzlichen teuren Einrichtungen, sondern erfüllen einen gesellschaftlichen Bedarf, der sonst von Schulen der öffentlichen Hand gedeckt werden müsste. Mindestens also ein Nullsummenspiel. Die Eltern sind nicht so dumm, nicht zu wissen, dass ihre Kinder dort katholisch erzogen werden, sondern wollen das natürlich. Sonst wären die Schulen leer und würden auch nicht mit Steuergeldern finanziert, ok.?
Zu diesem Punkt und zu deiner Kirchentagsnummer: Was glaubst du, wer die teuren Fußballstadien finanziert, nur die Vereine? Vielleicht mittlerweile, aber die ganze Infrastruktur übernimmt die öffentliche Hand. Ich weiß, wovon ich rede, ich brauche nur das Fenster aufzumachen, um zu hören, wie der Spielstand beim Werderspiel ist. Wer bezahlt die Hundertschaften, die die öffentliche Ordnung aufrecht erhalten, wer die Reinigungskräfte, die im Umkreis von einem Kilometer die Pappbecher einsammeln? Was kostet eine Fußballweltmeisterschaft? – Fragt einer, der nicht an den Fußballgott glaubt.
04.02.09 - 00:39
118. money
Was bitte sind denn Werte wie Moral und Wahrheitsliebe im Gegensatz zu Macht und Geld?
Diese Frage richte ich an alle Kirchenfürsten, Bänker, Politiker, Manager, Journalisten, die Weltbank, den Weltwährungsfond und die Lobbyisten.
Wenn sich diejenigen, die sich nicht betroffen fühlen müssen, öffentlich zu Wort melden würden, wäre dieser gewaltige Sumpf schnell ausgetrocknet.
04.02.09 - 03:51
119. Elsbeth
@ Heinrich:
Richtig, der katholische Geistliche verweigerte 1984 die erneute Einsegnung des inzwischen renovierten Kreuzes” tschuldigung hatte ich im Moment nicht parat!”
Doch die SS-Losung blieb! – Bis zum Jahre 2008 –
Besagter Aachener Staatsanwalt schrieb dazu am 9.10.07: “Das Mahnmal “Friedenskreuz” in Zweifall besteht seit 1947 und verdankt seine Bezeichnung u. a. einem die Anlage beherrschenden Kreuz mit dem gekreuzigten Jesus. Schon dies lässt die Annahme, die Anlage soll der – bekanntlich religionsfeindlichen . “SS” gedenken, fernliegend erscheinen. Die inkriminierte zweite Zeile der unmittelbar unter dem Kreuz aufgestellten mittleren Gedenktafel “Unsere Ehre heisst Treue” ist auch nicht – wie Sie meinen – die Parole der genannten verbrecherischen Organisation. Denn deren Sinnspruch, auf dem Koppelschloss der Uniform über dem deutlich sichtbaren Hakenkreuz eingraviert, lautet vielmehr (fettgedruckt) Meine Ehre heißt Treue. (…) (Zitatende)
Soviel zum “alten Hut” und der Geschichtsbetrachtung eines Aachener Staatsanwaltes 2007.
Nachdenkliche Grüße
04.02.09 - 08:34
120. Abraham
@ Heinrich
Der Papst hat sich von der Holocausleugnung distanziert und teilt sicher auch nicht die theologische Auffassung der Pius-Brüderschaft, die heutigen Juden seien Gottesmörder, so lange sie sich nicht zu Jesus Christus bekennen und die Taufe annehmen. Wäre es aber nicht angebracht, dass Rom gegen solche Verstöße auch mit Mitteln des Kirchenrechts vorgeht? Es muss ja nicht gleich wieder die Exkommunikation sein, sicherlich gibt es auch andere Möglichkeiten der Maßregelung, die Du uns erklären kannst.
04.02.09 - 09:28
121. Werner Thiele-Schlesier
@ Abraham # 120
Berufsverbot wie bei Küng?
04.02.09 - 09:34
122. Abraham
@ Elsbeth
Das Totengedenken mit einem SS-Spruch ist ein gesellschaftlicher Skandal, auf den, so der von Ihnen verlinkte Bericht, der dortige Bürgermeister angemessen reagiert hat. Die andere Frage – und nur mit dieser hat sich ein Staatsanwalt zu beschäftigen – ist, ob dieser Spruch in diesem Zusammenhang den Staftaatbestand der Verwendung von NS-Kennzeichen erfüllt. Über die Richtigkeit der Antwort kann man streiten, skandalös ist sie aber nicht. Eine demokratische Gesellschaft sollte sich nicht nur mit dem Strafrecht währen. Dass dies funktioniert, hat z.B. die schnelle Reaktion auf den “Werbespruch” “Jedem das Seine” gezeigt.
04.02.09 - 09:38
123. Abraham
@ # 121 Werner Thiele-Schlesier
Gegen Küng wurde kein “Berufsverbot” verhängt, er lehrt und publiziert munter weiter. Ihm ist die kirchliche Lehrbefugnis entzogen worden, was skandalös sein mag, aber doch etwas anderes als ein “Berufsverbot” ist.
04.02.09 - 09:43
124. Elsbeth
@ Abraham: “Das Totengedenken mit einem SS-Spruch ist ein gesellschaftlicher Skandal, auf den, so der von Ihnen verlinkte Bericht, der dortige Bürgermeister angemessen reagiert hat. Die andere Frage – und nur mit dieser hat sich ein Staatsanwalt zu beschäftigen – ist, ob dieser Spruch in diesem Zusammenhang den Straftatbestand der Verwendung von NS-Kennzeichen erfüllt.”
Ja, die Darlegung ist mir vertraut;-)
Die nachhaltige Aufforderung seiner vorgesetzten Behörde in Köln, der Generalstaatsanwaltschaft sowie das Kurzgutachten eines Historikers halfen besagtem Staatsanwalt in einem mehrmonatigen Prozess seinen Entscheidungsfindungsprozess zu beleben;-)
Letztendlich durfte er folgendes erkennen:
In der abschließenden Begründung im Ermittlungsverfahren gegen (…) findet sich am 02.06.08: “insbesondere auch mit Blick auf die zunächst erfolgte Einstellung des Verfahrens – überhaupt bewusst war,dass es sich bei der Inschrift in dem konkreten Kontext um eine dem Wahlspruch der “SS” zum Verwechseln ähnliche Formulierung handelt.(…)
Letztendlich geht’s meines Erachten “nur” darum, dass sowohl Papst Benedikt wie auch der Staatsanwalt recht wenig Geschichtsbewusstsein und Sensibilität im Umgang mit der nationalsozialistischen Historie erkennen lassen.
Nachdenklichen Gruß
04.02.09 - 15:34
125. Werner Thiele-Schlesier
Im Namen der Kirche – der katholpschen – jedebfalls darf er nicht mehr lehren.
04.02.09 - 16:20
126. heinrich
@ Werner Thiele-Schlesier # 97
Könntest du mir, bevor ich darauf näher eingehe, erläutern, inwiefern die Hexenverbrennungen beweisen, “dass Religionen neben sich keine anderen geduldet haben”? Bildeten die Hexen eine Religionsgemeinschaft, die von der evangelischen und der katholischen bekämpft wurde, oder was meinst du damit?
@ Abraham # 109
Nein, natürlich kenne ich deine achtenswerte Haltung zur Glaubensfreiheit. Ich hielt nur deine Aussage für missverständlich und dein Karnevalsbeispiel für etwas verfehlt. Aber das ist ja jetzt geklärt.
@ 120
“Wäre es aber nicht angebracht, dass Rom gegen solche Verstöße auch mit Mitteln des Kirchenrechts vorgeht? Es muss ja nicht gleich wieder die Exkommunikation sein, sicherlich gibt es auch andere Möglichkeiten der Maßregelung, die Du uns erklären kannst.”
Zwar weiß ich viel, lieber Abraham, doch möcht’ ich alles wissen (Faust). Ich bin ja kein Experte in Kirchenrecht, und das gehört auch nicht zu meinen vorrangigen Interessen. Die ganze Geschichte ist nach meinem Urteil eine Riesen-Panne, und die Verlautbarungen von Merkel, Knobloch und Müntefering empfinde ich nicht gerade als Pannenhilfe. Eine Reparaturarbeit wäre: Der Papst sollte so schnell wie möglich ein Treffen mit dem Oberrabbiner von Rom erwirken und dabei deutliche Worte der Verbundenheit der Kirche mit den Juden im Sinne des II. Vaticanums sprechen.
Auf seine kirchenrechtlichen Mittel einzugehen: Er wird und kann bestimmt nicht die Aufhebung der Exkommunikation, so fragwürdig sie der Sache und dem Termin nach auch war, nach vierzehn Tagen zurücknehmen. Katholiken, die sich so gut auskennen wie Müntefering, sollten lieber schweigen. die Exkommunikation ist aber erst einmal nur die Rücknahme des Ausstoßes aus der Kirchengemeinschaft, sie bedeutet noch nicht die Einsetzung der ohne Genehmigung Roms geweihten Bischöfe in ein Bischofsamt. Ob der Papst den Bischöfen irgendwann ein Bistum zuteilt oder sie als Titular- und Weihbischof einem Diözesanbischof zuteilt, kann und wird er von einer entsprechenden eindeutigen prinzipiellen Unterordnung unter die Lehren der Kirche, auch die des II. Vaticanums, abhängig machen.
Er könnte auch, wenn es nach meinem Geschmack ginge, seinen Nachfolger im Amt des Leiters der Inquisitionsbehörde nach einer Lücke suchen lassen, die es dem Vatikan womöglich erlaubte, ein Verfahren zu exekutieren wie vor vierhundert Jahren mit Giordano Bruno. Auf dessen Hinrichtungsstätte, dem Campo de’ Fiori in Rom, könnte man vor dessen monumentalem Denkmal ein hübsches Feuerchen entzünden, die vier Bischöfe gefesselt dorhin führen und auffordern, erstens zu widerrufen, dass die Juden die Christusmörder gewesen seien und seien, und zweitens, dass die historischen Berichte über den Massenmord an den Juden nicht der Wahrheit entsprächen, im Vertrauen darauf, dass sie die Standfestigkeit Giordano Brunos nicht an den Tag legen werden.
04.02.09 - 17:34
127. heinrich
@ Elsbeth
Danke für Ihre Belehrung in # 119! Ich kann mich jedoch gar nicht erinnern, zu der „inkriminierten“ Zeile irgendetwas „gemeint“ zu haben. Klitterung?
Dass Sie „recht wenig Geschichtsbewusstsein und Sensibilität im Umgang mit der … Historie erkennen“ lassen,.das finde ich jedenfalls, liebe Elsbeth, wie gesagt, von Ihnen auch. Über das Geschichtsbewusstsein des Papstes wissen Sie gar nichts. Sie können aber ja mal den Herrn fragen, dessen Konterfei bei dem Link zu Ihrem Namen abgebildet ist. Der steht in engem Kontakt mit Experten auf diesem Gebiet.
Die Stolberg-Story hat hier gar nichts zu suchen, sondern dient hier erkennbar nichts anderem als einer unqualifizierten Stimmungsmache gegen den Papst.
Aber wenn schon, folgende Bemerkungen: Eine Bekannte von mir wohnt dort, mitsamt der nahegelegenen Großstadt eine finstere Gegend! Heine dichtet in “Deutschland, Wintermärchen” zu seiner Ankunft dort:
“Zu Aachen langweilen sich auf der Straß’
Die Hunde, sie flehn untertänig:
»Gib uns einen Fußtritt, o Fremdling, das wird
Vielleicht uns zerstreuen ein wenig.«”
Trotzdem, lieber Abraham, der Prozess über das Denkmal wurde von antifaschistischen Protestaktionen begleitet. Ich finde es im Gegensatz zu dir durchaus skandalös, wenn der Satz, bloß, weil er im Plural steht, nicht als die SS-Losung geahndet wird, zumal dann, wenn Antifaschisten angeklagt werden, die durchgestrichene Nazi-Symbole zeigen.
Ein schönes Beispiel für Manipulation durch Auslassung seitens der Presse fand ich heute im Weser-Kurier-Online:
Dort wird der Umstand, dass der Vatikan Frau Merkel darauf hingewiesen hat, dass der eindeutigen Klarstellung, die der Papst bereits geleistet habe, nichts mehr hizuzufügen sei, so kommentiert:
„Die Forderung von Bundeskanzlerin Merkel nach einer Klarstellung im Zusammenhang mit dem britischen Holocaust-Leugner Bischof Richard Williamson wies der Vatikan zurück.“
Das erinnerte mich spontan an eine Katholen-Anekdote aus meiner Jungend, zu der Zeit, da der Papst noch nicht in die Welt reiste. Er schickte stattdessen seinen Kardinalstaatssekretär, einen stockkonservativen Kurienkardinal, nach New York zu dem dortigen liberalen Erzbischof. Nach seiner Landung wurde er von einem provokanten Reporter gefragt: „Werden sie in New York auch leichte Mädchen besuchen?“, worauf der mit der bissigen Gegenfrage antwortete: „Gibt es in New York leichte Mädchen?“
Am nächsten Tag stand in der Zeitung: „Erste Frage des römischen Kardinals nach seiner Landung: „Gibt es in New York leichte Mädchen?“.
04.02.09 - 18:16
128. Elsbeth
“Die Stolberg-Story hat hier gar nichts zu suchen, sondern dient hier erkennbar nichts anderem als einer unqualifizierten Stimmungsmache gegen den Papst.”
@ Heinrich: Würde es eher als Beschreibung einer Entwicklung werten, die nicht nur im Vatikan zu finden ist.
Um gegen den Papst Stimmung machen zu wollen bin ich emotional nicht nah genug dran.;-)
Nichts für ungut;-)
Und ob Aachen und Umgebung nun grauslig sind vermag ich nicht zu beurteilen. Jedenfalls zählt das Dorf in dem die SS-Losung überwinterte zu den ersten befreiten Dörfern. (September 1944) Über den Stolberg-Korridor ging’s dann gen Aachen. So kam es, dass Aachen die erste von den Amis befreite Stadt auf deutschem Boden war. Das Ende des Faschismus nahte.
04.02.09 - 18:32
129. Abraham
@ # 126. heinrich
Nun, es muss nicht gleich ein Scheiterhaufen sein. Dem Papst steht z.B. das Mittel des Schweigegebots (des Verbots öffentlicher Äußerungen), das vor Jahren gegen einen Befreiungstheologen verhängt wurde.
@ # 127. heinrich
“rotzdem, lieber Abraham, der Prozess über das Denkmal wurde von antifaschistischen Protestaktionen begleitet. Ich finde es im Gegensatz zu dir durchaus skandalös, wenn der Satz, bloß, weil er im Plural steht, nicht als die SS-Losung geahndet wird, zumal dann, wenn Antifaschisten angeklagt werden, die durchgestrichene Nazi-Symbole zeigen.”
Lieber Heinrich, auch eine umgewandelte SS-Losung ist nicht akzeptabel und der Protest der Antifaschisten gerechtfertigt. Muss man aber immer gleich das Strafrecht bemühen? Dass die Verfolgung von Antifaschisten wegen eines durchgestrichenen Hakenkreuzes skandalös war, sind wir uns auch einig.
Dein (bzw. Heines) Urteil über Aachen kann ich allerdings nicht teilen. Habe aus beruflichen Gründen in der Nähe einige Jahre verbracht und dort sehr weltoffene Katholiken kennengelernt. Allerdings habe ich dort auch viel von Intolleranz gegenüber Evangelischen gehört, mit denen noch in den 60er Jahren ein katholisches Mädchen niemals tanzen gegangen wäre.
04.02.09 - 19:28
130. rudi
@ 117 Heinrich
Heinrich, ich verschweige nichts. Mein Bedürfnis war, auf den Umstand hinzuweisen, dass es mit der Kirchensteuer nicht getan ist, sondern dass der Staat eines jeden Steuerzahlers Geld in den Tendenzbetrieb schiebt. Selbstverständlich gibt es noch andere private Schulen, die vom Staat gefördert werden, jedoch müssen die dortigen Schüler weder evangelisch noch katholisch sein. Ebenso wenig der Lehrkörper und schon gar nicht der Hausmeister. Allerdings – und das gestehe ich zu – sind die Konfessionsschulen verpflichtet 10% Schüler aufnehmen, die nicht der Glaubensrichtung des Trägers entsprechen. Sonst wäre der großzügige staatliche Zuschuss mit dem GG wohl nicht zu vereinbaren.
Aber auch die Menge der Schulen sollte nicht unerwähnt bleiben. Die Hälfte aller Privatschulen befindet sich in katholischer Trägerschaft, das sind 1.164. Die evangelischen bringen es auf ein Drittel. Und wenn ich Bruchrechnen nicht ganz verlernt habe, bleibt ein Fünftel für die anderen Privatschularten. Und ein Nullsummenspiel ist das für die Steuerzahler nicht ganz, denn wie wir alle in den letzten Jahren erfahren mussten, leiden viele öffentliche Lehranstalten unter zunehmender Marodisierung und zu großen Klassen. Solche Informationen sind aus dem Privatschulwesen noch nicht zu vernehmen gewesen. Und die Kirche ist stolz auf den zahlenmäßigen Ausbau ihrer Schulen, denn die dt. Bischofkonferenz schreibt: „Trotz der extremen Diasporasituation in den neuen Bundesländern wurden dort nach der Wiedervereinigung katholische Schulen neu gegründet, und zwar vier im Ostteil Berlins, sieben in Brandenburg, eine in Mecklenburg-Vorpommern, jeweils acht in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.“
Die Sache mit der Subventionierung des Berufsfußballs ist mir nicht unbekannt geblieben. Der sozialdemokratische Ministerpräsident des Bundeslandes, das von meinen Steuern profitiert, gilt als ausgesprochener Fußballfan, und der ließ dem Betze Millionen zukommen. Ministerpräsidenten, die sich über den Fußballsport definieren, müssen nicht zu den besten gehören.
04.02.09 - 20:15
131. heinrich
Rudi, ja, ich hatte dich wohl verstanden, fand eben nur, dass die Steuergelder besser in katholischen schulen angelegt sind als in Fussballstadien oder zockenden Banken und Unternehmen, von Panzern und Reketen zu schweigen.
Ich bin mir aber mit dir wahrscheinlich einig in der Präferierung einer Einheitsschule. Wenn aber die Verhältnisse nicht so sind, gehört der Bereich vielleicht zu denen, in denen die Linke eine kulturelle Hegemonie erringen müsste. Die Privatschul-Nummer hat ja auch einen sozialen Aspekt: Besserverdienende Eltern zahlen für eine bessere Ausstattung der Schulen ihrer Kinder, halten durch die Schulgebühren Kinder aus bildungsfernen Schichten, zumal Migrantenkinder raus und perpetuieren so das soziale Gefälle.
Abraham, danke für die Korrektur! Beruhigend zu erfahren, dass sich in Aachen seit den 1830er Jahren was verändert hat! Ich bin allerdings selber im Rheinland groß geworden, und Teile meiner buckeligen Verwandtschaft leben am linken Niederrhein… na ja! Zwischen Köln und Aachen empfiehlt es sich nicht, zur Zeit der Zuckerrübenernte über die Landstraße zu fahren, da klebste auf der Straße fest.
Die Haltung der katholischen Mädchen ist mit Intoleranz aber unzureichend beschrieben, auch wenn das den tanzwilligen evangelischen Jungs so erschien. Die Gegend war früher rein katholisch und erlangte in der Nachkriegszeit erst durch die Flüchtlinge eine konfessionelle Mischung. Elterliche Verbote aus Angst vor zu großer sexueller Libertinage, Cliquenbildungen in katholischen Jugendorganisationen, Furcht vor Verwicklungen im Fall von Sich-Verlieben oder gar dem Eingehen einer “Mischehe”, das alles waren Gründe, lieber “unter sich” zu bleiben. Das löste sich in meinem Umfeld erst in den 60ern allmählich auf.
Ansonsten war der rheinische Katholizismus immer schon einen Tick liberaler. Die Polen, die vor hundert Jahren massenhaft ins Ruhrgebiet kamen, wo sie heute noch alle Schimanski und Miezekatzekowski heißen, brachten vorsichtshalber ihre eigenen Priester mit und gründeten oder okkupierten eigene Wallfahrtsorte für ihre kultische Marienverehrung. Johannes XXIII., der viel konservativer war als sein Ruf, berief zwar das Konzil ein, um die Entscheidungsstrukturen zugunsten des Welt-Episkopats zu verschieben, aber ein ganz wesentlicher Motor für die inhaltlichen Reformen war der Kölner Erzbischof Kardinal Frings, an seiner Seite übrigens ein junger Theologe namens Karl Ratzinger, der nach Küngs Auskunft durch die 68er nach rechts gedriftet ist und sich vielleicht ja durch den Wind, der ihm derzeit ins Gesicht weht, ein wenig in dir richtige Richtung treiben lässt.
Aber ich komme hier, rheinisch gesprochen, mal wieder vom Hölzken aufs Stöcksken. Wenn Werner Thiele-Schlesier sich mit einer Antwort auf meine Frage weiter bedeckt hält, kann ich mir meinen Kommentar zu den Hexenverbrennungen, in dem ich mit einigen gängigen Vorurteilen aufräumen wollte, für eine andere Gelegenheit aufsparen und das Thema für mich für ausgereizt erklären.
Heinrich
04.02.09 - 23:06
132. heinrich
@ Sonne
“Tut mir Leid, wenn ich in Ihre Diskussion reingeplatzt bin – wird nicht wieder vorkommen.”
Hier ist nicht “Ihre”, sondern eine jedermann und jeder Frau offene Diskussion, und ich habe auch nicht das Empfinden, dass sie “reingeplatzt” sind, sondern dass sie sich legitimerweise eingemischt haben, und zwar mit bedenkenswerten Beiträgen, gegen die im Einzelnen Kritik natürlich erlaubt sein darf, die Sie aber ja wiederum nicht überzeugend finden müssen.
Was ich sagen will: Ich fände es schade, wenn es “nicht wieder vorkommen” würde, aber es ist natürlich Ihre Sache, wo sie Ihren Schwerpunkt legen und die Ihnen genehmeren Diskussionspartner haben.
Grüße jedenfalls so oder so von
Heinrich
04.02.09 - 23:29
133. sonne
@ Heinrich: Ich komme gerne wieder, vielleicht bei einem anderen Thema.
05.02.09 - 09:07
134. Werner Thiele-Schlesier
@ Heinrich # 126
Was anderes waren denn Hexenverbrennungen als der Mord an Andersdenkenden?
05.02.09 - 10:25
135. heinrich
@ Sonne
Klar, das Thema ist ja nicht nur ausgereizt, sondern hat sich erledigt.
Stephan Hebel hat die Kanzlerin unerschrocken aufgefordert, Flagge zu zeigen, die hat, gestärkt durch den Chefkommentator der FR im Rücken, unerschrocken den Papst zu einer eindeutigen Klarstellung zur Holocaust-Leugnung aufgefordert, der Papst hat erschrocken Bischof Williamson aufgefordert, seine Äußerungen zur Schoah unmissverständlich zu widerrufen, und der Jüdische Weltkongress ließ verlautbaren: “Dies war das Signal, auf das die jüdische Welt gewartet hat”, und das findet Frau Knobloch nun auch.
Kurz und gut zusammengefasst: Roma locuta, causa finita! Rom hat gesprochen, und morgens früh um sieben ist die Welt wieder in Ordnung. Danke, Stephan!
Und das tatsächlich bislang ohne Scheiterhaufen. Auf die komme ich, lieber Werner, später dann also doch noch zu sprechen.
Mit dem Schweigegebot als Alternative zum Scheiterhaufen, lieber Abraham, ist es so einfach allerdings nicht. Die ganzen Vorgänge hier sind Teil eines ausgeklügelten und genauen Rechtssystems, das wohl in großen Teilen auf das altrömische Staatsrecht zurückgeht. Die bischöfe sind, wie ich oben dargelegt habe, rechtmäßig, aber illegal geweiht. Dadurch wurden sie automatisch exkommuniziert, “communis” heißt “Gemeinschaft”, und “ex” heißt “raus!”. Das hat Benedikt in einem hektischen Eilverfahren nach nur zwanzig Jahren durch einen Begnadigungsakt zurückgenommen. Man sieht: auch an dieser altehrwürdigen Institution ist die Schnelllebigkeit der modernen Zeit nicht vorübergegangen. Der Standard ist eher: Bei Giordano Bruno dauerte das genau vierhundert Jahre. Hinrichtung im Jahre 1600, Teilrehabilitation im Jahre 2000. Heißt: Seine Lehre bleibt verworfen, aber die Strafe war ungerecht.
Was so ein Müntefering sich morgens um halb sieben ausdenkt, ist reiner und unüberlegter Populismus. Merkel fordert, also möchte Müntefering auch gerne. Der Papst soll die Rücknahme der Exkommunikation zurücknehmen. Das ist, als ob Bundespräsident Köhler Christian Klar per Unterschrift begnadigt hätte, der wird entlassen, Hessens Koch fordert ihn auf, das zurückzunehmen, Köhler folgt dem und ordnet an, Klar wieder einzusperren.
Der Gnadenakt ist also natürlich rechtskräftig, und vor einer erneuten Exkommunikation stünde ein erneuter Verstoß gegen das Kirchenrecht. Dazu gehört aber nun einmal nicht die Verdrehung historischer Tatsachen, so verwerflich sie moralisch und so fatal sie politisch immer sein mögen. Die Bischöfe sind damit wieder rechtmäßige Mitglieder der Kirche, aber nicht in ein bischöfliches oder sonstiges Amt eingesetzt. Als solchen kann ihnen der Papst auch kein Schweigeverbot auferlegen. Das würde nur bei theologischen oder kirchlichen Amtsinhabern greifen. Also bleibt ihm erst einmal nur der Appell, den er und sein Offizium sehr deutlich losgelassen haben, und die strikte Weigerung, den Bischöfen vor den entsprechenden eindeutigen Bekenntnissen irgendein Amt anzuvertrauen.
Mit dem Gnadenakt hat der Papst, so meine ich, dennoch gegenüber den Levebvristen einen klugen Schachzug gesetzt. Er nimmt den Bischöfen vor ihren Anhängern den Nimbus der Verfolgten, und diese können sich nicht mehr so bequem in einer Sekte außerhalb der Kirche einrichten, noch mit maximalen Forderungen an den vatikan herantreten, ihnen entgegenzukommen.
05.02.09 - 11:34
136. Abraham
@ # 97. Werner Thiele-Schlesier
Nachtrag zum Zusammenleben der Religionen: Selbst nach der blutigen Eroberung Jerusalems im Jahre 1099 durch die Kreuzritter kam es in den so genannten Kreuzfahrerstaaten laut Wikipedia “zu einem durchaus bemerkenswerten Wandel im Verhältnis zwischen Christen und Moslems: Fortan lebten sie in der Regel durchaus friedlich zusammen, den Moslems wurde in Grenzen eine freie Religionsausübung gestattet, desgleichen ihnen eine eigene Gerichtsbarkeit zugestanden. Auch gegenüber den anderen christlichen Konfessionen verhielten sich die katholischen „Franken“ (so wurden die Kreuzritter vor allem in arabischen Quellen genannt) durchaus tolerant. Diese Entwicklung war ebenfalls eine direkte Konsequenz der zu geringen Zahl zurückgebliebener Kreuzfahrer, die sonst den eroberten Raum nicht zu kontrollieren vermocht hätten – was aber ohnehin nur in gewissen Grenzen möglich war. Auch die Juden hatten in den Kreuzfahrerstaaten eine wesentlich bessere Stellung als in Europa und wurden in Outremer, wieder anders als in Europa, nach der Eroberung Jerusalems auch nie das Opfer von Pogromen.” Nicht zufällig lässt Lessing seinen “Nathan den Weisen” zu dieser Zeit im “Heiligen Land” spielen.
05.02.09 - 11:58
137. Abraham
@ # 135. heinrich
Lieber Heinrich,
schade, dass der Vatikan dich nicht zu seinem Sprecher gemacht hat (das ist nicht nur ironisch gemeint). Eine solche Erklärung, wie du sie hier in aller Kürze und Verständlichkeit formuliert hast, hätte die Bekantgabe der Rücknahme der Exkommunikation begleiten sollen. Wenn außerdem der Papst bekräftigt hätte, die Pius-Brüderschaft müsse zur vollständigen Rehabilitierung die Konzilbeschlüsse anerkennen (was die Aufgabe der Position einschließt, in Juden “Gottesmörder” zu sehen), dann wäre nicht so viel Porzelan zerschlagen worden.
05.02.09 - 12:08
138. Stephan Hebel
An alle, besonders Heinrich: Danke für den Teilnahmerekord! Und über Ihre, Heinrichs klare Erkenntnis, dass die Merkelsche Interventiojn und die Reaktion des Vatikans ausschließlich mir zu verdanken ist, habe ich mich sehr amüsiert! (Obwohl: Es stimmt natürlich…)
05.02.09 - 15:25
139. Werner Thiele-Schlesier
@ Abraham
Nicht jeder ist eben Nathan. Aber Visionen wird mensch doch wohl noch haben dürfen?
05.02.09 - 19:46
140. Abraham
@ # 139. Werner Thiele-Schlesier
Wer hat Ihnen abgesprochen, Vision habe zu dürfen? Ich verstehe nicht, auf welche meiner Aussagen Sie sich beziehen.
05.02.09 - 19:51
141. heinrich
@ Werner
Das verstehe ich nicht. Inwiefern meinst du, seien Hexen Andersdenkende gewesen und seien von der Kirche als solche ermordet worden?
Lieber Abraham,
danke fürs Kompliment! Sicher hätte sich das Zerschlagen so manchen Porzellans vermeiden lassen, auch durch seriösere und informiertere Berichterstattung, die ich von vornherein angemahnt habe. Vielleicht wären auch abwartendere Reaktionen von jüdischer Seite angebracht gewesen, das vermag ich nicht zu beurteilen.
Genauso sicher ist aber auch, dass die Öffentlichkeit und die jüdische Seite die Tendenz der Vorgänge nicht völlig falsch rezipiert hat, sondern dass hier der Vatikan zumindest unbesonnen gehandelt hat durch unnötige einseitige Vorleistungen an diese rechte Splittergruppe, die man vorschnell wieder integrieren wollte. Selbst wenn man glauben will, der Papst hätte nichts von der Holocaustleugnung Williamsons und von rechtradikalen Tendenzen in der Pius-Bruderschaft gewusst: er hätte es wissen müssen, bei entsprechender Sorgfalt, die der Vatikan in solchen Dingen sonst walten lässt.
Was aber gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, ist das schon jetzt deutlich gewordene Ergebnis, in Bezug auf welches ich denke, dich beruhigen zu können: Falls der Papst je vorgehabt haben sollte, sich den Bischöfen gegenüber im Interesse der Einheit konziliant zu zeigen und es mit ihrer Treue auch zu den Beschlüssen des Vaticanums nicht so genau zu nehmen: jetzt wird er es nicht mehr können. Und das wird mit Sicherheit entgegen Frau Knoblochs Vermutung nicht Frau Merkel zu verdanken sein, die sich besser mit den deutschen Bischöfen abgesprochen hätte, statt sich denen querzustellen, sondern nicht zuletzt diesem deutschen Episkopat, der sich in denkwürdiger Einhelligkeit und in gegenüber Rom noch nie gehörten kritischen Tönen geäßert hat.
Der Mainzer Kardinal Lehman hatte die Entscheidung Die Entscheidung des Papstes, Williamson zu rehabilitieren, als eine “Katastrophe” für alle Holocaust-Überlebenden bezeichnet und eine Entschuldigung des Vatikans gefordert.
Selbst der konservative Kölner Kardinal Meisner stellte klar, Die Pius-Brüder blieben eine schismatische Gruppe und ihre Bischöfe weiterhin suspendiert, bis sie das Zweite Vatikanische Konzil “in vollem Umfang anerkennen”. Und dazu gehört eben nicht zuletzt die eindeutige Ablehnung der christusmörder-Legende.
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, hat in der Zwischenzeit den Zentralrat der Juden zu einem persönlichen Gespräch nach Freiburg eingeladen, um sich ” der Gemeinsamkeiten und der Verbundenheit” zu versichern, “statt von einer Unfähigkeit zum Dialog auszugehen”.
Man darf also hoffen, dass alsbald neues Meisner (!) Porzellan das zerschlagene ersetzen werde.
05.02.09 - 21:02
142. heinrich
Hexenverbrennungen
Die Grundbefindlichkeit des mittelalterlichen Menschen war in einem Ausmaß, das wir uns heute nicht mehr vorstellen können, die Angst, die sein ganzes Lebensgefühl bestimmte, und ohne sich ansatzweise dahinein zu versetzen, lassen sich Erscheinungen wie der Hexenwahn, der seinen makaberen Höhepunkt aber erst im 17. Jahrhundert erreicht, und der widerspruchsvolle Umgang der Kirchen und Behörden damit schlechterdings nicht begreifen.
Erst ab dem 11. Jh. bilden sich Städte als bescheidene Marktflecken heraus, die absolute Mehrheit der Menschen lebte unter primitivsten Bedingungen in armseligen Dörfern, am absoluten Existenzminimum nach Abzug der Abgaben an die Feudalherren und in “normalen” Zeiten. die Natur als schöne und das Menschenherz erhebende Landschaft ist eine Erfindung der Romantiker des 19. Jahrhunderts. für diese Menschen war sie eine Bedrohung durch unverstandene finstere Mächte. Seuchen bei Mensch und Vieh, Unwetter und Missernten waren die Ursachen für die Entvölkerung ganzer Landstriche, undurchdringliche Wälder und Sümpfe zwischen den Dörfern bargen unvorhersehbare Gefahren.
In diesen hausten seit urdenklichen Zeiten böse Geister und Dämonen, und Naturkatastrophen, Missgeburten, Viehsterben und Seuchen wurden mit bösem Zauber erklärt, ausgelöst von Hexen und Zauberern.
Seit der Antike bis ins hohe Mittelalter versuchte die Kirche über Jahrhunderte den Hexen- und Zauberglauben zu bekämpfen, den sie als im Widerspruch zu ihren Lehren stehend empfand, ohne ihn jedoch wirkungsvoll ausrotten zu können.
Die Bischofssynode von Paderborn entschied Im Jahre 785: “Derjenige, welcher, durch den Teufel verblendet, nach Art der Heiden glaubt, dass jemand eine Hexe sein kann und deshalb diese verbrennt, wird mit dem Tode bestraft.” Von Karl dem Großen bestätigt, galt dies für die nächsten Jahrhunderte als Richtschnur kirchlichen Handelns gegenüber Anklagen wegen Hexerei.
Verbrechen war also nicht die Hexerei, sondern der unchristliche Glaube daran.
Die Umkehrung erfolgte im 13. Jh. unter zwei Bedingungen. Durch die Kreuzzüge und durch die maurischen Universitäten auf der iberischen Halbinsel kamen erstens abendländische Gelehrte mit dem in wissenschaftlicher und philosophischer Hinsicht viel weiter entwickelten Islam in Kontakt. Mit dessen Erkenntnissen hielt aber zugleich die maurische Magie Einzug ins europäische Denken, was nur scheinbar ein Widerspruch ist, tatsächlich wurde ja auch viel später noch Wissenschaft im Dienste der Magie betrieben: Man erforschte die Gestirne um der Astrologie willen, mit Hilfe der Alchimie sollte Gold hergestellt werden können usw..
Der große Kirchenlehrer des 13. Jahrhunderts, Thomas von Aquin, erklärte nun im Widerspruch zur tradierten Lehre Hexen und Dämonen zu realen Wesen, die im Bund mit dem Teufel stünden und im Dienste des Heils zu bekämpfen seien.
Zeitgleich mit dieser Entwicklung hatte sich zweitens mit den Albigensern in Südfrankreich eine religiöse Bewegung herausgebildet, die massenhaften Zulauf erhielt und eine eigene, von Rom losgelöste Kirche gründete. Sie wurden auch mit dem griechischen Wort “Katharer” genannt, was die “Reinen” bedeutet und von wo das Wort “Ketzer” abgeleitet ist. Nach vergeblichen friedlichen Bekehrungsversuchen rief der Papst zu einem Kreuzzug gegen die Katharer und den Grafen von Toulouse auf, der sie unterstützte, in dem sich vorwiegend der (nord-) französische König engagierte, der damit Südfrankreich unter seine Botmäßigkeit zu bringen gedachte. Eine der zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen, in denen sich religiöse mit machtpolitischen Zielen vermischen.
Um nach dem Sieg die verbliebenen “Ketzer” zur Rechenschaft ziehen zu können, wurden zunächst die bischöflichen, später das päpstliche “Inquisitionsgericht” gebildet, das später dann auch eine entscheidende Rolle bei der Bekämpfung der “Hexen” spielen sollte.
Wird fortgesetzt.
06.02.09 - 02:38
143. Werner Thiele-Schlesier
Es geht nicht darum, ob sie Anderdenkende waren sondern darum, dass sie als solche angesehen und ermordet wurden.
06.02.09 - 12:25
144. heinrich
@ Werner Thiele-Schlesier
Ich könnte dir auch im Telegramm-Stil antworten: “Nein, die Hexen sind nicht als Andersdenkende ermordet worden”. Dass das aber nicht mein Stil ist, dürfte hier jedem klar sein. Ich habe hier mal wieder so weit ausgeholt, um zu zeigen, dass die Dinge vielschichtiger sind, wenn man sich die Mühe macht, sie aus den Bedingungen der damaligen Zeit heraus zu begreifen.
Allein der Begriff “Andersdenkender” ist ein Begriff der liberalen säkularen Gesellschaft. Für die Scholastik geht es nicht um “Andersdenken”, sondern um Wahrheit und Irrtum. Und letzterer, wo er verbreitet wird, stellt einen Angriff auf den göttlichen Heilsplan dar, den der Teufel durchkreuzen will und wofür er Verbündete unter den Menschen sucht, die die Kirche um des Heilsplans willen zur Ordnung zurückbringen oder vernichten muss. Dass das damals die klügsten Denker und frömmsten Männer dachten und glaubten, magst du für barbarisch halten. Wäre Werner Thiele-Schlesier damals der Kaiser gewesen, hätte die Geschichte natürlich einen humaneren Verlauf genommen.
So aber kann man, bei allem Abscheu über den massenhaften Mord an Unschuldigen, zumindest für das Verstehen einige Verbindugslinien ziehen und einige Irrtümer im modernen Verständnis historischer Wahrheit benennen.
Dazu gehört: Die Inquisitionsgerichte bildeten zur damaligen Zeit einen ausgesprochenen Fortschritt im Rechtswesen, da erstmals überhaupt Urteile durch “rationale” und schriftlich fixierte Ermittlungen vorbereitet und begründet wurden. Da es aber keine Gewaltenteilung zwischen Ankläger, Richter und Verteidiger gab, da die Folter als Mittel der Wahrheitsfindung diente, wenn auch wohl in viel geringerem Umfang, als gemeinhin angenommen, und da anonyme Denunziationen in den Prozessen Berücksichtigung fanden, hält die Inquisitionsmethode einem Vergleich mit heutigen Rechtsstandards natürlich nicht stand. Darauf haben wir jedoch wenig Grund stolz zu sein: Sie war der Standard in weltlichen Gerichtsprozessen noch bis 1800 und wurde erst während der Napoleonische Besatzung abgeschafft zugunsten des Strafrechts der Französischen Republik. Das gilt auch für die Folter, die in einigen Gegenden Deutschlands noch im 19. Jh. in Gerichtsverfahren angewendet wurde.
So oder so: “Andersdenkende” waren die Irrlehren verbreitenden und die Christenheit spaltenden Ketzerbewegungen, und tatsächlich gab es im Mittelalter Überschneidungen in den Anklagen, dergestalt, dass die Ketzer als mit dem Teufel im Bunde angeklagt wurden und die “Hexen” dann analog der Ketzerei beschuldigt wurden. Das hing damit zusammen, dass zu der Zeit, wie dargelegt, der Hexenglaube der kirchlichen Dogmatik widersprach.
Der Höhepunkt des Hexenwahns war jedoch im 16. Jh. und zumal zu beginn des 17. Jhd., während des Dreißigjährigen Krieges. Da hatte sich aufgrund des geschilderten Umbruchs im allgemeinen Denken und auch in der Theologie im Hinblick auf magische Deutungen die Hexerei als Straftatbestand längst verselbständigt. “Hexen” sind fortan nicht als andersdenkende Ketzer angeklagt und verurteilt worden, sondern als böse Zauberinnen, denen ursächlich alles vorgeworfen wurde, was es an Schicksalsschlägen und Katastrophen gab: Missgeburten, Missernten, Viehseuchen usw.. Allerdings wurden sie weiterhin als einer Art ketzerischer Geheimsekte zugehörig verdächtigt, die sich am “Hexensabbat” nachts traf, welche Bezeichnung wohl antijudaistischen Reminiszenzen geschuldet ist, so wie überhaupt die Vorwürfe m.E. an das Brunnenvegiftungsmotiv des hohen Mittelalters erinnern.
07.02.09 - 01:04
145. heinrich
Schluss
Man kann sich die Hysterie und Panik, die die Massen gerade am Vorabend und während des Dreißigjährigen Krieges ergriff, wiederum nur mit einem noch gesteigerten allgemeinen Agstgefühl in Verbindung mit Aberglauben erklären. Gustav Freytag schreibt:
” “Die Furcht, eine bebende, klägliche Furcht, umzog entnervend die Herzen. Immer war ihr Gemüth voll von Aberglauben gewesen, jetzt wurde mit rührender Leichtgläubigkeit alles aufgesucht, was als Eingreifen überirdischer Gewalten gedeutet werden konnte. Man sah am Himmel die schrecklichsten Gesichter, man fand die Anzeichen furchtbaren Unheils in zahlreichen Missgeburten, Gespenster erschienen, unheimliche Laute klangen vom Himmel und auf der Erde.”
Zu den Naturkatastrophen kamen nun die verheerenden Heere (!), samt mitgebrachten Seuchen und Krankheiten. In einem Bericht über einen Überfall auf Schneeberg (1631) heißt es lapidar: Von den bürgern, beschedigten und erschreckten weibsvolck starben ihrer viel, sonderlich fiel auch die Soldatenkranckheit und Pest mit ein, daß diesen herbst bey 2000 starben und Schneeberg ziemlich leer wurde.” Und Jürgen Kuczynski schreibt in seiner “Geschichte des Alltags des deutschen Volkes” nach einer Fülle von erschütternden und eindringlichen Berichten:
“Angst ist der beständige Begleiter des Menschen in dieser Zeit – Angst, ob er vorwärts schreitet oder zurückblickt, ob er nach dieser oder jener Seite schaut. Angst, ob er auf die Erde sieht oder zum Himmel oder in sich selbst. Angst, ob er an sein Dorf, seine Stadt oder seine Familie denkt.
Angst, Angst, Angst.
Und diese Angst wurde noch geschürt von Predigern, keineswegs nur von katholischen, um einen weiteren verbreiteten Irrtum zu begegnen, sondern auch von evangelischen, die herumzogen und den Menschen schreckliche Dinge erzählten vom Treiben und Wirken der Hexen. Die waren in einer Bulle von Papst Innocenz VIII. und zumal im 1486 erschienenen sog. “Hexenhammer” seiner Inqusitoren, der Dominikanermönche Heinrich Kramer (Institoris) und Jakob Sprenger zusammengefasst, der auch die Grundlage für die weltliche Gerichtsbarkeit wurde. Dies zu einem weiteren verbreiteten Irrtum: Es wurden erheblich mehr “Hexen” von weltlichen Gerichten verurteilt und verbrannt, zumal in protestantischen Gegenden, als von der kirchlichen Inquisition. Es handelt sich um eine allgemeinere Erscheinung des Zeitgeistes, wo fanatische Geistliche beider Konfessionen, die weltliche Obrigkeit und Aberglauben und Hysterie der breiten Bevölkerung eine unheilige Allianz eingingen. Dass keineswegs nur, aber überwiegend Frauen die Opfer waren, dürfte übrigens weniger damit zusammenhängen, dass die Kleriker sich durch das weibliche Geschlecht sexuell provoziert fühlten, wie vielfach gemutmaßt wird, dazu passen kaum die Triefaugen und die gebückte Haltung der alten Frauen, die als Zeichen von Hexen angesehen wurden, als vielmehr der Umstand, dass die Versorgung des Viehs, die Nahrungszubereitung und Aufzucht und Verwahrung der Kinder, die empfindlichen Bereiche also, die Domäne der Frauen waren. Dass darunter besonders Heilerinnen und Hebammen gewesen wären, dafür gibt es entgegen den entsprechenden feministischen Identifikationsbestrebungen wohl keine Anzeichen.
Bei all diesen Erklärungsversuchen ist es aber keine Frage, dass es sich bei den “Hexen”-Verfolgungen und – Verbrennungen um eine der großen menschlichen und moralischen Tragödien der europäischen Geschichte handelt, bei der die Kirchen nicht nur versagt haben, sondern Schuld auf sich geladen haben.
Jedoch das Prinzip Hoffnung sagt: Das Licht kommt trotz der Finsternis! In diesem Fall aus den Reihen der Kirche selber, in Gestalt des aus meiner unmittelbaren Heimat stammenden Jesuiten Friedrich Spee von Langenfeld, mit dessen Namen sich stolz das Kolleg schmückt, an dem ich seinerzeit Abitur gemacht habe.
Er prangerte in seiner 1631 verfassten Schrift “Cautio Criminalis”, die er anonym verfassen und verbreiten musste, unter dem Schutz seines Ordens vor den dominikanischen Inquisitoren, den Hexenglauben, die Prozesse und die Folter an und leitete damit als früher Aufklärer ein allmähliches Umdenken ein.
07.02.09 - 02:05
146. Abraham
@ # 145 heinrich
Wie weit ist auch der damals unersütterliche Glaube, dass das irrdische Dasein ohnehin nur ein Jammertal ist und der Tod die Erlösung zum ewigen Leben bedeuetet, für die uns unvollstellbare Grausamkeit der Folter- und Blutjustiz verantwortlich? Die Inquisitoren, Folterer und Richter konnten ja “gutes” Gewissen haben: Hatten sie jemanden unschuldig verfolgt und zu Tode gebracht, haben sie ihm ja nur geholfen, weil sein Leiden zur Sühne beigetragen und damit die Zeit im Fegefeuer verkürzt wurde. Und schuldigen geschah nur recht, sie gehörten ohnehin in die Hölle.
Im Übrigen ist es der gleiche Glaube an das Jenseits, der in der Gegenwart islamistischen Terroristen Rechtefertigung für “Kolateralschäden” unter der eigenen Bevölkerung bietet. Die unschuldigen Opfer im Dschihad sind Märtyrer und kommen direkt in das Paradies.
07.02.09 - 11:45
147. heinrich
Lieber Abraham,
mit deiner rhetorischen Frage, auf die du gleich die griffige Antwort parat hast, hast du mir allerdings die Augen geöffnet.
Meine drei enggedruckten Seiten, auf denen ich versucht habe, das gängige “Wissen” über Ketzerverfolgungen, Hexenverbrennungen und Inquisition zu differenzieren, sind Makulatur.
Du hast dagegen bloß mit den zwei Begriffen “Jenseitsglaube” und “irdisches Jammertal” den Schlüssel zum Verständnis des Übels in der Welt gefunden. Mittelalter, Dreißigjähriger Krieg, Islam im 21. Jh., Ketzerverfolgungen, Hexenverbrennungen, Dschihad, alles eine Soße.
07.02.09 - 12:16
148. Abraham
@ # 147 Heinrich
Meine Anmerkung wollte in keiner Weise deine Ausführungen ersetzen, die sicherlich nicht nur ich mit großem Interesse gelesen habe. Deine profunde historische Einordnung und Korrektur vieler tradierten Klisches über die Hexenverfolgung wird doch nicht in Frage gestellt, nur weil ich einen zusätzlichen Aspekt in die Diskussion eingebracht habe. Und ich habe nicht den Eindruck, das durch meinen Hinweis auf die Paralellen bei der Jenseitsorientierung “Mittelalter, Dreißigjähriger Krieg, Islam im 21. Jh., Ketzerverfolgungen, Hexenverbrennungen, Dschihad” zu “einer Soße” wird.
07.02.09 - 13:44
149. heinrich
Lieber Abraham,
dann entschuldige bitte meine etwas zugespitzte Antwort! Gewiss wolltest du nur einen zusätzlichen Aspekt anführen, aber er erschien mir doch ein wenig plakativ dargeboten. Als ein wesentliches, vielleicht sogar das wesentliche Moment christlicher Glaubensüberzeugungen spielt der Jenseitsglaube natürlich auch in diesem Zusammenhang eine Rolle. Wie die im einzelnen aussieht, damit müsste ich mich beschäftigen und nochmals drei Seiten schreiben. Das Fass wollte ich aber, wie du verstehen wirst, nicht aufmachen.
Mir scheint jedenfalls die Angst schürende negative Form des Jenseitsglaubens, die Vorstellung von Teufel und Höllenqualen, im Zusammenhang mit dem Hexenwahn virulenter gewesen zu sein als die “vom Jenseits, wo die Seele schwelgt verklärt in ewigen Wonnen (H. Heine).
Die mir bekannten Christen, die einen Glauben an ein Weiterleben bzw. eine Auferstehung nach dem Tod pflegen, werden zudem jedenfalls wenig erbaut davon sein, dass du meinst, sie hätten den “gleichen Glauben an das Jenseits” wie islamistische Terroristen.
07.02.09 - 17:54
150. Abraham
@ 149. heinrich
Auch dies liegt mir fern, jedweden “Glauben an das Jenseits” – egal ob im Christentum oder im Islam – über den Kamm des Dschihadismus zu schären. Den Glauben auf Weiterleben nach dem Tode und an Auferstehung gibt es ja auch im Judentum, wenn auch wenig konkret ausgeprägt. Ohnehin gehört dies zu den Bereichen des Glaubens, die als “Geheimnis” charakterisiert werden können. Ich denke aber, dass wir zu weit weg vom Thema kämen, wenn wir die Diskussion vertiefen würden.
07.02.09 - 18:25
151. rudi
@Heinrich
Heinrich, ich verfolge weiterhin Deine Einlassungen zur rk-Kirche. An einer Stelle hast Du Dich zum Vatikansprecher, allerdings in der Rolle des “advokadus diaboli”, dem Sammler der Gegenargumente, erklärt, den, wie ich nachgelesen habe, es so nicht mehr geben soll und von Papst Johannes Paul II zum “promotor justitiae“, zum Förderer der Gerechtigkeit, umbenannt worden sein soll. Nun hast Du noch Deine Schule, die Dich zum Abitur geführt hat, vorgestellt, das Erzbischöfliche Friedrich-Spee-Kolleg. Die rk-Kirche hast Du, wie Du schriebst, vor 30 Jahren verlassen. Da warst Du wohl weit enger mit dieser Einrichtung verzahnt, als ich es je gewesen bin, der, als er 23 Jahre alt war, diese Vereinigung hinter sich gelassen hat. Meine Trennung war für mich befreiend, Deine muss, Deinem profunden theologischen Wissen nach, ein andauernder Prozess sein.
07.02.09 - 18:49
152. heinrich
@ Abraham
Ich weiß, dass du die Dinge differenzierter siehst, aber ich muss mir ja treu bleiben und mich an die Worte halten, die hier geschrieben stehen, ob sie nun von Hebel, Uwe Theel oder dir stammen, und deine Worte waren in # 146 nun mal: “Im Übrigen ist es der gleiche Glaube an das Jenseits, der in der Gegenwart islamistischen Terroristen Rechtefertigung für “Kolateralschäden” unter der eigenen Bevölkerung bietet.”
Im übrigen finde ich es einigermaßen pikant, dass in Sachen christliche Religion hier ein Jude und ein Atheist aus meiner Sicht die beste Verständigung untereinander haben und den Gegenstand differenzierter angehen als sonst irgendwer.
Die Diskussion über den Jenseitsglauben würde tatsächlich ein wenig weit führen, aber ich würde sie glatt führen, mitsamt dem Nachweis der religionsgeschichtlichen Spur, die vom Pharaonenreich und vom altpersischen Zoroastrismus wahrscheinlich über Babylon in das jüdische Denken und als platonische Idee von der Unsterblichkeit der Seele über den Hellenismus in das Johannesevangelium und die Paulus-Theologie gelangt ist, und ich wäre sehr interessiert an den verschiedenen Ausprägungen, die die Jenseitsvorstellungen in den unterschiedlichen Religionen und Epochen genommen haben. Allein, es zieht mich, entgegen meinem ursprünglichen Vorhaben, in die Niederungen der Politik zurück, indem ich wohl doch noch etwas in der Müntefering-Debatte zu bedenken geben werde, vielleicht zu Münteferings Text und zur scholastischen Diskussion zwischen BVG und Uwe Theel.
Rudi, du alter Filou,
das hätte ich natürlich berücksichtigen müssen, dass ich hier nicht einfach mein “Friedrich-Spee-Kolleg” offenbaren kann, ohne dass du mir auf die Schliche kommst, wenn ich dabei das “Erzbischöfliche” unterschlage. Und da das in meiner rheinischen Heima
07.02.09 - 20:18
153. heinrich
Lapsus: Unterbrechung
…und da das in meiner rheinischen Heimat liegt, ist es auch unfair mich auf biografische Details anzusprechen, denn dem Rheinländer wird ja bekanntlich nachgesagt, dass er an einem beliebigen Kneipentresen bereit ist, nach zehn Minuten jedem seine Lebensgeschichte zu erzählen, der sie nicht hören will.
Davon will ich aber hier nicht zuviel preisgeben und nur soviel sagen, als dass ich nach meiner Kollegzeit zwei Semester Theologie studiert habe und dann zu den Philosophen gewechselt bin, damals meine Distanz zur Kirche und zur katholischen Dogmatik schon begann, dass ich zwischenzeitlich ein ähnlich militanter Atheist war wie du – die größten Kritiker der Elche waren ja bekanntlich früher selber welche – dass ich aber in einer Art Altersweisheit mich erneut und vertieft mit Fragen der Religion und Religiosität auseinanderzusetzen begonnen habe, angeregt auch durch gebildete und kritische religiöse Grunde, dabei als philosophisch einigermaßen Gebildeter jeder Art von einfachen Antworten auf schwierige Fragen abhold bin.
Ich würde also meine Bewegung nicht als eine andauernde Trennung von der Religion beschreiben, sondern als einen wechselhaften Prozess von Abgrenzung und Annäherung.
Aber da du wohl so um die 35 bist, steht dir ein solcher Weg ja vielleicht auch noch bevor.
Sag’ mir aber noch eins: an welcher Stelle spiele ich den Advocatus diaboli? Das sehe ich nicht ganz.
07.02.09 - 20:50
154. heinrich
Berichtigung:
“…kritische religiöse Freunde”
07.02.09 - 20:53
155. rudi
@ Heinrich
Im Posting 44 an Abraham hast Du geschrieben:
„Soweit vom Vatikansprecher (Advocatus diaboli) Heinrich zur Differenzierung ohne urteilenden Kommentar. Einen lesens- und bemerkenswerten Kommentar gab es dazu vom zuständigen Mann, meinem Kollegen, dem Kurienkardinal Walter Kasper. Dazu würde mich dein Urteil interessieren.“
Ich habe das als selbstironische Geste verstanden, zumal Du noch den Kurienkardinal zu Deinem Kollegen gemacht hast.
08.02.09 - 08:12
156. Neuwirth Franz Xaver
Aus “Ein Punkt gähnt” Aphorismen ISBN 3-9803692-0-X
Der Pabst ist Vorstandssprecher Gottes
Im Taufbecken sind zig-Generationen geistig ertränkt.
10.02.09 - 12:31